Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 9 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sdte « Ott WAE iw« Hr. 9 Judische Emigration ans Nieder- Österreich nach Mähren. Von Dr. Theodor Haas, Brünn. (Schluß.) Die kleinen südmährischen Judengemeinden hätten sich vielleicht nicht einmal bis auf den heutigen Tag erhalten, venn nicht eine weitere Verstärkung der dortigen jüdischen Bevölkerung durch jüdische Auswanderer erfolgt wäre, welche im Jahre 1670 aus Wien und sämtlichen österreichischen Erbländern ausgewiesen wurden und sich teils nach Deutschland, hauptsächlich nach der Mark Brandenburg, teils wiederum nach Mähren, insbesondere in das an Oesterreich anschließende Grenzgebiet, begaben. Waren doch die Beziehungen zwischen der österreichischen Judenschaft und jener der südmährischen Nachbargemeinden sehr rege, sowohl auf religiösem Gebiete als auch in bezug auf Handel und Verkehr. Trotzdem nämlich die Juden von Albrecht II. auf ewige Zeiten aus Wien ausgewiesen worden waren, waren diese doch bald wieder zurückberufen worden und trotz mannigfacher Drangsalierungen und auch späterer Vertreibungen wuchs ihre Anzahl in Wien im Laufe von zwei Jahrhunderten so sehr, daß ihnen Kaiser Ferdinand II. im Jahre 1625 ein eigenes Judenviertel zuwies. Während des 30jährigen Krieges genossen die Juden eine Schonzeit, weil man damals in den Protestanten den gefährlicheren Feind erblickte, welcher in erster Linie verfolgt und vernichtet werden mußte, und erst, nachdem man mit diesen den Westfälischen Frieden (1648) geschlossen hatte, ging es wieder gegen die Juden los. Bereits im Jahre lööO beschloß der mährische Landtag, mit Rücksicht auf das angeblich allzu große Ueberhandnehmen der Juden im Lande dieselben auf keiner Herrschaft und in keiner btadt Mährens zu dulden, wo sie nicht schon im Jahre 1618 angesiedelt waren. Viel radikaler ging man gegen die Juden in den österreichischen Erbländern vor. Um einen Vorwand gegen sie zu haben, beschuldigte man sie des Einverständnisses mit den Feinden des Herrscherhauses, mit den Schweden, Türken und den ungarischen Aufständischen, wenn man auch vielleicht * maßgebenden Ortes von der Haltlosigkeit dieser Anschuldigungen überzeugt war; denn die Juden waren bei der Bedrängtheit ihrer damaligen Lage froh, wenn sie halbwegs ungeschoren gelassen wurden. Kaiser Leopold I. vertrieb sie im Jahre 1670 insbesondere auch aus dem ihnen von seinein Vorgänger Ferdinand II. zugewiesenen Wiener Stadtviertel, welches seither nach ihm Leopoldstadt genannt wurde. Ein größerer Teil der Wiener jüdischen Exilanten siedelte sich, wie erwähnt, trotz des vorangeführten Beschlusses des mährischen Landtages in Mähren an, hauptsächlich in den an Oesterreich angrenzenden südlichen Grenzgebieten, wo sie teils neue Judengemeinden gründeten (Schaffa), teils den dort bereits bestandenen, vorangeführten jüdischen Absiedlungen frisches Leben einflößten. Kaiser Leopold sah es nicht gerne, daß die von] ihm aus Wien vertriebenen Juden in einem anderen Kronland Aufnahme fanden, zumal die mährischen Juden einige Jahre vorher neuen Zuwachs durch russische Glaubensgenossen erfahren hatten, welche zufolge der Empörung des Kosakenhauptmannes Chmielnlcky ihre Wohnstätten hatten verlassen müssen und sich teils in Galizien, teils in Mähren ansiedelten. Zur Eindämmung der auf diese Weise — trotz des vorei wähnten Landtagsbeschlusses — erheblich vermehrten Judenschaft Mährens erließ die Landeshauptmannschaft im Jahre 1681 eine Kundmachung, daß die überflüssige Judenschaft aus dem Lande geschafft und nur jene Juden dort ferner geduldet werden sollten, welche im Jahre 1657 In jeder Stadt nach der Anzahl der Häuser sich befunden haben. Auch dieser Anordnung wurde nicht in entsprechender Weise Folge geleistet, da sich wirtschaftliche Schwierigkeiten entgegenstellten, und die Behörden und Grundherrschaften wurden wiederholt zur strengen Durchführung aufgefordert So wurde! seitens des kaiserlichen Fiskals gegen den Grafen Kaunitz Beschwerde geführt, daß sich die Juden in Ung.-Brod von Tag zu Tag vermehren, weshalb ihm die erlassenen Verfügungen nachdrücklichst in Erinnerung gebracht wurden. Infolge dieses Zuwachses der jüdischen Bevölkerung in Mähren sah sich Kaiser Karl VI. veranlaßt, Im Jahre 1726 ein Hofdekret zu erlassen, gemäß dessen nur der älteste Sohn In einer Familie die Heiratsbewilligung erhielt, während die jüngeren Familienglieder das Land verlassen mußten, um eine gültige Ehe schließen zu können. Hierdurch wurde der Numerus clausus für die Juden in Mähren geschaffen, während die „überschüssige'' jüdische Bevölkerung hauptsächlich nach der Slowakei auswanderte, wo in bezug auf die Eheschließungen der Juden keine Beschränkungen bestanden. Auf diese Zuwanderung! mährischer Juden ist auch die noch heute verhältnismäßig große Zahl der Juden in der Slowakei zurückzuführen. Die Rechtsbeschränkungen der Juden sind seit dem Jahre 1848, dem Jahre der Freiheitsbewegung, entfallen. Die Gleichberechtigung der Juden ist in den einzelnen Staaten gesetzlich festgelegt, wenn auch die Verwirklichung derselben stark zurückgeblieben ist. Es kommen jetzt nicht mehr Judenvertreibungen und Auswanderungen wie die vorerwähnten vor, zufolge welcher Juden aus Ungarn nach Oesterreich, aus Oesterreich nach Ungarn und Mähren, aus Rußland nach Galizien und Mähren, aus Mähren nach der Slowakei und noch viele andere mehr erfolgten. Aber ein heftiger wirtschaftlicher Kampf gegn die Juden, hat eingesetzt, zufolge dessen sich hauptsächlich viele unserer Glaubensbrüder aus den osteuropäischen Ländern zur Auswanderung bemüssigt sahen; allerdings nicht mehr, wie in alten Zelten, in die benachbarten Länder, sondern meist weit übers Meer, nach Amerika. Und in neuester Zeit greift eine neue Art der Auswanderung um .sich, hervorgerufen durch die erfolgte Anerkennung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte der Juden im Lande ihrer Vorfahren, in Erez Jisroel, wenn auch hierbei noch vielfach mit Schwierigkeiten zu kämpfen is.t, welche aber hoffentlich in absehbarer Zeit zur gänzlichen Behebung gelangen werden. Es ist der ewige Kreislauf der Welt und hierbei als ständige symbolische Erscheinung Ahasver, der ewige Jude, der herumirrt von Ort zu Ort, dem nirgends Ruhe und Rast vergönnt ist, der aber trotzdem nicht untergeht, sondern trotz aller Verfolgungen fortbesteht und für alle Zeiten weiterbestehen wird. Glossen. Blasko Ibanez, einer der berühmtesten Dichter Spaniens, hat in einem Interview merkwürdige Ansichten über die Judenfrage geäußert. Er meint, der konfessionelle Fanatismus, der einst in seinem Vaterlande solche Blüten getrieben, das Inquisitionsgelüste, das in den Torquemadas sich so ungehemmt ausgelebt, sei aus dem Zusammenwirken des katholischen Geistes mit dem jüdischen zu erklären. Der spanische Dichter behauptet dies, aber er beweist es nicht. Er tibersieht, daß das jüdische Volk niemals von dem Geiste der Bekehrungssucht erfüllt war, jeden nach seiner Fasson im Himmel und auf Erden selig werden ließ und weder mit Feuer und Schwert, noch mit guten Worten für die jüdische Religion Propaganda machte. Aber man wird dem Spanier zustimmen dürfen, wenn er meint, es sei ein Unsinn, in der Judenfrage mit den Kriterien der Rassenphilosophen oder gar der Schwärmer für Rassenreinheit zu operieren. Es gibt* sagt er, überhaupt keine Rassenreinheit und am allerwenigsten hat es die in Spanien gegeben, wo Hunderttausende von Juden zum Christentume übertraten und wo daher kaum eine Familie zu finden ist, die nicht auch jüdisches Blut in ihren Adern hätte. Namentlich die Mitglieder der höheren Stände, die Adeligen, die Priester, die Künstler und Schriftsteller können, wenn sie nicht ihren Stammbaum verleugnen, immer auf jüdische Ahnen stoßen. Das stimmt. Die antisemitischen Rassenfanatiker haben sich durch derlei Erwägungen allerdings nicht stören lassen und man muß zugeben, daß viele von ihnen so konsequent wären, auch das ganze Christentum wegen seiner jüdischen Abstammung zu verwerfen. Für sie war das Neue Testament nur das zweite Stockwerk, das zusammenstürzte, nachdem man das erste Stockwerk, das Alte