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Die Wahrheit · 1925-02-27 · Heft 8 (27.2.1925) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 8 (27.2.1925)
Date
1925-02-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ii 'Vi tml' Dm Wahrheit Seite & welcher der Richter den Angeklagten gegenüber den unter Diensteid aussagenden drei Oberwachmännern schützte. In diesem Staunen war eine Kritik über einen Richter enthalten, die nicht unwidersprochen bleiben sollte. Ich glaube nicht, daß es einen Richter geben könne, der das Vorgehen eines hakenkreuzlerischen Exzedenten nicht vom Standpunkte des Strafgesetzes, sondern von dem der Parteipolitik aus beurteilen würde. Aber man kann ganz gut annehmen, daß ein Richter, der so ängstlich bemüht ist, die Möglichkeit zu verhindern, daß einem Hakenkreuzler auch nur um Haaresbreite Unrecht geschehe, hiebei nur von den edelsten Motiven geleitet wird. Der hakenkreuzlerische Exzedent soll beschämt erkennen, wie niedrig und roh derjenige handelt, der skrupellos über einen Menschen herfällt, der gar nichts verschuldet hat. Der zu einer ganz milden Strafe verurteilte Exzedent wird hoffentlich bekehrt den Gerichtssaal verlassen haben. Er muß sich ja auch denken, daß, wer mit Revolvern droht, nicht immer nur wegen Uebertretung des Waffenpatentes bestraft wird. * * * Die Affäre Beregi wurde von dem ungarischen Unterrichtsminister Graf K1 e b e l sb e r g sehr richtig als ein Politikum bezeichnet. Die „Erwachenden" wollen nicht, daß Beregi in Budapest auftritt. In Ländern, in denen Gesetze nicht bloß auf dem Papiere stehen, wird das Auftreten eines Schauspielers als eine Theaterangelegenheit betrachtet werden und ein Minister würde den gegen die Vorstellung Protestierenden höflich oder höhnisch sagen: „Wenn den Herrschaften der Künstler nicht gefällt, so mögen sie halt keine Karten zu seiner Vorstellung nehmen." Aber in Ungarn steht die Sache anders. Die „Erwachenden" sagen, der Jude Beregi darf nicht auftreten und somit ist, wie Se. Exzellenz der Unterrichtsminister sagt, aus der Geschichte ein Politikum geworden. Aber nicht etwa in dem Sinne, daß der Minister, empört über die unberechtigte Forderung, die mit Krawall und Gewalt drohenden Frechlinge in die Schranken gewiesen hätte! Das wagt den „Erwachenden" gegenüber kein Klebelsberg, der auf seinem Ministersitz klebt und kleben bleiben will. Für ihn ist es das höchste Politikum, die „Erwachenden" zu beruhigen, denn diese haben bisher, das muß ihnen der Feind lassen, immer noch Wort gehalten, wenn sie mit Skandal, Krawall und Gewalttätigkeit drohten. * * * DerungarischeMinisterdesInnern hat die Affäre Beregi weniger als Politiker wie als edler Menschenfreund behandelt. Er meinte, er sei zwar überzeugt, daß die Sicherheitsorgane imstande sein würden, Exzesse auf der Straße zu verhindern, aber er fürchte, daß — Gott behüte! — im Saale selbst die „Erwachenden" ihrem Mißfallen über da^ Auftreten Beregis Ausdruck geben könnten. Das weiche Herz Rakovskys, der keinem Bombenwerfer ein Haar krümmen könnte, erzittert bei diesem Gedanken. Bevor eine künstlerische Darbietung eine Störung erleidet, verbietet er sie lieber. Nicht die Störung, sondern die Vorstellung. Man versuchte, dem zartfühlenden Beschützer der Kunst den Gedanken nahezubringen, daß schließlich die Sicherheitsorgane auch im Saale es in ihrer Macht hätten, Skandalmacher zu entfernen. Vergebens, denn der Minister des Innern zittert, daß im Saale sich die Wachmänner vielleicht passiv verhalten könnten. In diesem Angstgefühl ließ er sich selbst dann nicht erschüttern, als der wirklich nicht radikale „Pester Lloyd" entschieden und feierlich die beruhigende Versicherung veröffentlichte, die Wachleute mögen sich im Saale nur passiv verhalten, das empörte Publikum werde schon selbst dafür sorgen, die eventuelle Exzedenten zur Türe hinaus und die Treppen hinunterzuwerfen. Sollte der Minister des Innern es darauf ankommen lassen? Ist es nicht zarter, feiner, würdiger, wenn man Exzesse vermeidet, indem die Vertreter des Staates vor den Exzedenten kapitulieren. * * * Was sagt der Ministerpräsident Graf Bethlen zu diesen Mitgliedern seines Kabinetts? Ach du lieber Himmel, Se. Exzellenz hat ganz andere Sorgen, er muß wohl darüber nachdenken, was er zu der Erklärung Beniczkys, des ehemaligen Ministers, sagen soll, der darüber klagt, er habe dem Ministerpräsidenten das Material gegen die Mörder der Redakteure Somogyi und Bac so übergeben, aber die Mörder gingen noch heute unbehelligt in den Straßen Budapests spazieren. Und nicht genug damit, kommen noch Graf Julius Andrassy und Fürst Ludwig Windischgrätz und bestätigen jedes Wort Beniczkys! Ein Graf Bethlen kann vielleicht mit vornehmem Schweigen achselzuckend darüber hinweggehen, wenn ein Zeitungsschreiber sich wegen zwei ermorderter Zeitungsschreiber aufregt und dann mit fingerdicken Lettern hinausschreit: „Wie Graf Bethlen der Mitschuldige der Mörder Somogyis wurde!" Aber Beniczky, Andrassy, Windischgrätz, das sind keine Zeitungsschreiber, das sind Kavaliere! Soll Se. Exzellenz der Herr Ministerpräsident ihnen zurufen, sie stören die Ruhe der beiden Toten und die des Landes, wenn sie solche alte Geschichten aufrühren? Soll er ihnen sagen, sie mögen sich ein Beispiel an Somogyi und Bacso nehmen, die, um das Ansehen der ungarischen Justiz vor dem Auslande zu wahren, die ganze Zeit über kein Sterbenswörtchen über die Affäre verlauten lassen? Wenn die Erwachenden wenigstens zur Entschuldigung oder zur Beschuldigung — was in diesem Falle dasselbe ist — dem Beniczky, Andrassy und Windischgrätz in ihren Blättern andeuten könnten, diese Kavaliere stehen im Solde der Juden oder seien gar Judenstämmlinge! Irgend etwas wird also Graf Bethlen schon zur Antwort finden, eventuell redet er sich auf seinen „König" und die „Amtsverschwiegenheit" aus, von der er nur von diesem „entbunden" werden kann. Aber er ist wirklich zu bedauern, daß er sich darüber erst den Kopf zerbrechen muß, während es doch so bequem wäre, wenn er den lästigen Fragem zurufen dürfte: „Stellt euch doch nicht so naiv! Ihr wißt es ja gerade so gut wie ich, weshalb ich gegen dsie Mörder nichts tun konnte!" * * * Wer nicht vorurteilsvoll all diese Vorgänge verfolgt, wird schließlich erkennen müssen, daß Graf Bethlen doch nicht ganz Unrecht hat, wenn er im Auslande immer wieder versichert, die Rechtsordnung sei in Ungarn hergestellt. Was die „Erwachenden" wollen, findet man in Ordnung und

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