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Die Wahrheit · 1925-02-27 · Heft 8 (27.2.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 8 (27.2.1925)
Date
1925-02-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ütt WAHRST Seite 7 Glied reihte sich zum herrlichen Ring, auf welchem das Rathaus mit dem eisernen Mann sich erheben sollte, das Sinnbild bürgerlicher Kraft und Selbstbewußtseins. Friedrich Schmidt wurde die Ausführung dieses Monumentalbaues anvertraut. Zu seinen Mitarbeitern zählte der rühmlichst bekannte spätere Kultusvorsteher Architekt Max Fleischer, der Erbauer jüdischer Gotteshäuser, dessen Kopf am Rathause in Stein wiedergegeben ist. Welche Rolle die Juden Wiens in der Zeit vom Jahre 1867 bis zur Gegenwart in der Politik und Verwaltung, in der Industrie und im Gewerbe, im Handel und Finanzwesen gespielt haben; welchen Anteil sie am gesellschaftlichen Frohleben in der Zeit des Aufschwunges genommen haben, mit welcher Hingabe viele von ihnen in den kritischen Epochen sich der Oeffentlichkeit gewidmet haben; was jüdische Söhne und Töchter Wiens auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft, der Musik und Literatur geleistet haben, was sie an sittlichen Werten trotz Erscheinungen des Verfalls ringsumher neu geschaffen haben: dies alles möge bei einer späteren Gelegenheit geschildert werden. — Als Schlußstein unserer bisherigen Darstellungen gelte ein Wort Grillparzers, das, von sarkastischem Wohlwollen erfüllt, lautet: „Spät wird man billig eurem Geschlechte, Das Haß und Rachsucht mit Schmach beluden; Ihr habt nun alle Bürgerrechte; Nur freilich bleibt ihr immer Juden." Daß die Juden immer Juden blieben, ist unseres Dafürhaltens das erfreulichste und wichtigste „Hauptmoment" ihrer Geschichte. Bei unseren Brüdern in New York. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) Ungefähr ein Drittel der Juden New Yorks wohnt auf der Eastside, der „Leopoldstadt" New Yorks. Ihre Beschäftigung ist verschieden, doch sind sie in allen Geschäftszweigen und Arbeitsunternehmungen vertreten. Sie fühlen sich überglücklich, daß sie ihr Schicksal nach Amerika gebracht hat, wo sie „ein Leben machen können", und wo alles „allright"*) ist. Sie hatten alle, als sie nach Amerika kamen, ein neues Leben beginnen müssen. Eine verschwindend geringe Anzahl ging durch schwere Arbeit, durch das Klima zugrunde, die meisten aber haben es zai Reichtum, manche sogar zum fabelhaften, gebracht. Vielen Juden, die im New Yorker Ghetto auf der Eastside ihre Laufbahn begonnen haben, gelang es nach wenigen Jahren begütert zu werden. Eingewanderte arme Juden haben nach einigen Jahrzehnten große Geschäftshäuser, Bauunternehmungen, Bankvereinigungen gegründet und blühende Industrien, auf die Amerika stolz ist, geschaffen. Ein Beispiel bloß: Ein aus Rußland eingewanderter Tischler ist heute der Eigentümer der feinsten Gebäude (Buildings) in New - *) Man hört dieses Zauberwort, welches „Alles in Ordnung" bedeutet, unzähligemale und es erinnerte mich an den tiefen menschenbeglückenden Ausspruch Nahum von Gamzu: „Auch dies ist zum Guten". (Trak. Sanhedrin, 108 b.) Belm Amerikaner kennzeichnet es mehr »eine materialistische Seite. York und sein Vermögen wird auf viele Millionen geschätzt. Er spielt heute im Leben des dortigen russischen Judentums eine bedeutende Rolle. Die Arbeiter von gestern beschäftigen heute Millionen Beamte und Arbeiter. Das New Yorker Judentum hat eine stattliche Anzahl Millionäre. Viele Juden werden zu der „Haute finance" gezählt und haben in der ganzen Welt, auch bei uns in Oesterreich, ein gewichtiges Wort. Die niedrige Geschäftskonkuiri enz, die in der alten Heimat und besonders im Osten Europas gewöhnlich Lebensprinzip der Juden, ist und durch welche es zu Uneinigkeiten, ja oft zu Zwistigkeiten sogar unter nahen Verwandten kommt, ist in dem Lande der bedeutendsten Weltkonkurrenz nicht zu merken und das dient dem einfach jüdischen Element zum Segen. Die natürliche Nüchternheit und Klugheit, die den Juden eigen ist und um die wir von unseren Feinden beneidet und daher gehaßt werden, gibt dem eingewanderten Juden die Möglichkeit, sich rasch dem amerikanischen Leben anzupassen, sie gewöhnen sich zur Arbeit, gewinnen die Arbeit lieb und sind in ihren Unternehmungen gar nicht wählerisch. Man findet dort Juden als Fensterputzer, Straßenkehrer und sogar als Kanaireiniger. Ich sprach mit einem Juden, der in einem galizischen Städtchen ein „Bankdirektor" war; heute ist er Straßenkehrer und fühlt sich mit seinem Geschicke ganz zufrieden. * Während sich die aus dem Westen Europas eingewanderten Juden, besonders, wenn sie reich wurden, äußerlich rasch dem amerikanischen Leben anpassen, gibt der aus dem Osten stammende Jude, sogar wenn er zu Vermögen gelangt, seine Eigenart in Volkscharakter und Sprache, in Brauch und Sitten, nicht auf. Der Aufenthalt in Amerika änderte nicht viel an seiner seelischen Einstellung. Wohl läuft auch er von früh bis spät seinen Geschäften nach, auch er ist fortwährend „busy", doch er spart sich auch ein Stündchen täglich „für seine Seele". Die Synagogen der Ostjuden sind Tag für Tag, Morgens und Abends mit Andächtigen gefüllt. Nach dem Gottesdienst wird, wie einst in der alten Heimat „gelernt"; in den Bethäusern der Chassidim auch „Tikkon" getrunken. (Fortsetzung folgt) Danksagung. Anläßlich meines 80. Geburtstages sind mir so viele ehrende und hocherfreuende Beweise von Freundschaft, Verehrung und Aufmerksamkeit zugekommen, daß ich außerstande bin, hierfür jeden einzelnen geziemend Dank zu sagen. Ich spreche daher auf diesem Wege den verehrl. Korporationen und allen meinen Freunden und Bekannten meinen wärmsten und tiefgefühltesten Dank aus. Wien, im Februar 1925. Philipp Weiss

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