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Die Wahrheit · 1925-03-06 · Heft 9 (6.3.1925) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 9 (6.3.1925)
Date
1925-03-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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fcr. 9 DIE WAHRHEIT Seite 9 politisch bemerkbar gemacht, die ganz dem Sinne des unbotmäßigen Hakenkreuzlertums entspricht. Schon solche Allüren für sich allein verleihen der Studentenschaft das Kainszeichen der Gesetzwidrigkeit. Es beweist noch, welche politische Verderbtheit in der deutschen studierenden Jugend Platz gegriffen hat; es zeigt unverkennbar auf jenes Uebel hin, das Fäulnis verbreitet. Los gegen die Juden — und alles ist gerettet. Und nun kommt noch diese skandalöse Defraudationsgeschichte hinzu. Sie paßt genau in die Garnitur der Hakenkreuzler. Wenn aus dem Brüllchor dieser Leute ein Raubmörder ä la Bergmeister hervorgehen konnte, warum soll sich dann nicht eine gewisse gesetzlich verpönte Fingerfertigkeit bei der „Deuitschen Studentenschaft" einstellen! Das sind doch natürliche Folgen bestimmter Qeistesnchtung. Tür Ausgaben keine Belege liefern, Doppelbuchungen vornehmen, Gelder von noch unbestimmter Höhe vergeuden und zuletzt die Kassenbücher verschwinden lassen, dafür aber einen Korb mit pulverisierter Substanz hinstellen, die Sache entbehrt wirklich nicht des echten Galgenhumors. Das sind die Leute, die Zeter und Mordio schreien, wenn irgerd ein Jude der kleinsten Kleinigkeit halber nicht gleich gehängt wird. Das sind die Leute, die sich als Muster aller Ehrenhaftigkeit gerieren und mit Verachtung auf alles herabblicken, was nicht arisch ist. Ja, so sehen sie aus, die künftigen Repräsentanten der verantwortungsvollsten Stellen, die kommenden Richter, Lehrer und Geistliche. Wir gratulieren zu solcher Zukunftsmusik. Sie wird unter den günstigsten Auspizien eröffnet. Leute, die zu einer solchen uncmaiiiizierbaren Schandaffäre ihre Hände bieten, haben die glänzendste Probe ihrer praktischen Gesinnung an den Tag gelegt. Was hätten diese „honorigen" Bursche gesagt und getan, wenn ein jüdischer Studentenverein solche Dinge vollführt haben würde, wie sie bei der „Deutschen Studentenschaft" zu verzeichnen sind? Da wäre ein antisemitisches Gebrülle entstanden ad majorem dei gloriam, daß alle deutsche Eichen gewackelt hatten. Nun, wir wollen die Sache nicht weiter erörtern, weit wir uns nicht der Schadenfreude zeihen lassen. Die Geschichte spricht genügend für sich selbst. Das heißt, es geht aus ihr mit aller Deutlichkeit hervor, weß erhabenen Geistes die Männer, soll heißen Jünglinge, der „Deutschen Studentenschaff' sind. Nur eine Frage sei uns zum Schlüsse gestattet: Hat die mit allen Rechten ausgestattete „Deutsche Studentenschaft" an der Wiener Technik uwd der Hochschule für Bodenkultur die von allen, auch von jüdischen Studenten zwangsweise eingesammelten Beträge etwa ebenfalls an die famose deutsche Gesellschaft versendet? Philipp Leon. Ball der „Union". Infolge eines unliebsamen Versehens ist in der gleichnamigen Notiz bei der Liste der anwesenden Persönlichkeiten des Zentralvorstandes der „Union" der Näme des Vorstandsmitgliedes Rechtsanwalt Dr. Josef T i c h o weggeblieben. Infolge verspäteten Einlangens konnte dem Prospekt in der letzten Nummer bei der Inlandsauflage nicht die avisierte Aboiinementsbestellkarte für die neue, im Philo.Verlag, Berlin, erscheinende Zeitschrift J>er Morgen1' beigelegt werden und liegt selbe daher erst unserer heutigen Nummer bei - Seifenblasen. Man ist es nachgerade schon gewöhnt, daß von antisemitischer Seite immer wieder behauptet wird, daß die Leitung der sozialdemokratischen Partei in Oesterreich zu zwei Dritteln aus Juden bestehe. Wie verhält es sich in Wirklichkeit: Die Leitung der Sozialdemokratischen Partei Oesterreichs besteht aus Dr. Karl Renner, Mathias E1 d e r s c h, Franz E m m e r 1 i n g, Karl S e i t z, Ferdinand S k a r e t, N. Tomschik, Dr. Robert Danneberg, Dr. Wilhelm Ellenbogen, Friedrich Austerlitz und Dr. Otto Bauer. Die ersten sechs Namen bezeichnen« Persönlichkeiten „arischer" Abstammung, die nächsten drei bezeichnen sich selbst als konfessionslos, sie stammen aber von Juden ab. Lediglich Dr. Otto Bauer ist in den Steuerlisten der Israelitischen Kultusgemeinde noch verzeichnet. Erheiternd wirkt, daß letzthin der „Völkische Kurier" noch eine Anzahl von Namen als Führer der österreichischen Sozialdemokratie genannt hat, wie Dr. Friedrich Adler, David und Adelheid Popp. Adler ist bereits als Katholik geboren. Er hält sich übrigens seit einem Jahre in London auf, gehört also der Parteileitung nicht an. Adelheid Popp sitzt zwar in der Parteileitung, ist aber „Arierin". Anton David ist — tot. Nachrichten aus völkischen Blättern verhalten sich zur Wahrheit wie Seifenblasen zum Sturmwind. Das tertium comparationis ist das — Platzen. „Zwingen kann ich euch nicht dazu.'* Unter der Ueberschrift , Glimpf geht über Schimpf" finden wir im „Piperboten für Kunst und Literatur" ein köstliches Geschichtchen von Johann Peter Hebel als Probe aus dem Werke von Wilhelm Fraenger „Deutscher Humor aus fünf Jahrhunderten gesammelt": „Ein Hebräer aus dem Sundgau ging jede Woche einmal in seinen Geschäften durch ein gewisses Dorf. Jede Woche einmal riefen ihm die mutwilligen Büblein durch das ganze Dorf nach: „Jud! Jud! Judenmauschel!" Der Hebräer dachte: Was soll ich tun? Schimpf Ich wieder, schimpfen sie ärger, werf ich einen, werfen mich zwanzig. Aber eines Tages brachte er viele neugeprägte, weißgekochte Baselrappen mit, wovon fünf so viel smd, als zwei Kreuzer, und schenkte jedem Büblein, das ihm zurief: „Judenmauschel!" einen Rappen. Als er wiederkam, standen alle Kinder auf der Gasse: .Jud! Jud! Judenmauschel! Schaulem lechem!" Jedes bekam einen Rappen, und so noch etliche Male, und die Kinder freuten sich von einer Woche auf die andere und fingen fast an, den gutherzigen Juden liebzugewinnen. Auf einmal aber sagte er: „Kinder, ietzt kann ich euch nichts mehr geben, so gern ich möchte, denn ihr kommt mir zu oft und euer sind zu viel." Da wurden sie ganz betrübt, so daß einigen das Wasser in die Augen kam, und s?.cten: „Wenn ihr uns nichts mehr gebt, so sagen wir auch nicht mehr Judenmauschel." Der Hebräer sagte: „Ich muß mir's gefallen lassen. Zwingen kann ich euch nicht dazu." Also gab er ihnen von der Stund an keine Rappen mehr, und von der Stund an ließen sie ihn ruhig durch das Dorf gehen." Dr. A. L. Die völkische Krise in Ungarn. Die „Frankfurter Zeltung" veröffentlicht eine längere Zuschrift, die sich mit der völkischen Bewegung Ungarns beschäftigt. In dem Schreiben wird ausgeführt, daß es mit dem sogenannten „Rassenschutz" in mehr als e;ner Hinsicht ungünstig stehe, da sich die rassenschützlerischen, das heißt die antisemitischen Zeitungen nur noch mit großer Mühe finanziell aufrecht erhalten. Auch das Ansehen und der Einfluß der Parteien seien sichtlich im Abnehmen begriffen. „Man wagt auch bereits seit einiger Zeit über die , Heldentaten" dieser „Helden" in der oppositionellen Presse die Wahrheit zu sagen, wenn man es auch meistens nur vorsichtig in der Form von Feststellungen von Tatsachen tut und sich der Kritik mehr oder weniger enthält." Nachdem in der Zuschrift die Tätigkeit des Raubmörders Gustav Lederer geschildert wird, wird darauf hingewiesen, daß man in Ungarn in den letzten Jahren an Verbrechen gewöhnt sei. Denn, was die Völkischen durch diese Dinge an Prestige auch eingebüßt haben, ersetzen ihnen die höheren Gerichte durch entsprechende Vorteile in Beleidigungs- und anderen Prozessen. Ihr eigener Mut ist auch trotzdem nicht weiter gesunken. Unentwegt predigen sie den Rassenhaß. Gegen den Antisemitismus. Die 43. Konferenz der Föderation der amerikanischen Kirchen beschäftigte sich u. a. auch mit der Frage des Antisemitismus in Amerika. Das

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