Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 10 (13.3.1925)
- Date
- 1925-03-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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KCUiUUC^UEKtKti'^ttu^.'i.^i.\, i tsMUgwir«*!« ^«niiA«i.;^WM<>tii.«>«.;i.«f.>«ij<»^i>to^<ii«>«ii»«tfai^^ Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden'* luiuuuiiiuuunmHHiui launinimiininin 1 Wien IX. i! Berggasse 4 \ 1 Postsparkassen - Konto i I Nr. 9464 } 1 Telephon Nr. 19-2 77 1 Sammeltage. Das Kapitel Nächstenliebe reicht mit seiner Geschichte -weit zurück bis zu den ersten Menschengeschlechten]. Schon diesen hat die Vorsehung1 bei aller Ursprünglichkeii des Gemütes ein Stück Altruismus ins Herz gelegt. In weicher Form es damals zu Tage getreten, das läßt sich heute nicht feststellen. Gegenstände aus den ältesten Jahrhunderten vor der neuen Zeitrechnung sind aus der Tiefe der Erde ans Licht gezogen worden. Sie geben Zeugnis von der Kultur jener Zeiten, doch über die psychische Gebarung der Menschheit dieser Epochen ist noch kern ringerzeig bemerkbar geworden. Keine Wissenschaft ist noch so tief in das Dunkel dieser Vorzeit eingedrungen, um uns irgend einen Hinweis auf die seelischen Verhältnisse der Urmenschen zu bieten. Nur aus der physischen Beschaffenheit der Menschengestalt, die in ihrem Wesen bei allem Fortschritt und alier Entwicklung kaum ein Merkmal der Veränderung aufweist, schließen wir, daß die Fähigkeiten der Seele und des Herzens von der Natur schon in den ersten Menschen sozusagen in die Wiege gelegt worden war. Und im Laufe der Zeiten hat sich die Nächstenliebe bei allen Völkern der Erde mehr oder minder stark geoffembart; das ist der Trieb, Unglücklichen, Bedürftigen unter die Arme zu greifen. Diese Liebe äußert sich in unterschiedlichen Formen, besitzt aber nur das eine Ziel — Hilfe zu bringen. Bei uns Juden ist das Gefühl der Nächstenliebe besonders scharf ausgeprägt. Nicht nur, weil es einem Gebot unserer erhabenen Lehre entspricht, sondern auch weil durch das ganze Empfindungsleben des Juden diese heilige Pflicht stets von neuem, geboren und entwickelt wird. Dieses Pflichtbewußtsein hat auch den ärmsten Juden niemals verlassen, .selbst in den Zeiten ärgsten Bedrängnisses. Heute noch ist es bei ihm zumindest ebenso wach und rege, wie zu den ältesten Tagen. Das können wir täglich, man könnte fast sagen stündlich beobachten. Wenn es sich darum handelt, einem Notleidenden beizustehen, da langt auch der eingefleischteste Egoist — und solche gibt es unter allen Nationen — da langt auch er in die Tasche und gibt je nach seinem Gutdünken. Aber er gibt. Und das ist die Hauptsache. Ob nun die Gabe immer im Verhältnisse zu seiner Vermögenslage steht, das läßt sich allerdings nicht beurteilen. Aber der Jude gibt, gibt nochmals, gibt wiederholt und ist unermüdlich im Geben. Der Jude trägt nicht, weß Glaubens und Bekenntnisses derjenige, der seine Hand nach Almosen ausstreckt. Der Jude sieht in ihm nür den Armen, den Hilfebedürftigen, den Menschen, der eben der Unterstützung bedarf. Daran hält der Jude fest und wird daran festhalten, trotz des wüstesten Gescheies und der maßlosesten Anflegehing seitens seiner Gegner. Diese edle Herzenseigenschaft der Juden festzustellen, bedarf es unserer Zeilen nicht. Sie ist beim Juden verankert für alle Zeiten. Wenn wir aöer trotzdem diesmal auf sie hinweisen, so schweben uns gewisse Geschehnisse vor Augen, die wir während der letzten Tage aus nächster Nähe beobachten konnten. Da wird z. B. ein öffentlicher Sammeltag veranstaltet. Mädchen und Burschen mit den zum Empfang der pekuniären Widmungen bestimmten Gefäßen ziehen.auf und nieder, sprechen die Leute auf der Straße an und nehmen, was man ihnen reicht. Natürlich sind es wieder die Juden, die das Hauptkontingent der Geber stellen. So ist es ja imitier der Fall. Man nimmt das als selbstverständliche Sache hin und spricht nicht mehr darüber. Christ und Jud sind darüber einig. Sind die Gaben ja doch notleidenden Personen oder Anstalten gewidmet; welcher Jude wird stehda noch dem Geben entziehen? So ist es auch recht. Darüber wä'-e also nichts zu sagen und nichts zu schreiben. Wie aber, wenn der Erlös solcher Sammlungen nur jüdischen Zwecken zugedacht ist? Beteiligen sich da auch Christen oder nur Juden? Die jüngst stattgehabten zwei speziell jüdischen Sammeltage geben die Antwort darauf. Wir glauben, nach dem, was unsere Beobachtung erzielt, nicht daran, daß auch nur ein einziger christlicher Heller — Groschen kamen da noch nicht in Betracht — in eine solche jüdische Sammelbüchse gefallen ist. Das ist bezeichnend. Der Jude soll nur geben, dafür empfängt er Gemeinheiten. Nun, glücklicherweise sind wir auf fremde Beihilfe nicht angewiesen. Die Judenschaft fara da se. Sie sorgt aus ihrer Mitte dafür, daß der Ertrag der Sammelbüchsen seinem Zwecke entspreche. Doch erwartet sie es immerhin, daß diese jüdischen und nur jüdischen Beträge auch den menschenfreundlichen Zielen zufließen. Und weil wir gerade von den jüdischen Sammeltagen reden, sei da noch auf eine Seite der Angelegenheit hingewiesen. Sonder Zweifel haben sich bei diesen Sammeltagen zunächst die Mitglieder der „Union deutschösterreichischer Juden" mit Spenden eingestellt, wiewohl das ganze Arrangement zufällig nicht in direkter Weise ihrer Initiative entsprungen ist. Das tut aber nichts zur Sache. Unleugbar hingegen ist die starke Beteiligung der „Union"-Mitglieder an dieser Aktion in passiver und aktiver Form. Und davon sei hier die Rede. Auch die Jugendgruppe der „Union" hat ihre Reisigen ins Feld geführt. Auch sie kämpften in erklecklicher Anzahl für die Linderung der Notlage jüdischer Kreise. Es erscheint daher selbstredend, wenn sich die Mutter — hier der Mutterverein — um den Erfolg ihrer Kinder — hier der Jugendgruppe — eingehend kümmert. Gerne haben sich die Mitglieder dieser der „Union" zugehörenden Gruppe in den schönen Dienst der Wohlfahrt gestellt und sind ihrer Aufgabe mit Fleiß und Ausdauer nachgekommen. Und nun entsteht die Frage, die wir betonen wollen. Haben die Herren Arrangeure der Sammeltage dafür gesorgt, daß auch die Vertreter der „Union" bei Verteilung der Ein-