Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 9 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite i© DIE WAHRHEIT Nr. 9 Exekutionskomitee wurde aufgefordert, den anwachsenden Antisemitismus in Amerika wirksam zu bekämpfen. Zu diesem Zwecke wurden für die nächsten drei Jahre je 15.000 Dollar in das Budget eingestellt. Der Fonds soll auch dazu dienen, das Einvernehmen zwischen Juden und Christen zu fördern. Völkerpsychologische Parallelen. Karl Artur Vollrat aus Buenos-Aires veröffentlicht in der „Niederrheinischen Volkszeitung", einen Aufsatz „Alemanes, Typen deutscher Einwanderer", dessen Schlußsätze lauten: „Argentinien, das Land, in dem noch neunzig Millionen Menschen fehlen, schreit nach Einwanderern mit Pioniersinn. Aber, was nach dem Kriege kommt, sind Wesen mit Schlaraffenland-Idealen. Denen kann es nicht gut gehen. Und sie verkümmern zu jenen peinlichen Typen, die der Argentinier heute schon rundweg „Alemanes" nennt: „Deutsche". Genau in dem gleichen Sinne, wie wir daheim sagen: „Cstjuden". Eine andere Sonne — aber gleich -die Prägung von Bildern und Gedanken, der Zug zur Verallgemeinerung, die den Beurteilten schädigen soll, in Wahrheit aber nur den Beurteiler schändet Schlagworte sind, wie einmal ein kluger Mann sagte. Schläge gegen das Gehirn denkender Menschen. Also: Zusammenschluß der denkenden Gehirne ist nötig, auf beiden Hälften der Erdkugel. Ruhr-Panama und Barmat-Kutisker. Seit dem Tage, an welchem der große Staatsmann Walther Rathenau durch völkische Hände gemeuchelt wurde, scheint für die deutsche Republik die Liquidationsperiode des Weltkrieges zu keinem Abschluß kommen zu wollen. Als Rathenau damals deutscher Außenminister wurde, ging ein wirtschaftliches Aufatmen durch ganz Deutschland. Nur die Deutschnationalen und ihre völkischen Hilfsvölker zitterten, wenn Rathenaus außenpolitische Erfolge dem deutschen Volke sichtbar wurden. In dieser für die rechtsradikale . Katastrophenpolitik schwierigen Situation verfielen die den Antisemitismus vertretenden Politiker auf dem teuflischen Plan, für ihren eigenen Zusammenbruch die Konkursverwalter der borusso-zaristischen Pleite anzuklagen. Täglich konnte man in der monarchistischen Presse lesen, daß Rathenau von der sogenannten Entente oder von Rußland „g e k a u f t" sei. Und das Publikum fand sich, das die widrigen Verleumdungen glaubte, die Herr H e 1 f f e r i c Ii, der bekannte Zerstörer der deutschen Reichsfinanzen, als höchste politische Weisheit von sich gab. Allerdings hat Helfferich selbst nie gewagt, mit seinen niedrigen Verleumdungen, hinter denen er sein eigenes tatsächliches Schuldbewußtsein zu verbergen suchte, Rathenau im Parlament offen entgegenzutreten. Wer einmal beobachtet hat, wie Helfferich schon zusammenzuckte, wenn Rathenau im Reichstage erschien, oder wie Helfferich nervös wurde, wenn sein albernes Geschwätz, das auch heute noch von den Rechtsradikalen als Diplomatie angesprochen wird, von Rathenau in das Reich der Phrase gewiesen wurde, für den war allerdings Helfferich lediglich eine Autorität auf deutschnationalem Zeitungspapier, den sein gekränkter Ehrgeiz nicht schlafen ließ, was man natürlich nirgends besser als in seinen eigenen Kreisen wußte. Aber als Anwalt der agrarischen und schwerindustriellen Steuerdrückeberger konnte man Helfferich vorzüglich gebrauchen. .Wenn Helfferich auch kein direkter Antisemit war, so hat er doch in erster Linie in Wort und Schrift die Voraussetzungen für die Mord-Atmosphäre mitgeschaffen, die die Rathenau- Mörder intellektuell erst möglich machte. Und der1 rechte Flügel der Deutschen Volkspartei, also die Männer der Schwerindustrie und die vom Stinnes-Konzern subventionierte Presse, das wollen wir nie vergessen, tuteten täglich in alle Welt hinaus. Rathenau sei nicht der „r i c h t i g e" Mann. Denn die Helfferich. Stinnes und Herr Havenstein, letzterer gebärdete sich wahrscheinlich deswegen besonders deutschnational und antisemitisch, weil er selbst getaufter Jude war, und die anderen „Prominenten" hätten niemals die Kreditverschleuderung in diesem jetzt bekanntgewordenen Maße von 3000 Millionen Goldmark erzielen können, wenn Rathenau am Leben geblieben wäre. Er mußte also ,.fallen". — Da kam also für die Kreditverschleuderung praktischerweise das französische Ruhrabenteuer, das ein liberales englisches Blatt als poincaristische Lu de n do rf f er e.i am Rhein bezeichnete, und in diesem Ruhrabenteuer gab der damalige von der deutschen Industrie als Minister bestens empfohlene deutsche Volksparteiler Dr. Becker den deutschen Industriellen über 2000 Millionen Goldmark Kredite, die diese famosen „Patrioten" nicht wertbeständig, sondern bei einem .Dollarstajide von 8000 Papierihark erhielten, .einem Dollarstande, von dem Herr Dr. Becker der* Ansicht war, daß er sich nicht nur „halten", sondern vielleicht sojgar „besser n" würde. Später fielen der „notleidenden" Landwirtschaft und Industrie des weiteren die bekannten 700 Millionen Goldmark noch einmal in den Schoß. Das alles veranlaßt die deutschmonarchistischen Parteien, eine Entlastungsoffensive für sich und gegen Barmat-Kutisker zu eröffnen, die aber deswegen scheltern mußte, weil die deutschen republikanischen Blockparteien bereits größere Momente des monarchistischen Ruhr-Panamas in die Oeffentlichkeit brachten. So konnte auch dieser Tage die „Neue Zürcher Zeitung" erklären, daß es ein Unrecht sei, dem deutschen Volke zuzumuten, neben den direkten Lasten der Ruhrbesetzung noch die Bürde unkontrollierbarer Riesentschädigungen für schwer kontrollierbare „Opfer" einer kleinen Schicht der-Ruhrbevölkerung auf sich zu nehmen. Pflicht des deutschen Parlaments und der Regierung sei es, in aller Oeffentlichkeit eine Abrechnung über dieses beschämende Kapitel aus der Ruhrkampf Finanzierung vorzulegen. Die Ausmünzüng der Ruhrbesetzung durch eine kleine Kapitalistengruppe müßte mit allen Mitteln verhindert werden. Demgegenüber sind die paaar Millionen der Barmat-Kutisker eine lächerliche Kleinigkeit, die lediglich von den wahrhaft schuldigen deutschmonarchistischen Parteien demagogisch aufgebauscht wurde, um den eigenen Riesen Skandal wenigstens etwas verkleinern zu können. Walther Funder. Der Vollmilch-Hitler. Als ,.Hltler-VolImilch" bringt eine Münchner Firma, die den Alleinvertrieb für Hitler-Schokolade, Kaffee und Tee übernommen hat,' diese Schokolade in eigenartiger echt völkischer Packung auf den Markt. Diese Packung weist das Bild Hitlers goldumrahmt, mit schwarz-welß-roten Schleifen geziert, auf. Daneben prangt in Goldbuchstaben die Inschrift „Hitler-Vollmilch". Das ganze wird von einem schwarz-weiß-roten Rahmen umgeben. Da das Papier der Packung weiß ist, ist auf ihr die weiße Farbe durch Aussperren der betreffenden Stellen zur Darstellung gebracht worden, so daß in Wirklichkeit für den Aufdruck nur die drei Judenfarben Schwarz, Rot, Gold zur Verwendung gelangt sind. Wenn das nun nicht seitens der Schwarzweißroten als ein grober Verstoß gegen das deutsch-völkische Farbendoema angesehen wird! In Bayern gibt es also nun schon völkische Schokolade, nur mit dem Farbensymbol der jüdischen Preußen-Republik. Werden Hitler und Ludendorff, der Schirmherr, diese Schokolade essen können? S. J. Der ungarische Numerus clausus. In der ungarischen Nationalversammlung forderte das Mitglied der Regierungsparteien Abg. Lukacs in energischer Weise die Außerkraftsetzung des Numerus clausus, der ein Zwillingsbruder des Gesetzes über die Prügelstrafe sei, die jedoch erfreulicherweise nur einmal zur Anwendung gekommen sei. Das Gesetz über den Numerus clausus sei nicht aufrichtig. Seine Intentionen gingen dahin, die jüdische Studentenschaft vom Besuche der Hochschulen auszuschalten. Das Gesetz spreche nur von Volksrassen und Nationalitäten; es sei eine Ungerechtigkeit und sei endlich reif, fallen gelassen zu werden. Die jüdische Jugend werde gezwungen, ins Ausland zu gehen; sie erblicke in dieser Institution einen Rückfall in die finstere Reaktion. Ein Teil der ungarischen Jugend und die in den abgetretenen Gebietsteilen lebenden Ungarn würden durch dieses Gesetz dem Ungarturn entfremdet. Die Zeit sei gekommen, diese schwere Lücke, die durch dieses Gesetz in die Kultur gerissen wurde, wieder zu schließen und das Gesetz aufzuheben. Die Worte Lukacs fanden angeblich auf den Regierungsbänken lebhafte Zustimmung. Agudas Jisroel und Zionlsten. Maßgebende zionistische und misrachistische Kreise Wiens treten den aus Aguda- Kreisen stammenden Mitteilungen entgegen, wonach die am 3. Jänner in Wien stattgehabte Zusammenkunft zwischen dem Präsidenten der Zionistischen Organisation Dr. W e i z m a n n und dem Präsidenten der Weltorganisation Agudas Jisroel Dr. Pinchas Kohn auf die Initiative zionistischer oder misrachistischer Kreise erfolgt ist Sie behaupten, daß Dr. Kohn durch Vermittlung von Privatpersonen die Zusammenkunft mit Dr. Weizmann gesucht hat. Demgegenüber halten die Agud'i-Kreise an der Behauptung fest, daß die Anregung zu der Zusammenkunft von zionistischer Seite ausgegangen ist. Aus Aguda-Kreisen verlautet ferner, daß die Besprechung fortgesetzt werden wurde, ' '