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Die Wahrheit · 1925-03-13 · Heft 10 (13.3.1925) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 10 (13.3.1925)
Date
1925-03-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 10 DIE WAHRHEIT gesamte Schulwerk wird vom Aufbaufonds erhalten. _ Von! Kindergarten, der sich in jeder Kolonie befindet, bis zur Universität, die jetzt eröffnet wird. Es besteht die jüdische Organisation Hadassa, die eigene Spitäler und eigene Aerzte erhält und für die sanitären und hygienischen Verhältnisse sowohl der jüdischen, wie auch der arabischen Bevölkerung Sorge trägt. Diese Gesellschaft wird aus den Mitteln des Palästina-Aufbaufonds gespeist. Ich habe auf das Beispiel Griechenlands hingewiesen. Im Gegensatz zu Griechenland, das enttäuscht hatte, werden wir halten, was wir versprochen haben. Das Hebräische ist jetzt eine Landessprache geworden, das ist ein Wunder der Energie. Wir haben auch Menschen, die seit Hunderten von Jahren mit dem Lande nicht mehr in Verbindung waren, zu Landarbeitern gemacht nicht aus einem äußeren Zwange hinaus, sondern aus dem Bedürfnisse, mit dem Lande zu verwachsen. Wenn wir diese beiden Wunder fertiggebracht haben, so haben wir den Beweis für mehr erbracht." Nach einer Pause ergriff Adolf Böhm das Wort zu einem Referat, dem wir folgendes entnehmen: „Keren t Hajessod" bedeutet wörtlich übersetzt „Grundfonds", dem Sinne nach Grundlegtmgsfonds. Sein spezifisches Wesen und seine Aufgabe kann nur verstanden werden, wenn man die Eigenart des Problems des Aufbaues einer jüdischen Heimstätte in Palästina erkennt. Soziologisch bedeutet dieses Problem, daß sich eine Gemeinschaft von Menschen, die in aller Welt zerstreut unter allen Völkern der Erde lebt, ein Zentrum mit normaler Wirtschaft und eigener Kultur schafft. Im ökonomischen Sinne bedeutet es den Aufbau eines Landes mit rückständigster Wirtschaft, völlig unentwickelten Produktionsquellen, von denen die wichtigste, der Boden, nur mit großen Aufwehdungen erschlossen werden kann, mit spärlicher Bevölkerung, deren Produktionsstufe zum Teile noch mittelalterlich und deren Konsumkraft gering ist, der aber das Verständnis für das eigene Interesse an der Aufbauarbeit fast noch gänzlich fehlt, weshalb diese auch Widerstände politischer Natur zu überwinden hat. Der soziologische, wie der ökonomische Charakter der Aufgabe erfordern ihre Durchführung durch Kolonisierung einer wachsenden Zahl von jüdischen Einwanderern, ihre Produktivierung in allen Berufszweigen, vor allem dem landwirtschaftlichen als Unterbau und die Vorsorge für ihre kulturelle und landwirtschaftlichen Erziehung und Förderung. Die Möglichkeiten dieser Immigration hängen direkt von der gleichzeitigen Zufuhr von Kapital ab. Da bedarf es einer Anstrengung der kolonisierenden Gemeinschaft, um überall dort helfend einzugreifen, wo es gilt, erst die Voraussetzungen für eine normale Entwicklung zu schaffen, die Fundamente, auf denen sich eine normale Wirtschaft aufbauen kann, zu legen. Soweit es sich bei diesen Anstrengungen um opfervolle physische Arbeit handelt, war und sind viele Tausende von ausgebildeten jungen Leuten entweder schon in ihr tätig, oder zum Aufbruch bereit. Soweit es sich um materielle Mittel zur Grundlegung handelt, werden sie vom Keren Hajessod, der eben deshalb Grundlegungsfonds heißt, bestritten. Bloß für den Erwerb des Bodens besteht ein spezieller Fonds (der Keren Kajemeth). Der Keren Hajessod bringt seine Mittel durch freiwillige Selbstbesteuerung der Juden auf. Um so höher ist es da einzuschätzen, daß er in den Jahren seines Bestandes rund 1.75 Millionen englische Pfund aufbringen konnte. Eine stattliche Summe, die aber noch lange nicht genügend ist, für die Durchführung all seiner Aufgaben. Immerhin ist es dem Keren Hajessod gelungen, in der relativ kurzen Zeitspanne von vier Jahren tatsächlich den sogenannten toten Punkt zu überwinden, so daß heute die Entwicklung der jüdischen Siedlung in einem stets wachsenden Tempo vor sich geht Nach Ueberwindung von schweren Zeiten bewegt sich seit Anfang des Herbstes 1924 die Einwanderungsziffer auf durchschnittlich 2000 Seelen und trotzdem ist keine Spur von Arbeitslosigkeit zu merken, da auch die Kapitalszufuhr sehr rasch ansteigt" Der Referent versucht dann mit einigen Daten die Leistungen der ersten vier Jahre jüdischer Palästinaarbeit, die naturgemäß die schwierigsten waren, zu beleuchten und fuhr fort: „Ueberall, wo die Aufbauarbeit die Hilfe der kolonisierenden Gemeinschaft erfordert, Einwanderungshilfe!, Kolonisation, Schulwerk, Versuchswesen, Sanität oder, wo die Gemeinschaft für das Einströmen privaten Kapitals die Verbindungen schaffen muß, wie in der Industrie, dem Kreditwesen usw., ist ihr finanzielles Instrument der Keren Hajessod." — Anitta Müller-Cohen führte unter anderem aus: „Es ist schwer zu sagen, warum die Juden Palästina brauchen. Es sind der Gründe so viele und es gibt keine einheitliche Erklärung dafür. Kriege wurden geführt, Frieden geschlossen, Grenzen geändert, die Summe der politischen Unzufriedenheit ist nicht geringer geworden. Der allgemeine Unwille tobt sich gegen die Juden aus. Im Ostes wurden die Juden Opfer des plündernden Pöbels, in vieles Ländern Westeuropas wird der wirtschaftliche Kampf gegea die Juden mit Mitteln geführt die einem stillen Pogrom gleichen. Tausende Juden müssen wieder wandern. Wohin? Amerika schloß aus wirtschaftlichen Gründen seine Tore. England verhandelt über verschärfte Einwandenrngsbestimmungeiii die sich gegen Juden richten. Das einzige Land, das in den nächsten Jahren Juden in größerer Zahl aufnehmen kann und will, ist Palästina. Palästina bedeutet für die Juden nicht nur Erlösung von wirtschaftlicher Not und politischer Verfolgung, es soll in Zukunft auch das Zentrum jüdischer Kulturentwicklung sein. Palästina zu kolonisieren ist schwere Arbeit Kolonisieren unter der Bedingung, die Interessen der einheimischem arabischen Bevölkerung nicht zu schädigen, Kolonisieren ohne nationale Machtmittel, ohne hinreichende Geldmittel, diese Arbeit schien unwahrscheinlich groß. Die Pioniere der Palästinaarbeit haben das Unwahrscheinliche vollbrächt Palästina nimmt immer mehr den Weg zum Normalen, Dieser Satz, auf ein werdendes Land angewendet bedeutet höchstes Lob." Herr Dr. Ehrlich dankte dann den Pressevertretera für ihr Erscheinen und teilte mit, daß der 14. Zionistenkongref Mitte August in Wien stattfinden werde. Ein antisemitischer LogenfetdwebeL Der wegen seiner völkischen Tendenzen aus der Freimaurerei ausgeschlossene Robert F. Eskau, der vor ungefähr zwei Jahren die antisemitische Loge des \,Werkbundes deutscher Freimaurer" ins Leben rief, gibt u. a. folgendes zum Besten: „Der arische Rassenbegriff soll der Prüfstein sein bei den heutigen Führern der Freimaurerei. Wer hier versagt, der trete ab, denn er ist nicht geeignet, in dem ungeheuren Gesundungsprozeß unseres deutschen Volkes irgendwie befruchtend zu wirken." Vorher* aber sagt Eskau im antisemitischen „Hammer" sehr witzig und im Widerspruch mit dem sogenannten „Werkbund deutscher Freimaurer": „Daß ich eine völkische Freimaurerloge gründen möchte und gar mit dem verehrten Altmeister der völkischen Bewegung Theodor Fritsch, ist mir selbst ganz neu. Einen solchen Gedanken habe ich nie erwogen und werde ihn nie erwägen." Hoffentlich wird Herr Eskau bei seinem zukünftigen Logentagungen auch einmal das Buch Goldsteins „Rasse und Politik", dessen Existenz die völkischen Führer bisher ihren Anhängern unterschlagen, zur Debatte stellen, um dann allerdings zu beweisen, daß der Begriff „Rasse" ein jeweiliges, dauernden Veränderungen unterworfenes Mischungsergebnis darstellt. Denn bei dieser Gelegenheit dürften die antisemitischen Logenfeldwebel mit ihrer famosen „Dreschflegel-Humanität" schwerlich auf ihre völkischen Kosten kommen. R. V. Ein Hetz versuch der „Reichspost". Der „Reichspost" berichtet „man" vor kurzem den „kaum glaubhaften Fall", daB eine Einwohnerin von Palästina nach Wien gekommen sei, um sich hier von der Lepra heilen zu lassen. Die Morgenländerin (drückt sich die fromme „Reichspost" aus) Hegt im Wilhelminenspital und genießt dort die Behandlung zweiter Klasse gegen die Entrichtung der Gebühr für die dritte Klasse. Nun ist die Lepra in Europa gar nicht so selten, daß sie von einem Regierungsorgan so feierlich begrüßt werden müßte. Die k. u. k. Verwaltung in Bosnien hatte mit dem Aussatz, sehr viel zu tun und damals nahm niemand daran Anstoß, wenn ein armer Kranker die Hauptstadt aufsuchte, um hier Hilfe zu finden. Erst jetzt wo man in Wien nur das Hakenkreuz sieht, regt sich die „Reichspost" über den kaum glaubhaften Fall der Morgenländerin (merkst du was?) auf, die sogar angeblich weniger bezahlen muß als andere Kranke. Der leicht erklärlichen Enunziation setzt die Staatskorrespondenz die folgende amtliche Mitteilung entgegen: „Die an Lepra erkrankte Patientin ist die Frau eines Arbeiters aus Palästina, die zur Heilung ihrer Krankheit eigens nach Wien gekommen ist. Dia Unterbringung der Patientin erfolgte in einem als Isoliergebäude und für die Behandlung hochvirulenter Infektionskrankheiten bestimmten Objekte des Wilhelminenspitals. Die Patientin hat ihr eigenes Krankenzimmer mit vollständig isoliertem Eingang, mit eigenem Badezimmer, eigenem Klosett und eigener Waschgelegenheit: besser und sicherer könnte sie in keinem anderen Spital untergebracht werden. Trotz der einhelligen Meinung der Fachwelt über die geringe Gefahr der Uebertragbarkeft wurden die strengsten Isoliermaßnahmen durchgeführt.

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