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Die Wahrheit · 1925-03-13 · Heft 10 (13.3.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 10 (13.3.1925)
Date
1925-03-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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werde. Hunderte wißbegierige Jünglinge, die wegen ihrer Religion die ungarische Heimat verlassen maßten, urn im Auslände ihre Studien fortzusetzen, werden nun erfahren» daß auch Stephan Haller, dem sie ihre Vertreibung verdanken, Rettung in der Fremde sucht. Wenn diese jüdischen Studenten wieder heimkehren, wird hoffentlich der Numerus clausus an den Universitäten, der Ungarn vor der zivilisierten Welt mit Schmach bedeckt hatte, aufgehoben sein. Aber sie werden auch Stephan Haller, den Schöpfer des Numerus clausus nicht finden, so wenig wie der Staataanwalt ihn gefunden hat. Ego. Bei unseren Brüdern in New York. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) Eines Abends fuhr ich in Begleitung eines Landsmannes, Mr. Isidor Winter, in der Untergrundbahn nach Brooklyn. Mr. Winter, ein begeisterter Jude, machte mich auf einen Juden in unserer Abteilung aufmerksam, der mit einem Knaben ganz ungeniert und ziemlich laut — Chumesch lernte. Es war ein entzückender Anblick, man vergegenwärtige sich ein solch „iniartiges" Vorkommnis in der Wiener Straßenbahn Mir stiegen Tränen in die Äugen; die Liebe zu unserer Thor ah ist im Herzen unserer amerikanischen Brüder nicht erloschen und solche Juden sind meiner Meinung nach noch heute bereit, für unsere heilige Sache einzustehen. Ich trat an den Juden heran und erkundigte mich näher über ihn. Er stammt ans „Oesterreich", d. h. erjst in Galizien geboren, kam als Kind mit seinen nltern nach New York und genoß hier eine jüdische Erziehung, wie sie nicht besser und schlechter in seiner Oeburtsstadt Mielitz hätte sein können. Nebenbei ging er in die Schule, lernte gründlich die englische Sprache; dann kam er in eine Gewerbeschule, in der er das Kleiderfach erlernte. Nun ist er seit 24 Jahren in einer großen Kleiderfabrik als Zuschneider beschäftigt; er findet seinen Lebensunterhalt und ist mit seinem Los zufrieden. Seit einem Jahr ist auch sein Sohn in der Fabrik, um unter seiner Aufsicht die Zuschneiderei zu erlernen. Jeden Abend fährt er mit seinem Sohne nach Hause — er wohnt in Brooklyn — und da er die in Amerika bekanntlich so teuere Zeit nicht unnütz vergehen lassen will, lernt er mit seinem Sohne jeden Abend Chumesch mit Raschi. Seine Hoffnung ist es. das Kind bei der „Jüdischkeit" zu erhalten. Wie jede andere Nation, Russen. Deutschen, Spanier, Italiener, Ungarn usw. haben die Ostjuden auf der Eastside jene heimatliche Luft geschaffen, an die sie von ihrer Heimat her gewohnt sind und die ihnen behaglich ist. Auf welcher kulturellen Höhe die Ostjuden stehen, wird man begreifen), wenn man erfährt, daß sie z w ö 1 f. j i d.d i s c h e Theater, in denen das jüdische Wesen verkörpert ist — das Gastspiel des New Yorker Künstlertheaters Morris Schwarz im Wiener Carl-Theater hat im Sommer 1924 hohe Bewunderung beim Publikum hervorgerufen — fünf jiddische Tageszeitungen, sowie zahlreiche Wochenblätter und Monatsschriften ihr eigen nennen. Es wird mit dem ostjüdischen Element im allgemeinen Leben New Yorks gerechnet. Die wichtigsten Kundmaohungen sind neben der der englischen, auch i n j i d d i s c h e r Sprache. Die Ostjuden bilden ein eigenes Geschäftsleben, aus dessen Unmittelbarkeit sich die Reichgewordenen langsam zurückziehen. Sie siedeln yon der Eastside auf die vornehme Westside über und so mancher, der in der Heimat ein hartes Leben fristete, bewohnt heute in New York ein eigenes Patrizierhaus. Glücklicherweise ändern sie nur die Wohnungen, halten aber ihre Verbindung mit ihren Landsleuten aufrecht.; * * * Auf den ersten Blick muß es schmerzlich berühren, daß in New York, der größten Stadt der Weit, die den zehnten Teil des ganzen jüdischen Volkes in der Verstreonmg. hat, eine vereinigte jüdische Kul'iusgemeinde, wie sie fast in den kleinsten Ortschaften Europas vorhanden sind, nicht besteht. Hier hat fast jede Ortsmannschaft eine eigene Gemeinde mit Bethaus, Rabbiner, Kantor und Schamos. Die bedeutenderen Kongregationen haben auch ihren eigenen Friedhof. Dieser Zustand muß als ein chaotischer und für die geistig-religiöse Entwicklung des New Yorker Judentums hemmender bezeichnet werden. Jede Gemeinde arbeitet mit einem Hochdruck, der beinahe nach Geschäft aussieht, um neue Leute an sich heranzuziehen. Als das beste Zugmittel dient der Chasan. (New York hat selbstverständlich auch eine „Chasante", eine für die kantorale Funktion vollkommen ausgebildete Frau, namens Sofie K u r z e r, aus Odessa, die ihre Kunst bei verschiedenen Veranstaltungen zeigt.) Daher die verlockenden Rufe an die Chasanim in Europa, die, solange Amerika keinen eigenen Kantorenstand haben wird, nicht verstummen werden. Den Kantoren in Amerika geht es glänzend und manche von ihnen, wie Rosenblatt, Kwartin und Rothmann, haben es zu fabelhaftem Einkommen gebracht. Durch den Mangel einer vereinigten Kehillah- Verwaltung leidet das innere Gemeindewesen in vielen Beziehungen. Jahrzehnte sind vergangen, unzählige Versuche sind gemafcht worden, um eine vereinigte jüdische Gemeinde zu schaffen, die um das Zustandekommen des wichtigen Unternehmens bemühten Persönlichkeiten hatten aber gegen vielfache Hindernisse zu kämpfen. Die zuletzt im Jahre 1917 abermals eingeleiteten Schritte, eine ordentliche Kehilla zu schaffen, blieben abermals erfolglos. Eine hervorragende Persönlichkeit äußerte sich mir gegenüber, daß die Ostjuden die Schuld daran tragen. Als ein Ersatz für eine einheitliche Gemeindeverwaltung wurde ein loser Verband zählreicher Gemeinden geschaffen; wir hier aber wurden doch in den. Kriegsjahren am besten belehrt, -was von einem Ersatz zu halten ist! * * * Zu welcher ungeahnten Blüte das Judentum in Amerika gelangt ist und wie es in seiner Entwicklung beständig fortschreitet, beweist am besten die Tatsache, daß in New York und den Vororten beinahe dreitausend Tempel, Synagogen, Bethäuser, und Privatminjanhn bestehen. Verflossenen Winter, als ich in New York weilte, hatten sich auch die schwarzen Juden, die sogenannten jüdischen Neger, zu einer Gemeinde unter den Namen „Bet- Bnei^Abraham'4 („Haus der Söhne Abrahams") vereinigt und ein eigenes Gotteshaus gegründet. (Fortsetzung, folgt.)

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