Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 11 (20.3.1925)
- Date
- 1925-03-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Dfff WAHRHEIT Nr 11 und gesellschaftlichen Offiziosität bei solchen Anlässen! oder von einer in Szene gesetzten parteiagitatorischen Mache an sich. Sie waren vielmehr, spontan aus dem Volksempfinden heraus, der echte Ausdruck des Schmerzes der Massen um den Verlust des unersetzlichen Führers. Die Gegner hielten sich still im Hintergrund und machten erstaunte Gesichter, als sie <föe Tausende und Abertausende von* Bürgern, Angestellten und Arbeitern, oh.re Unterschied der Partei, Berufsorganisation und Gewerkschaft, stumm und gesenkten Hauptes an sich vorbe:defilieren sahen. Die an den Massenkundgebungen teilnahmen, fühlten Deutschland von der unsichtbaren Hand des Schicksals gepackt. Ein b^n^es Zetern ging durch ihre Reihen. Sie ahnten wohl, daß dem verblendeten deutschen Volke, in dem mißliebige Minister und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wenn sie einer Partei nicht genehm waren, einfach abgeschossen wurden, noch Schweres bevorstand. Scheint nun bei langsamer Normalisierung der allgemeinen Lebensverhältnisse in Deutschland die Geistesverfassung der Menschen mit zu gesunden und auch die Dolitisch-antisemitische Bewegung wieder im Rücklauf begriffen zu sein, für kommende ruhigere Zeiten bleibt die frische Vergiftung der deutschen Seele mit alten gehässigen Vorurte'len zurück. Dazu ist der Judenhaß in Henzem von Menschen eingesenkt worden, die bislang den Juden zum mindesten gleichgültig gegenübergestanden hatten. Man täusche sich nicht darüber, daß der Antisemitismus in Deutschland gegen die Vorkriegszeit Neuland hinzugewonnen hat. Daher stellt sich das neue republikanische Deutschland antisemitischer dar, als es das alte kaiserliche Deutschland zuletzt tatsächlich gewesen ist. Iwgjl Feuilleton liipjl Der holie Rabbi Low und die Sago vom Golem. Von Rabb. Dr. V. Kur rein, Linz. In fernem Lande, so erzählt eine Sage, findet ein Reisender das Kraut, das Tote lebendig macht. Hocherfreut über den Fund, beschließt er, die Wunderkraft des Krautes zu erproben. Er trifft auf einen toten Löwen und legt das Kraut auf ihn. Der Löwe erwacht zum Leben, springt auf, stürzt sich auf seinen Erwecker und — frißt ihn auf. Finder und Fund ist dahin. Diese Sage ist eine feine Satire auf das ewige, aber auch fruchtlose Bemühen der Menschen, das Geheimnis des Lebens zu ergründen. Hat einer das Geheimnis erlauscht, so hat ihn entweder der Löwe aufgefressen oder ist das Schiff, auf dem er gefahren ist, untergegangen oder er hat das Wort vergessen, das die Zaubermacht besitzt. Der Jüngling, der das verschleierte Bild zu Sais neugierig geschaut hat. hat nie mehr gesprochen. Der Zauberlehrling hat seines Meisters Wort und Kunst vergessen. Den Golem hat niemand mehr gesehen. Der hohe Rabbi Low, der Bildner und Beieber des Golem, ist ein anderer in der Geschichte und ein anderer in der Sage. In der Geschichte steht er als ein ernster Gelehrter da, der in seiner Zeit ernstgenommen wurde, weit entfernt von Sage und Mythe, für Judentum und jüdische Wissenschaft Bedeutendes geleistet hat. Wenn auch der Geschichtsschreiber Grätz die talmudischen und rabbinischen Kenntnisse Löws als „nicht so bedeutend" bezeichnet, daß er den zeitgenössischen Großen der polnischen Schule an die Seite zu stellen wäre, so ist doch KUMDPIACHUNG An die Judenschaft! Im Bestreben, selbst den allerstrengsten Anforderungen bezüglich der rituellen Zubereitung meiner Mazzoth ni^D Genüge zu leisten, ist es mir heuer gelungen, den w i.iba^ürs niezt orl vodixm O^egVöbhiner Ghaim Iz.iiok j;rucluniaüs Altstadt für die Oberaufsicht(Haschgachah) meiner Mazzoth-Bäckerel zu gewinnen. Ich habe meinen Betrieb durch Einstellung neuer, patentierter Maschinen bedeutend vergrößert und werden die Mazzoth auch hygienisch in der erdenklich sorgfältigsten Weise hergestellt. . Mazzoth und Mazzoth-Grieß sind bei mir heuer erzeugt und garantiert irisch zu haben und werden auf Wunsch auch prompt in die Provinz versendet Orthodoxe Mazzoth-Bäckerel . ü. $7IS1J1*39 WIee II., Rotensterngasse 11, Tel. 47-7-17. 2. In deutsch-jüdischen Kreisen begegnet man vielfach der irrigen Auffassung, daß am Wiedererstarken der politisch-antisemitischen Bewegung und judenfeindlichen Stimmung in Deutschland nach dem Kriege die eingewanderten Ostjuden Schuld seien. E'm Blick auf Frankreich, in dem während derselben Zeitspanne wenigstens eben so viele Ostjuden eingewandert sind wie in Deutschland, zeigt, daß die est jüdische Einwanderung wohl kaum Grund zum dieses Urteil mit Vorbehalt aufzunehmen. Ueber sein Leben erzählt der Rabbinatsassessor Maier Perls in Prag in einer Schrift Meeilath Jochasin, die im Jahre 1718 erschien. Jehuda Liwa ben Bezalel — so war der eigentliche Name — wurde im Jahre 1512 in Worms geboren. Sein Oheim war Jakob Worms, der als Oherrabbiner sämtlicher jüdischen Gemeinden des deutschen Kaiserreiches im Jahre 1563 starb. Ein Ahne unseres R. Löw war R. Löwe, der als eine der größten talmudischen Kapazitäten seiner Zeit seinen Sitz in Prag hatte, wo er im Jahre 1440 gestorben ist. Bai genauerer Untersuchung halten die obieen Angaben nicht stand, hauptsächlich bleiben sie mit dem unvereinbar, was der Chronist David Gans in seinem Werke „Zemach David" berichtet, so daß weder Worms als Geburtsort noch das Jahr 1512 als Geburtsdatum gelten kann. Es ist vielmehr anzunehmen, daß Löw ben Bezalel in Posen und zwar nicht vor 1520 geVoren ist. Im Jahre 1553 ist er mährischer Landesrabtiner, blieb ungefähr zwanzig Jahre in diesem Amte, ohne daß eine wissenschaftliche Leistung oder besonders hervorragende Tat von ihm In dieser Zeit in die Ocffentlichkeit gelangt ist. Er verläßt diesen Posten und kommt im Jahre 1573 nach Prag, aber nicht auf eine Berufung als Rabbiner hin, denn dort ist Josef Melnik im Amte. Er betätigt sich als Privatgelehrter, errichtet ein privates Lehrhaus, „Klaus" genannt, und bleibt elf Jahre in dieser Beschäftigung ohne öffentliches Amt. bis er im Jahre 1584 nach Posen übersiedelt, um dort als Großrabbiner und Lehrhausvorsteher seines Amtes zu walten. In Prag beginnt seine wissenschaftlichschriftstellerische Tätigkeit. Im Jahre 1578 erschien sein erstes wissenschaftliches Werk, eine Erläuterung zu dem _ Raschikommentar, unter dem Titel „Gurarje", also ein Anlehnen, Ausarbeiten, Ergänzen und Erweitern des im jüdischen Volke volkstümlichsten Buches. Im Jrhre' 1583 starb nach 30jahrigcr Tätigkeit Josef Melnik, der Oberrabbiner von Prag,, und die Stelle sollte neu besetzt werden, aber nicht R. Löw wurde ge-