Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 9 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064031--13494-3081002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nt. 9 wt. wimmn Seite 5 können», sondern daß sie in ihren Reihen von den Strengsten. Qesetzesgläubigen bis zu den radikalsten Liberalen bergen, und: es verdient nur als einer heiteren Episode aus dem Wahlkampf Erwähnung, daß gerade von zionistischer Seite in einer Versammlung die Sabbatarbeit in Palästina als notwendig erklärt wurde. Die „Jüdische Rundschau" bekennt denn auch durchaus offen nach den Wahlen: „Der religiöse Liberalismus steht in keinem Gegensatz zum Zionismus oder zur jüdischen Volksidee. Ein großer Teil prominenter Zionismen war in religiöser Beziehung immer liberaL" Nach wie vor bleibt der tiefe Gegensatz, das wir das Judentum als eine religiöse GemeinschaH, der Zionismus es als nationale Volksgemeinschaft betrachtet, daß wir eine Lösung der Judenfrage für Deutschland in Deutschland anstreben, während der Zionismus ein all jüdisches Zentrum in Palästina anstrebt, von dem er hofft, daß es durch seine moralische Kraft dem Antisemitismus in allen Lagern am ehesten werde das Wasser abgraben können. Während wir west- und mitteleuropäischen Juden uns mit unseren Vaterländern, und die deutschen Juden mit Deutschland insbesondere, unlösbar verbunden fühlen, geht die zionistische Gedankenarbeit — ob. der einzelne aus vaterländischem Empfinden sich auch noch so sehr dagegen wehrt — notgedrungen auf eine seelische und geistigeLoslösung der Juden aus den europäischen Volksverbänden. Und für diese Loslösung vermag der Zionismus nichts anderes zu bieten, als die Hoffnung auf ein allen Juden heiliges Land, das aber auch heute nur von 100.000 Juden bevölkert ist, in dem immer noch erst jeder siebente Mensch ein Jude ist; das bisher im besten Falle monatlich 2000 Juden neu in sich aufnahm; in das im Monat Dezember 1924 1665, im Jänner dieses Jahres 1840 Juden eingewandert sind. Dieses Land, das heute im Grunde nur eine englische Kolonie und ein Spielball englischer Weltmacht ist, wird alle Wandlungen der englischen großen Politik, mögen sie deutschfreundlicher oder feindlicher Art sein, mitmachen müssen. Ohne die Bedeutung des Hebräischen für den Religionsunterricht zu bestreiten, wollen wir eine deutsch-jüdische, keine hebräische Erziehung der Kinder deutscher Juden, und in dem Versuch, aus der jüdischen Religionsgemeinde eine Volksgemeinde zu machen, muß der erste Beginn einer freiwilligen staatsrechtlichen Isolierung gesehen werden, der der "Ruf nach nationaler Autonomie in logischem Gedankengang bald folgen muß. Von dem Gegensatz dieser Anschauung wird auch der Landesverband nicht frei bleiben. Der Centraiverein ging davon aus, daß es sich bei diesem Verband nur um religiöse und soziale Fragen handeln könne, und daß der Centraiverein als solcher auch kein Interesse an dem Ueberwiegen der einen oder anderen religiösen Richtung habe; gegen jeden Versuch der Politisierung der Versammlung wird der Centraiverein aber alle Kräfte mobil machen. Aus diesem Grunde überließ er es den religiösen Parteien, die Landesversammlung zu beschicken, und die religiösen Parteien bekannten sich, indem sie führende Mitglieder unserer Organisation auf . ihre Listen nahmen, zu dem gleichen Pro^r-amrn, Die. Dfeih viertelmehrheit der Nichtzionisten wird sich darum gegen jede Kompetenzerweitejpung des Landesverbandes, die in das Gebiet der allgemeinen Politik führen würde, wehren. Der Versuch,- nationaljüdische Politik in dem Verbände zu machen, wird gleichtedeutend sein mit höchster Gefahr für das Bestehen des Verbandes überhaupt. Positive Arbeit höchst fruchtbarer Art können wir dort alle in den zahlreichen Fragen leisten* die ui dem unbestrittenen Programm der- Versammlung gehören. Darin sind alle religiösen Richtungen einig, und der Wille, hier Gutes zu vollenden, ist bei ihnen allen da. Darum möchten w,tr auch nicht ohne die, Hoffnung in die Lanöisversammlung hineingehen, daß trotz zionistischer Versuche der Politisierung der Tagungen es uns möglich sein wird, auf dem enggesteckten Felde der Tätigkeit des Landesverbandes viel und sachliche Dinge zum Besten des deutschen Judentums, zu tun. Eburt toi. Als am 28. v. M. in der Deutschen Republik die schwarzrot-goldenen Fahnen auf Halbmast gehißt wurden und man sich in Deutschland düster fragte, wohin die Fahrt nun gehen würde, zogen jedem verantwortungsbewußten Menschen an seinem geistigen Auge E b e rt s Verdienste um die Deutsche Republik und die Menschheit vorüber. An der deutschen Friedensresolution von 1917 war EüCMrt maßgeblich beteiligt, aber sein Hauptverdienst war doch, daß er 1918 die deutsche Naionalversammlung berief und dadurch der deutschen Revolution die gesetzmäßige Richtung gab. Und dieser Eoert blieb auf seinem Posten, während der Vater des eigentlichen Chaos, derHasardeurErichLudendorff, in der November-Nebelnacht unter dem Namen Lindström feige nach Schweden kroch. Ja, selbst Anhänger des alten Regimes erkannten es in diesen Tagen unumwunden an, daß Ebert das Chaos des November-Zusammenbruches bändigte und die Richtung für neue und bessere Wege dem deutschen Volke gewiesen hat. Wir werden deshalb niemals die Schmach und Entrüstung aus unserem Herzen reißen können, die wir bei der Verkündung des rechtsradikalen Magdeburger Tendenzurteils empfänden, welches Ebert und damit die Deutsche Republik in ihren Grundfesten treffen sollte. Als wahrhafter Kulturpolitiker hat Ebert Zeit seines Lebens nicht nur den Antisemitismus abgelehnt, sondern auch mit jeder Faser seines mitfühlenden Herzens als Kulturschande bekämpft Das wollen wir nochmals feststellen. In der kommenden Reichspräsidentenwahl hätte Friedrich Ebert die besten Aussichten auf Wiederwahl gehabt, und neben dem Tode dieses hervorragenden Menschen und Politiker ist es einerseits tief bedauerlich, daß das deutsche Volk vorläufig keinen republikanischen Btockkandidaten nennen kann. Aber anderseits sind Eberts Verdienste so tief mit dem Stahlgriffel der Geschichte in den Granitfelsen der Deutschen Republik eingeschrieben, daß kein Reichspräsklent ohne den Standpunkt der von Ebert in Deutschland weiter ausgebauten republikanischen Tradition möglich sein wird. Bisher werden als aussichtsreiche Präsidentschaftskandidaten zwei Politiker genannt, der Zentrumsführer Marx und der Hamburger Erste Bürgermeister Petersen; und von diesen beiden gilt Petersen als traditioneller Republikaner. Walther Funder. &ottes 1-RÖTCA55E-1