Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 9 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Veröffentlichungen *MM*«MUMtMM der „Union deutschösterreichischer Juden1' Cmbmmmm*! Wien IX. 1 j Berggasse 4 \ \ Postsparkassen - Konto { : Nr. 9464 i 5 Telephon N . 19-^ 77 \ Die jüngste Skaudalaffare. Wofür wir jüngst an dieser Stelle plädierten, das ist nun eingetreten. Die Affäre Wollersdorf ist endlich vor Gericht gezogen worden. Damit ist die erste Etappe dieser nichts weniger als angenehmen Angelegenheit erledigt. Wir wollen uns vorläufig mit der Sache nicht weiter beschäftigen, sondern Verlauf und Resultat der Verhandlungen abwarten. Nunmehr ist es an den kompetenten Stellen, ihre Sentenz über die Wöllersdorfer gesetzwidrigen Vorgänge zu verkünden. Lange hat es gedauert, bis da die ersten Schritte seitens der Gerichtsbehörden in Angriff genommen wurden. Aber sie sind doch erfolgt. Die öffentliche Meinung hat einstweilen ihre theoretische Genugtuung. Was weiter in der Praxis geschehen wird, das entzieht sich unserer Beobachtung. Hoffen wir auf ein befriedigendes Ergebnis. Sie soll die praktische Satisfaktion für die erregte Bevölkerung darstellen. Nunmehr müssen wir uns einer anderen Skandalaffäre zuwenden. Einer Korruptionsgeschichte ganz besonderen Stils, an der nicht Männer fertigen Studiums, Männer in Stellung beteiligt sind, sondern angehende Männer, Jünglinge, Hörer der Hochschulen. Sagen wir es gleich: Deutsche Studenten. Die Geschichte bezieht sich in der Hauptsache auf Deutschland. Als hätte man dort solcher Affären nicht schon mehr als genügend! Leider spielt ein Teil der höchstbetrübenden Angelegenheit auf österreichischem Boden. Ob sich in der Reihe der Teilnehmer direkt unsere Landsleute befinden, das wii d erst die Untersuchung klarlegen. Vorausgesetzt, daß nicht die Hakenkreuzler in ihrer bekannten Strammheit Mittel und Wege finden sollten, den Gegenstand frühzeitig ins Grab zu legen. Also Hakenkreuzjer! Und zwar jene die zur „Deutschen Studentenschaft" gehören .. So fängt die schmutzige Geschichte an. Man hat schon längst allerlei da draußen im Reiche gemunkelt, daß das finanzielle Gebaren der genannten „Studentenschaft" zumindest nicht ganz in Ordnung gewesen sei. Die Sache zieht sich nämlich schon seit dem Hochsommer vorigen Jahres. Da entschloß sich denn die „Deutsche Studentenschaft" durch die Telegraphenagentur in Berlin die Welt in Kenntnis zu setzen, daß sich die Staatsanwaltschaft der Sache bemächtigt hat. Natürlich geschah das in dem Sinne, um die Welt glauben zu machen, die Studentenschaft hätte in Entrüstung über diese Gerüchte die Untersuchung verlangt. So aber stand die Sache nicht Denn jetzt erst erfuhr man aliseris, daß es sich da um eine recht unsaubere Geschichte handelt. Und nun wollen wir die kostbare Historie aus dem Dasein der Hakenkreuzler in kurzem nacherzählen. Man höre, staune aber ja nicht. Denn wenn es sich um hakenkreuzlerische, antisemitische Sachen dreht, braucht man garnicht zu erstaunen. Das sind ja Leute, die, wie bekannt, zu allem fähig sind. Was durch Nachstehendes illustriert wird, nach der Darstellung der „Vossischen Zeitung" und der „Akademischen Rundschau". Nach der Anzeige über Inkorrektheiten bei der „Deutschen Studentenschaft" wurde ein amtlicher Untersuchungsausschuß zu Innsbruck eingesetzt, der über die Sache Bericht zu erstatten hat. Was geschah nun? Nichts von Bedeutung. Nur: Beim Abtransport der Untei suchungsakten aus Innsbruck sind unter anderen sonderbarerweise in Verlust geraten: die Kassenakte mit den dazugehörigen Belegen, das Brief buch, das Verzeichnis der Einnahmen und Ausgaben vom Studententag und die Korrespondenz mit den Kreisleitern. Wir betonen — „unter anderen". Der Koffer, der diese Akten enthalten hatte, ist mit hakenkreuzlerischer Vertrauensseligkeit unverschlossen, wie es heißt, einem Gepäcksträger übergeben worden. Der Gepäckschein aber — ist nicht mehr zu finden. Das Schönste indes kommt weiter. Ein Korb, der die gleiche Nummer wie der angeblich verlorene Gepäckschein trug, hatte statt der Akten eine weiße pulverisierte Substanz zum Inhalt... In den verschwundenen Büchern selbst sind durch die Untersuchungskommission gar bemerkenswerte Momente festgestellt worden. So wurden in denselben widerhoit Ausgabenziffern unter der aligemeinen Bezeichnung „Ausgaben" ohne weitere Bemerkung verbucht. Zu diesen Inkorrektheiten gesellten sich noch ganz respektable Doppelbuchungen. Dabei wurden beim Verhör eines beschuldigten Vorstandsmitgliedes der „Deutschen Studentenschaft" „erschütternde Unkenntnis und Unregelmäßigkeiten" in der Führung der Kassengeschäfte aufgedeckt. Gelder, die besonderen Zwecken gewidmet waren, sind unerhörterweise nicht in den offiziellen Büchern vermerkt. Die wirkliche Gebarung mit den Geldern war nebstbei eine solche, die zu den Aufgaben der Vereinigung im direkten Gegensatze stand. Es ist erwiesen, daß von den Beträgen, die zwangsweise von allen Studenten der deutschen Hochschulen pro Semester eingehoben wurden, die Zeitschrift „Hochschulgemeinschaft" gänzlich von der Studentenschaft erhalten wurde. Das war aber noch nicht alles. Da existierte noch ein „schwarzer Fonds". Diesem sind Gelder vom Hugenberg-Konzern, einer deutschnationalen Presseorganisation, zu dem Zwecke zugeflossen, die Studentenschaft politisch nach rechts zu beeinflussen. So also stehen die Sachen. Ehe wir uns nun etwas gründlicher die Machenschaften der hakenkreuzlerischen Studentenschaft betrachten, sei auf einige wichtige Momente aus der Entstehungsgeschichte dieser Studentenschaft hingewiesen. Im Landtage haben sich seinerzeit alle Parteien dahin geäußert, innerhalb der „Deutschen Studentenschaft"' müsse eine politisch neutrale Haltung beobachtet werden. Ebenso hat das Ministerium eine einseitige völkische Orientierung als Mißbrauch des Kollektiongesetzes bezeichnet. Und trotz alledem hat sich die „Deutsche Studentensehaft" in ejne£ Weise