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Die Wahrheit · 1925-03-20 · Heft 11 (20.3.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 11 (20.3.1925)
Date
1925-03-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT HeutscbösfOTClctitsclie Wod&nsdirlH mr füüisdic Interessen HU dem Beiblatt: Yer&iientlldiongen der „Union dentscliösterreidilsdier Jndcir Redaktion und Administration? fVfien ■■.„ Helvn^ftOraM« 13. — Per»ruf 42-9-1« XLI. Jahrgang Wien, 20. März 1925 Nummer 11 Wieso Antisemitismus? Von Oustav Oskar von Sternäcker, Berlin. Es gereicht uns zur besonderen Freude, nachstehend einen Artikel bringen zu können, in dem der Verfasser, ein christlicher Aristokrat, in umfassender Weise mit den Erscheinungen des deutschen Antisemitismus der Nachkriegszeit Abrechnung hält. Wir sind überzeugt, daß unseren Lesern eine derartige umfassende Darstellung der Entwicklung des Nachkriegsantisemitismus, von christlicher Seite beleuchtet, besonders willkommen sein wird. Die Red. 1. Ohne Berücksichtigung der Lage, in die Deutschland durch den Verlust des Krieges geraten war: Zusammenbruch des politisch-militärischen Systems, Staatsumwälzung und Wirren im Innern, politischer Druck von außen, bliebe der Geisteszustand des deutschen Volkes in den Nachkriegsjahren unverständlich. Das brachte u. a. mit sich, daß in Deutschland ein Hirnphantom, wie die sogenannte „Judenfrage", nach vorhergehender Entspannung zwischen Staat, Gesellschaft und Judenheit erneut -akut werden konnte. Seit dem für Deutschland unglücklichen Kriegsausgang steht jene „Judenfrage" als politisches, soziales und gesellschaftliches Problem hier wieder im Mittelpunkte des Tageskamipfes. Es wiederholte sich der in der Geschichte nicht ungewöhnliche Vorgang, daß der nichtjüdische Teil des deutschen Volkes seinen Unmut über die Verhältnisse gegen die Juden richtete, denen er die Verantwortung für alles Geschehene und das, was in und mit Deutschland weiterhin geschah, aufzubürden suchte. — Ausgerechnet das in jüdischen Händen befindliche „internationale" Finanzkapital sollte der am Kriegsausbruch Schuldige sein, den Eintritt Amerikas m den Krieg auf der Seite der Feinde Deutschlands herbeigeführt und die deutsche Niederlage durch den berüchtigten „Dolchstoß von hinten" besiegelt haben. Die Juden hätten, so raunte man einander zu, während des Krieges alles Gold1 von Deutschland nach Amerika hinübergeschafft. Dadurch sei von ihnen die Geldentwertung „gemacht" worden, damit der in jüdischen Händen befindliche Handel davon profitiere. Der „jüdische Geist" habe, sagte man, das deutsche Volk von innen heraus demoralisiert und korrumpiert. Natürlich seien die Juden alle „Schieber", die durch ihren „Wucher" das Volk aussaugten. Da der „Kapitalismus" eine jüdische Erfindung sei, hätten ursprünglich nur sie „kapitalistisch" denken und handeln können, bis daß es dann später auch die anderen von ihnen gelernt hätten. Angenommen, es gäbe für „christliche" Völker wirklich eine „Judenfrage", so wäre sie jedenfalls auf eine solch geistig primitve Weise, wie sie der Geisteshaltung von aus dem seelischen Gleichgewicht einer durch den Krieg zerrütteten und in ihren Grundfesten erschütterten Welt entspricht, nicht lösbar. Unter der Einwirkung einer landauf, landab planmäßig betriebenen Hetzkampagne in Wort und Schrift, die mit der antideutschen Propaganda während des letzten Weltkrieges eine auffallende Aehnlichkeit aufweist, erhielt die im deutschen Volk aus früherer Zeit noch immer sehr stark verbreitet gewesene Abneigung gegen die Juden frische Nahrung. Außergewöhnliche Zeitumstände bedingten auch hier außergewöhnlche Zeiterscheinungen. Der Grad der Erregung und die sich daraus ergebenden Handlungen — Ausschreitungen, verbrecherische Anschläge und Mordtaten — liefern ein getreues Spiegelbild der Zeit, für die sie typisch sind. Der an Walter Rathenau verübte Meuchelmord fällt allein jener maßlosen Judenhetze zur Last, deren Gefährlichkeit durch die begangene Untat am deutlichsten erwiesen ist. Rathenau, dieser große und edle Mensch, selbstlose deutsche Patriot, mußte auf eine so schändliche Art ums Leben kommen, bloß weil er als Jude unter der Reichsreg:erung Wirth auf dem exponierten Posten des Außenministers stand. Das Odium der intellektuellen Urheberschaft der Ermordung Rathenaus tragen prominente Führer der politischen Rechten, die, im Gegensatze zu England zum Beispiel, in Deutschland bisher immer noch mehr oder weniger antisemitisch eingestellt gewesen ist. Ohne die von dieser Seite ausgegangene Mordhetze lebte der übrigens ziemlich rechtspolitisch eingestellte Jude Rathenau — an den Schriften eines Paul de Lagarde hat er sich u. a. politisch gebildet — zweifelsohne heute noch und würde durch seine dem deutschen Volk und Land auf sorgenrerchem, verantwortungsvollem Posten geleisteten Dienste viel Böses erspart haben, das sich nach seinem tragischen Ende und gerade infolge desselben für Deutschland ereignet hat. Wrenn die deutsche Mark nicht erst stabilisiert worden wäre, nachdem sie bereits die Billionen erklommen hatte, und der Ruhrkrieg nicht hätte angefangen zu werden brauchen, weil die Alliierten unter einer glücklicheren Entwicklung der auswärtigen Beziehungen Deutschlands das Ruhrgebiet wahrscheinlich nicht besetzt haben würden, dann mag man hieran ermessen, welche „nationale Tat" die Meuchelmörder vollbracht haben. Die öffentlichen Trauerkundgebungen, die nach verübter Mordtat allerorts im Reiche stattfanden, hatten nichts von der üblichen politischen

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