Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 8 (27.2.1925)
- Date
- 1925-02-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Hr. 8 DIE WAHRHEIT Seite 9 behörde erstattet werden würde. Wir sind gerne bereit, falls ein Präjudiz nicht vorliegen sollte, in dieser Angelegenheit weiter vorzugehen, doch müßte eine meritorische Beantwortung unseres an Herrn Religionslehrer .... gerichteten Schreibens vorausgehen. Am empörendsten an der ganzen Sache betrachten wir den Umstand, daß die antisemitischen Aeußerungen stets vor Jüdischen Schülern gemacht werden, die ihrem Lehrer vollkommen wehrlos gegenüberstehen; es zeigt von der „Tapferkeit" dieser Lehrer, daß sie trotzdem das Judentum vor diesen ihren Schülern so beschimpfen. Die „Union" erhielt auf dieses Schreiben von dem Religionslehrer folgende Antwort: In Erledigung der geschätzten Zuschrift vom 3. Februar d. J; bin ich in der Lage, (angenehm kann man wohl nicht sagen) einem verehrlichen Präsidium zur Kenntnis zu bringen, daß über besondere Vermittlung des Herrn Schulinspektor ..... der Ihre werte Zuschrift mit gespannter Aufmerksamkeit gelesen, diese Angelegenheit ex präsidio in folgender Welse als geschlichtet zu betrachten ist: Herr Lehrer .... hat in der Kanzlei des Herrn Inspektor In meinem Beiseln sein tiefstes Bedauern mit dem feierlichsten Versprechen durch Wort und Handschlag abgegeben, daß er niemals im Leben wieder sich zu solch unglückseligen Vorträgen hinreißen lassen wird, und mit vibrierender Stimme mich um meine fernere Freundschaft gebeten, worauf ich ihm erklärte, daß ich in Hinblick auf sein Versprechen Von einer weiteren Verfolgung (Jedoch bedingt) absehe, worauf der Herr Inspektor sehr befriedigt den besten Dank sowohl mir als auch der Kultusgemeinde und „Union" ausdrückte. Sodann schieden wir versöhnt unter warmem Händedruck vom Schlachtfelde, wo es keine Sieger und keine Besiegten gab. In diesem Sinne möchte nun diese Angelegenheit in Frieden ruhen und werde ich es auch in Zukunft nicht dulden, daß speziell an den Schulen sich Aehnliches zutragen wird. Im Zeichen der dankbaren Verehrung usw. Religionslehrer. Damit wäre die Sache auf Wunsch der betreffenden Vertreter der Kultusgemeinde in der kleinen niederösterreichischen Ortschaft erledigt. Die „Union" hat also keinen Anlaß, weitere Schritte in dieser Angelegenheit zu unternehmen. Ph. L. ■ Wahrheiten vom Tage Mitgliedschaft Wiener-Neustadt. Bei der am 7. Februar stattgehabten Generalversammlung der Mitgliedschaft der „Union deutschösterreichischen Juden", über die wir bereits berichtet haben, wurden folgende Herren Funktionäre gewählt: Dr. S. Karpfen, Obmann, Gustav Ungar, Obmannstellvertreter, Ludwig K e r ö, Kassier, Jakob Jaul, Schriftführer. Als Ausschußmitglieder die Herren Max Schenk, Fritz Mayer, Max Gewing, Samuel Fr an kl und Arnold Lemberger. Jugendgruppe der Union. Samstag, den 21. Februar 1925 fand im Saale des Hotel Continental der erste von der Jugendgruppe der Union veranstaltete Ball der „Union" statt Es war ein großes Wagnis, gerade am Faschingssamstag trotz der gewaltigen Konkurrenz anderer Veranstaltungen einen Ball zu arrangieren. Doch zur Ehre der rührigen Jugendgruppe muß gesagt sein, daß dieses Wagnis vollkommen gelungen ist. Es war ein schöner finanzieller, vor allem aber ein bedeutender gesellschaftlicher Erfolg. Ein tatsächlich ganz erlesenes Publikum bewegte sich bis in die frühesten Morgenstunden in den schönen Räumen des Tanzsaales und insbesondere die Jugend machte von seinem Tanzrecht ausgiebigen Gebrauch. Die rührige Jugendgruppe hatte auch das Vergnügen, einige Vertreter des Zentralvorstandes der Union begrüßen zu können, darunter den Vizepräsidenten der Kultusgememde Herrn Dr. J. O r n s t e i n, ferner die Herren Med.-Rat Dr. Heinrich Haase, Baurat W. K emp 1 er u. a. Der Ball hat der „Union" sicherlich viele neue Anhänger für ihre Jugendgruppe geworben, wird aber auch für deren weitere gesellschaftlichen Veranstaltungen von bester Wirkung sein. Als nächste findet Samstag, den 28. d. M. im Ring-Cafe\ I., Stubenring 18, wieder eine der so rasch beliebt gewordenen Tanz-Soireen der Jugendgruppe statt, die sich gewiß den bisherigen Veranstaltungen der Sektion würdig anreihen wird. Gäste willkommen. > Der stilwidrige Hausierer. In keinem Teile Wiens haben Krieg und Umsturz so tiefe, untilgbare Spuren der Verheerung hinterlassen wie im Prater. Wer die Hauptallee der Vorkriegszeit mit ihren schier unendlichen Wagenkolonnen in Erinnerung hat und mit diesem Bild Im Herzen heute die historische Stätte vornehmer Alt-Wiener Korsoherrlichkeit durchwandelt, dem tritt die Vergänglichkeit allen irdischen Glanzes erschütternd vor Augen. Kein „Zeugerl" ist auf der idealen Fahrbahn, deren Ueberquerung dereinst für Fußgänger ein kühnes Wagnis war, weit und breit zu sehen. Wie ausgestorben liegt die langgestreckte Via triumphalis einstiger Fiakerherrlichkeit da. Die ..harben Rippen", von denen das populäre Fiakerlied des jüdischen Dichter-Komponisten Pick s'nsrt, modern auf den Auf marsch wegen zu den verschiedenen Kriegsschauplätzen 1914—191& und für Automob'le Ist die Hauptallee gesperrt. Grund genug, daß die amtlichen Beschützer der Praterherrlichkeit ihre Bürokratenköpfe über das Problem zerbrechen, wie trotz der widrigen Verhältnisse der aristokrat'sch-vpr"<*bme Charakter des Nobelp^aters gerettet werden kö""te. Einem ganz Findigen ist nun die Lösung dieser Frage geglückt, nieht in oositiv-oroduktivem Sinne, sondern in neg^tiv-proh'Wtivem. Aber Ehre, w*m Fhre gebührt: eine Gefahr der Proletarisierung der Ha»Dtallee ist rechtzeitig erkannt und sofort abgeschlagen worden: schon nnter dem B*hnviadu>t. der den Eingang wim Prater b"det. begrüßt d^n Eintretenden die Warnungstafel: „Im Prater ist das Hausieren verböten." Obwohl d'eses Verbot c'em zitierten Wortlaut nach für den ganzen Prater Geltung h^ben müßte, habe ich in dessen volkstümlichem Teile, dem berühmten ..Wnrstelnrater". weder die mSnnlichen Händler mit Zuckerln. Luftballons. Zeitungen und Zigaretten noch die weiblichen FeUbieterinn^n ihrer eigenen Reize vermißt. Es scheint also, daß das Hausierverbot nur im Nobelnrater praktisch durchgeführt wird. Die Hauptallee, deren geheiligten Boden vor einigen Jahrhunderten nur Kaiser Und Adel betreten durften, während die Bürger dort in ihrem Wf»gen bleiben mußten, um die Pratererde nicht zu entweihen, soll offenbar auch in unserem demokratischen Zeitalter wenigstens vor dem Bodensatz der Menschheit bewahrt werden. Und als solcher erscheint einem bürokratischen Gehirn merkwürdigerweise der Stand der Hausierer. Einer derartigen Auffassung muß einmal energisch entgegengetreten werden. Der Hausierer war ernst, nämlich zur Zeit des turbulenten Aufstieges der Christlichso7iaIen. das beliebteste Angriffsobjekt einer konfessionell orientierten Demagogik. Er galt als die Verkörperung Jüdischen Schachergeistes und Jüdischer Aufdringlichkeit. In den ersten Versammlungen der Wiener AntisemUenpartei pflegte stets ein Redner die Zuhörer mit einem zerbrochenen Paraoluie zu haranguieren, von dem er behauptete, ihn vor kaum einer halben Stunde von einem jüdischen Hausierer erworben zu haben und jetzt sehe der ganz neue Schirm schon so kläglich aus! Worauf sich pünktlich alles über den Schwindel entrüstete, aber nicht etwa über den ülumpen Schwindel des Demagogen, der trotz seiner antisemitischen „Weltanschauung" seinen Bedarf an Regenschirmen merkwürdigerweise beim Handelsjuden deckte, sondern über den angeblichen Schwindel des jüdischen Hausierers, der seinen mühevollen und demütigenden Beruf offenbar nur deshalb ausübt, um den Ariern eins am Zeug zut flicken..... Es scheint, daß diese naive Ansicht auch heute noch in gewissen Köpfen spuckt. Anders kann man sich das famose Hausierverbot für einen ganzen Stadtteil nicht erklären. Wenn ein Hausverwalter ein solches Verbot für sein Haus erläßt, kann man ihm Sorge um die Sicherheit seiner Parteien zubilligen. Er ist außerstande, jedem Fremden, der von Tür zu Tür geht, einen Wächter zur Kontrolle mitzugeben, ob der Mann ehrliche Absichten hat. Welche Gefahren drohen aber den großstädtischen Massen auf offener Straße und in öffentlichen Parkanlagen von Seiten der Hausierer? Und nirgends ist ein solches Verbot so unsinnig wie gerade im Prater. Will man etwa die Rennplatzbesucher, die ihr Geld zum Buchmacher tragen, vor Uebervorteilung beim Ankauf eines Kragenknopfes schützen? Oder soll verhindert werden, daß sich der Sonntagsbummler verleiten läßt, sein Geld leichtsinnig für eim Paar Hosenträger oder eine Zahnbürste hinauszuwerfen, statt es den lebenswichtigen Institutionen des Watschenmannes und der Dame ohne Unterleib zuzuführen? Ich glaube nicht, dal} man dieses Rftt&et mit logischen Argu-