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Die Wahrheit · 1925-02-27 · Heft 8 (27.2.1925) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 8 (27.2.1925)
Date
1925-02-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 Dfl? WAHRHEIT Nr. 8 vom liolleschauer Sprengel das Gebiet von Wall.-Meseritsch ausgeschieden, vom Weißkirchener Sprengel das Qebiet von Neutitschein, während Mähr.-Ostrau, heute die zweitgrößte Judengemeinde des Landes, in der ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts noch eine unbedeutende Stadt und von Juden noch spärlich bewohnt war. Nur die südliche Grenze, gegen Niederösterreich zu, war von Judengemeinden dichter besetzt, was auf Einwanderung vertriebener Juden hauptsächlich aus Oesterreich zurückzuführen ist. Bekanntlich hat im Jahre 1421 die blutige Judenvertreibung aus Wien stattgefunden, die Wiener Geserah *), nachdem schon im Jahre vorher die Juden aus dem niederösterreichischen Flachlande ausgewiesen worden waren. Es war dies unter der Regierung des Herzogs Albrecht II., welcher sich kürz darauf 1422 mit der Tochter des römisch-deutschen Kaisers Siegismund, zugleich Königs von Böhmen und Ungarn, vermählte. Der größte Teil der aus Wien vertriebenen Juden ließ sich in Siegismunds Ländern, in Ungarn und Mähren, nieder; speziell nach Ungarn waren vielfach die Nachkommen jener Juden ausgewandert, welche fast 70 Jahre vorher, im Jahre 1354, unter der Regierung König Ludwigs des Großen, Siegismunds Schwiegervater, aus Ungarn vertrieben worden waren und wieder in ihre alte Heimat zurückkehrten. -Sowohl in Ungarn, als auch in Mähren wurden die jüdischen Exilanten freundlich aufgenommen, zumal Siegismund den Juden gewogen war und dieselben mit verschiedenen Privilegien versah. In Mähren ließen sich die Wiener jüdischen Einwanderer hauptsächlich in den südlichen Teilen des Landes nieder, sogar in der Hauptstadt Brünn, in welcher die Juden zu jener Zeit noch wohnen durften. Leider traten bald darauf solche Verhältnisse ein, welche die Lage der Juden dieser Gebiete ungünstig gestalten sollten. Zufolge der vorangeführten verwandschaftlichen Beziehungen zwischen Siegismund und Albrecht hatte ersterer letzteren behufs Sicherstellung des zugesagten Heiratsgutes die südmährischen Städte Iglau, Jamnitz, Znaim und Pohrlitz abgetreten, welche durchwegs von Juden und auch von Wiener jüdischen Emigranten stark bevölkert waren, so daß diese wieder unter die Gewalt des judenfeindlichen Herzogs Albrecht kamen. Sein Einfluß im Lande wurde noch größer, als ihm Siegismund im Jahre 1423 behufs besserer Führung der Hussitenkriege ganz Mähren überließ und Herzog Albrecht im Lande nach *) Vergl. das gleichnamige Buch von Prof. Dr. Samuel Krauss, Wien 1920. lieh pflegte der Onkel Doktor sich immer glänzend auszudrücken. Der sicherlich sehr klare und verständliche Brief, in welchem er dem Stuhlrichter alles getreu berichtete, enthielt nebst dem Betrag für einen neuen, prächtigen Hut noch 'die Summe von dreihundert Gulden, über deren Verwendung er sich in folgender Nachschrift äußerte: „Als selbstauferlegte Strafe für unbefugtes Probieren fremder Hüte dreihundert Gulden für die von der Delogierung bedrohten Familien." Der Stuhlrichter quittierte diesen Brief mit folgendem auf einer Visitkarte geschriebenen Zeilen, die der Onkel nach längerem Sträuben uns endlich zeigte. Da stand zu lesen: „Lieber Fraind! Wir haben, das waiß ich jetzt, glaiche Köpfe. Wer hat aber ein Herz wie Sie? Ich bin glücklich, daß Sie unter mainem Hut awien so glücklichen Einfall für zwei arme Familien gehabt. Mögen Sie diafür immer unter Gottes Hut stehen. Ihr sehr dankender Fraind S." Ja, so war der Onkel Doktor, dieser mitunter kleinliche, knickerige Mensch, der sich so schwer entschließen konnte, alle paar Jahrzehnte einmal so viel Geld für einen neuen Zylinderhiut auszugeben. freiem Ermessen schaltete. Eine seiner ersten Taten war die von ihm veranlaßte Vertreibung der Juden aus lglau im Jahre 1426 wegen ihres angeblichen Einverständnisses mit den Hussiten. Und diese judenfeindliche Gesinnung vererbte sich von Albrecht auf seinen nachgeborenen Sohn Ladislaus Posthumus, der nach kaum erlangter Qroßjährigkeit unter dem unheilvollen Einflüsse des fanatischen Franziskanernvinches Johann von Capistran im Jahre 1454 die Juden aus. Brünn, Olmütz* Znalm undi anderen mährischen und schlcslschen Städten vertrieb. Die Juden dieser Städte ließen sich daraufhin, ebenso wie es drei Jahrzehnte vorher die aus Iglau vertriebenen Juden getan hatten, in der Nähe der von ihnen früher bewohnten Städte nieder und gründeten, -bzw. verstärkten kleine Judengemeinden der Umgebung, so auch , der südmährischen kleinen Kehillas, welche auch von den österreichischen Emigranten aufgesucht worden waren und sich in der Folge bis zum heutigen Tage erhalten haben, wenn auch viele von ihnen heute nur mehr ein vegetierendes Dasein führen, sogar zum Teile schon fast gänzlich eingegangen sind. Einige von ihnen-, wie Eisgrub. Irritz, Pullltz, Althart, W'ölking, Markwaretz, Baltelau und Puklitz wurden bei der Errichtung der Kultusgemeinden nach dem Gesetze vom 21. März 1890 ihrer bis dahin innegehabten kulturellen Funktionen entkleidet und benachbarten Kultusgemeinden zugewiesen, während die größeren von ihnen, Lundenburg, Kostel, Nikolsburg, Mißlitz, Schaffa, Jamnitz, Piesling, Teltsch, Triesch und Pirnitz heute noch als Kultusgemeinden existieren, jedoch zum Teile bereits einer langsamen, aber sicheren Auflösung entgegengehen, weil bei dem insbesondere bei der jüdischen Bevölkerung1 vorhandenen Zuge in die Stadt die Anzahl der jüdischen Einwohnerschaft der ländlichen, teilweise abseits des Verkehrs gelegenen Kultusgemeinden immer mehr im Abnehmen begriffen ist so insbesondere in Schaffa, Piesling. Teltsch und Pirnitz. Nur Lundenburg hat als bt deutende Verkehrsstadt beträchtlich an jüdischer Bevölkerung zugenommen. (Schluß folgt.) Juderrfeigheit. Zwölf tausend meiner tapfern Stammesbrüder Deckt Flanderns Schlamm und Polens gelber Sand, Karpathenschnee undi des Isonzo Strand' — Zwölf tausend kehren nie zur Heimat wieder! Vieltausend Krüppel ohne Fuß und Hand, Verstümmelt, siech und krank die müden Glieder! Von ihnen melden kerne Bardenlieder, Ihr stummes Heldentum ist eitler Tand. EsJ gilt für nichts! Doch wenn in den Etappen, Wo tausend feig nach einem Pöstchen schnappen, Ein Jude auf der Schreiberstube wetlt, Dem Ghettogeist noch steckt in seinen Knochen, Der Geist, der unsrer Väter Mut gebrochen, Der blinde Hödur: „Judenfeigheit!" heult. Aus Eli Elkana, Sonette, Martin Salzmann-Verlag 1922. Glossen. Ein Hakenkreuzler stand dieser Tage in Wien vor dem Richter. Er hatte, ohne jeden Grund, einen Juden beschimpft, mißhandelt und mit dem Revolver bedroht und war dann im Verlaufe der Begebenheiten auch mit Wachmännern in höchst bedenkliche Konflikte geraten. Der Fall ist nicht vereinzelt, und die Tagesblätter würden ihm wohl kaum der Erwähnung wert gehalten haben, wenn sie sich nicht gedrängt gefühlt hätten, das Staunen über die außerordentliche Sorgfalt auszudrücken, mit

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