Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 7 (20.2.1925)
- Date
- 1925-02-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 DIE WAHRHEIT Seite 9 Herren sehr gut besucht und widmete über volle drei Stunden den Ausführungen der Redner ungeteilte Aufmerksamkeit. Als erster Redner nach Eröffnung der Versammlung durch den Obmann Dr. Karpfen ergriff Präsident Dr. Ornstein das Wort zum Thema „Der Antisemitismus und die Juden in Oesterreich". Dr. Ornstein entwarf ein charakteristisches Bild der politischen und sozialen Lage der österreichischen Juden gegenüber dem Antisemitismus und erntete dafür wohlverdienten Beifall. Ueber die Bildung der Jugendgruppe der „Union" referierte der Schriftführer dieser Gruppe studiosus Benno Low und setzte die Ziele dieser Neugründung innerhalb der „Union" in lebhaften Farben auseinander. Als dritter Redner sprach Herr Emil Engel über „Die israelitische Kultusgemeinde in Wien, ihre Organisation und ihre Einrichtungen". Herr Engel bot in großen Zügen auf Grund von statistischen Material ein instruktives und interessantes Bild der umfangreichen Tätigkeit der israelitischen Kultusgemeinde auf allen Gebieten des sozialen und kulturellen Lebens sowie ihrer zahlreichen Einrichtungen und Wohlfahrtsaktionen und wußte durch seinen Vortrag das Auditorium in Spannung zu erhalten. Lauter, Beifall lohnte die Darlegungen des Vorfragenden. Die Ausführungen der Redner hatten für die „Union" auch einen materiellen Erfolg, indem eine ansehnliche Zahl der Versammlungsbesucherinnen und -besucher sofort ihren Beitritt zur „Union" wie zu der Jugendgruppe anmeldeten. Hierauf folgte die Neuwahl des Vorstandes und der Delegierten für die Delegiertenversammlung, über die wir demnächst berichten werden. Ball der Union. Samstag, den 21. Februar 1925, Y*9 Uhr abends, findet im Saale des Hotel Continental der föaff der „Union" veranstaltet von der rührigen Jugendgruppe dieses Vereines, statt, der zu einem der schönsten Abende der heurigen Ballsaison zählen dürfte, wenn man die von den Damen und Herren des Komitees wirklich intensiv geleisteten Vorbereitungen in Betracht zieht. Karten im Vorverkauf ä K 40.000, an der Abendkassa K 50.000. Samstag, den 28. d. M., findet im Ring-Cafe, I., Stubenring 18, wieder eine der so rasch beliebt gewordenen (Tansz-tfoireen der Jugendgruppe statt, die sich gewiß den bisherigen Verananstaltungen der Sektion würdig anreihen wird. Gäste willkommen. Wahrheiten vom Tage Anhängerschwund. In der „Lustigen Ecke" des Salzburger „Grobian", mit der wir uns schon einmal befaßt haben, findet sich folgende „gefährliche Drohung": Wie wir erfahren, soll der „Grobian", so seine Leser mit der Bezugsgebühr weiter im Rückstand bleiben, über kurz oder lang seinen Geist aufgeben. Dazu nur zwei Bemerkungen: Gehört eine solche Feststellung nicht anders wohin als in die „Lustige Ecke" oder soll mit dieser Placierung den wenigen Lesern, die so dumm sind, mit der Bezugsgebühr nicht im Rückstand zu sein, das freudige Ereignis in baldige Aussicht gestellt werden, daß auch sie von einer weiteren Zusendung des Blättchens verschont bleiben werden. Und dann, übertrieg der Schreiber der niederschmetternden Zeilen nicht ein wenig, als er von dem Geist sprach, den der „Grobian" über kurz oder lang aufgeben soll. Nach dem, was das Blatt bisher produzierte, ist wohl von einem Ungeist zu sprechen. Hoffentlich wird man aber bald von ihm gar nicht mehr sprechen müssen. Verklungen und vertan — der arme „Grobian"! Der Weg Dr. Walter Riehls. Dr. Walter Riehl hat sich nun mit seinen Deutschsozialisten den Großdeutschen angeschlossen. Wir können Dr. Riehl und den von ihm Heimgesuchten zu diesem Schritte nur gratulieren; vielleicht wird der Mannenschwund bei den Großdeutschen dadurch etwas aufgehalten und sie haben langsam wieder das Gegengewicht, das sie angesichts des Anwachsens der Nationalsozialisten immer mehr zu verlieren scheinen. Oskar Beregi und die Rassenschützler. Auf Einladung des Budapester Schauspielverbandes sollte Oskar Beregi "nach einem Zeitraum von fünf Jahren in Budapest bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung mitwirken. Die Veranstaltung sollte Sonntag im Konzerthause stattfinden. Im Laufe des Tages wurden aber in den Straßen Budapests Flugzettel verteilt, in denen die Universitätsjugend und die Mitglieder des Vereines der Erwachenden Ungarn aufgefordert wurden, am Abend um Vi! Uhr vor dem Konzertgebäude aufzumarschieren, um Beregi einen „festlichen Empfang" zu bereiten. Die Ausschußmitglieder des Schauspielerverbandes als Arrangeure der Veranstaltung wurden daraufhin vom Bürgermeister ersucht, von der Veranstaltung abzusehen, da sonst große Skandale nicht zu vermeiden wären. Der Schauspielerverband erklärte nach langen Verhandlungen dem Wunsche des Bürgermeisters zu willfahren, doch hat der Präsident des Schauspielerverbandes Julius Hegedüs im Zusammenhang damit seine Präsidentschaftsstelle niedergelegt, weil er die Ansicht vertrat, daß das Fest unbedingt hätte abgehalten werden müssen. Oskar Beregi erklärte, daß er den Standpunkt Hegedüs' teile. Er bedauere, daß die Veranstaltung nicht stattfinden könne, mache jedoch mit Rücksicht auf den wohltätigen Charakter der beabsichtigten Veranstaltung keinerlei Schadenersatzansprüche geltend. Einen merkwürdigen Beigeschmack bekommt die ganze Affäre, abgesehen von der neuerlichen Bestätigung dessen, was wir vor kurzem über Beregi sagten, noch durch folgende Episode: Oskar Beregi reiste mit dem gleichen Zuge nach Budapest, der den Ministerpräsidenten Bethlen am Samstag von Wien dorthin führte. Als der ungarische Ministerpräsident hörte, daß sich Beregi im gleichen Zuge befinde, ließ er ihn zu sich bitten und zog ihn in ein Gespräch, das über eine Stunde währte. Der Ministerpräsident hat es aber nicht verhindern können, daß im Anschiuß an die Demonstrationen gegen Beregi blutige Exzesse in Budapest stattfanden, von denen noch zu sprechen sein wird. Kunstfeindliche Theatertreibereien in Hamburg. Ein Hamburger Leser unseres Blattes bittet uns um Aufnahme nachstehender Zeilen: „Wenn ich Sie hiermit um Aufnahme einer sogenannten Hamburger „L o k a 1"-Angelegenheit bitte, so deshalb, weil die Hamburger Antisemiten sich in letzter Zeit nachdrücklich bemühen, die hohe Hamburger Theatertradirion, welche bekanntlich einst durch Lessing begründet wurde, systematisch zu untergraben. Die „Hamburger Nachrichten", das einst so stolze „Bismarck-Blatt'\ das sich längst zum Organ deutschnational-antisemitischer Parteidemagogie erniedrigt hat, sind der Schrittmacher dieser durch und durch kunstfeindlichen Hetze, die meines Erachtens nur ein Seitenstück zum politischen Antisemitismus darstellt. Weil anzunehmen ist, daß nach einer „erfolgreichen" Unterwühlunc der dramaturgisch hochstehenden Lessing-Tradition in Hamburg die antisemitische Theaterhetze in Deutschland immer größere Kreise zieht, halte ich die Publizierung beiliegender Briefe für notwendig. Der kurze Sachverhalt ist folgender: Dr. L. A. Piper, volksparteiliches Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und „künstlerischer" Redakteur der rechtsradikalen ..Hamburger Nachrichten", glaubte in einer Kritik in seinem Blatte gegen das auf fast allen größeren Bühnen der Welt und auch in Hamburg aufgeführte Theaterstück „Die Standestreue" des zurzeit auf der Insel Sizilien sich befindenden Engländers John Galsworthy eine antisemitische Hetze entfesseln und „Die Standestreue" als ein Theaterstück „j ü d ischer Sendung" hinstellen zu können. Wegen dieser Unverschämtheit hat dann Golsworthy nach einem aufklärenden Briefwechsel mit Herrn John Libis diesem treffend und für Herrn Piper, sowie seinem antisemitischen Anhang sehr blamabel geantwortet: Ganz kurz in Beantwortung Ihres Briefes vom 30. Dezember. In „Loyalties" hatte ich kein Interesse an irgend einem Rassenproblem. Das Thema des Stückes ist, JAC. MAVERJ . /.-'aV^ Kleider-» Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Deiailverkauf: cn II., Glockengasse 24 Wien II., Taborsirafte 44 ■j-