Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 8 (27.2.1925)
- Date
- 1925-02-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 8 Schicht selbst erwachsen sind". (Seite 9.) Er nennt die Sprößlinge hervorragender Geschlechter, die in der Revolution eine führende Rolle spielten, und verweist darauf, „daß schon im Dekabristen - Aufstand (1825) vom jungen Militär-Adel die Nationalisierung des Bodens verlangt wurde". (Seite 7.) „Die meisten Führer der kommunistischen Partei sind nicht aus dem Proletariat hervorgegangen, sondern die fähigsten, unerschrockensten Persönlichkeiten <ier rubsischen revolutionären Hochintelligenz sind es, die Jas gewaltige Instrument der Vernichtung, tlen Konimunistischen Orden, in ihren Händen halten." Es ist mir völlig unbegreiflich, wie sich das Gesagte mit dem Zitat des genannten Blattes vereinigen läßt, daß „wohl an 90 Prozent der Führer der kommunstischen Partei der jüdischen Rasse angehört". Man kann sich das nur als Druckfehler oder als beabsichtigte Täuschung des Lesers er¬ Mären. Unter der russischen Oberschicht und der russischen Intelligenz gab es doch nicht 90 Prozent Juden, das zu behaupten, ist noch keinem Menschen jemals eingefallen. Anfang Mai 1924 lasen wir in den amtlichen Berichten der kommunistischen Partei, daß sie unter 900.000 eingeschriebenen Mitgliedern 45.000 Juden, also etwa 5 Prozent zählt. Wie :kommen also 90 Prozent unter die Führer? Es wird ferner behauptet, daß das Dreimänner-Komitee, das seit dem Tode Lenins an der Spitze der Kommunistenpartei steht, aus lauter Juden zusammengesetzt sei: Sinowjew, Kamenew, Stalin. Sinowjew ist allerdings Jude von Geburt. Aber Stalin ist Grusiner und heißt Dugaschwicti und hat mit Juden ebensowenig etwas gemein, wie etwa seine Landsleute Zeretelli oder Tscheidze, die in der Revolution ebenfalls eine große Rolle spielten. Der dritte der Genannten, Kamenew, ist nicht der durch die Antisemiten so berühmt gewordene Rosenfeld, sonililiiiH^ KUNDMACHUNG An die Judenschaft! Im Bestreben, selbst den allerstrengsten Anforderungen bezüglich der rituellen Zubereitung meiner Mazzoth m^D Genüge zu leisten, ist es mir heuer gelungen, den weltberühmten orthodoxen Oberrablner Chflim lizcliofc 3eruchem aus Altstadt für die Oberaufsicht(Haschgachah) meiner Mazzoth-Bäckerei zu gewinnen. Ich habe meinen Betrieb durch Einstellung neuer, patentierter Maschinen bedeutend vergrößert und werden die Mazzoth auch hygienisch in der erdenklich sorgfältigsten Weise hergestellt. Mazzoth und Mazzoth-Qrieß sind bei mir heuer erzeugt und garantiert irisch zu haben und werden auf Wunsch auch prompt in die Provinz versendet. Orthodoxe Mazzoth-Bäckerei HL STRUI»!, Wien II., Rotensterngasse 11, Tel. 47-7-17. mmmmmmmmmmmmmmmmmm dem der ehemalige zarische Oberstleutnant, der jetzt unter dem Oberbefehl Trotzkis Kommandant der roten Armee ist und ausdrücklich als deren Vertreter in das Komitee delegiert wurde. Es sind also zwei Nichtjuden und nur einer jüdischer „Rasse". Aber wer leugnet denn, daß einzelne Juden im Bolschewismus eine große Rolle spielen? Der Verfasser der Broschüre sagt selber, daß die Führer aus den fähigsten, unerschrockensten Persönlichkeiten der russischen revolutionären Intelligenz sich rekrutieren. Darunter befand sich allerdings eine lilljl Feuilleton Der Zylinderhnt. i (Schluß.) Mein Onkel Doktor war, wie ich ischoo früher bemerkte, als Mensch und Arzt gleich edelherzig utid daß seine Herzensgüte selbst aus seinen Seltsamkeiten und Schrullenhaftigkeiten hervorleuchtete, hat sitefa vielleicht niemals so klar gezeigt wie in diesem Falle. Seine Erzählungen zeichneten sich, wie wir alle wußten, immer durch eine' lapidare Kürze aus, die auch dem aufmerksamsten Zuhörer viel, wenn nicht alles zu erraten1 übrig ließen. Er war imstande, mit den knappsten Worten den Anfang einer Geschichte mitzuteilen und daran sofort unmittelbar die verblüffende Schlußpointe zu knüpfen. Was dazwischen lag und zum Verständnis des Ganzen unentbehrlich war, konnte ein Neugieriger von ihm, wenn es gut ging, nur durch zudringliche Fragen nach Details erpressen. Man verzichtete in der Regel darauf und lachte, wenn die Pointe lustig klang, aus Höflichkeit und je heftiger man lachte, um so glücklicher war der Onkel. Ich glaube, ein ernstes Gesicht seines Zuhörers hätte er wie eine böswillige Beleidigung empfunden. Als der Onkel Doktor seinen Bericht über den glücklichen Einfall in der Zylinderhut-Affäre vergnügt, mit einem strahlenden Lächeln, in der eines Trappisten würdigen Gedrängtheit erstattet hatte, vernahm er kein helles Lachen, gewahrte nicht einmal ein gezwungenes Lächeln; eisiges Schweigen folgte seinen paar Worten. Peinlich berührt, fast erschrocken, blickte der Onkel auf uns, dann entrang sich endlich seinerf Lippen in klagendem Tone der Ausruf: „Der Stuhlrichter, ein so guter Mensch, der Herz für arme Juden, wie für arme Christen hat, er selbst hat es mir geschrieben, daß er mir für meinen glücklichen Einfall dankt." Verblüfft schwiegen wir erst. So rätselhaft hatte der Onkel Doktor noch niemals gesprochen; dann aber fielen wir alle mit einer Flut von stürmischen Fragen über den armen Onkel her: Wieso denn der Stuhlrichter gewußt, wer seinen Hut genommen? Wieso der Onkel wisse, daß der Stuhlrichter ein so gutes interkonfessionelles Herz habe usw. Der Onkel Doktor mußte, ob er wollte oder nicht, diesmal uns Rede stehen! und aus den sozu-