Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 7 (20.2.1925)
- Date
- 1925-02-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064029--13463-3080969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
VeföffentlidmiSgen der „Union deutschösterreichischer Juden" i Wien IX. i j Berggasse 4 ( Postsparkassen - Konto : Nr. 9464 \ { Telephon Nr. 19-2 77 Huben und drüben. Sollte jemand den Einfall haben, die überflüssige Frage aufzuwerten, wo es mit der öffentlichen Moral nach einer gewissen Richtung besser stehe, bei uns in Oesterreich oder in dem von den Großdeutschen mit solcher Sehnsucht verlangten Deutschland, wäre die Antwort nicht so schwer: Drüben, im deutschen Reiche, sind Dinge an das Tageslicht getreten, die mit den Vorkommnissen hüben bei uns gottlob nicht verglichen werden dürfen. Eine Skandalaffäre nach der andern wird ans Licht gezogen, eine schimpflicher als die andere. Namen fliegen durch die Luft, von denen man bisher nur in „eingeweihten" deutschen Kreisen etwas vernommen hatte, — Kutisker, Barmat und die ihrer Helfershelfer. Dabei erfährt man Schmutzgeschichten von Bestechungen, kurz die Fülle von Korruptionssachen^ wie sie seiner zeit nur im fernen Osten auf der Tagesordnung standen. Daß solche horrende Affären just in Deutschland entstanden^ das hätte man am allerwenigsten erwartet. Hatte man doch immer den deutschen Beamten als Muster der Gewissenhaftigkeit hingestellt. Der Gerechtigkeitssinn wurde dort bei allem Nationalitäten- und Parteiihader hochgehalten, ohne in seinem Wesen beirrt zu werden. Der Ausspruch des Müllers von Potsdam Friedrich dem Großen gegenüber: „Bs gibt noch Richter in Berlin", war nicht mit Unrecht das Losungswort für alle Vertreter der staatlichen Behörden Deutschlands. Vom Diener angefangen bis hinauf zum Minister war jedes Amtorgan durchdrungen von dien hohen Aufgaben, denen er sich gewidmet. Und sie oblagen in diesem Sinne ihren öffentlichen Pflichten. Und jetzt? O, jerum — quae mutatib rerum! Doch zur Steuer der Wahrheit sei es bemerkt, daß sich das „dunkle Walten" zum Glück für die Deutschen nicht auf die Allgemeinheit der Staatsbeamten bezieht. Allein das, was über einzelne zur allgemeinen Kenntnis gelangt, genügt, uns ein Bild von der Verderbtheit bestimmter Kategorien da drüben mit aller Bestimmtheit vor Augen zu führen. Eigenartige Geschäfte auf Kosten des Staatssäckels, bei dienen sich die Taschen mitwirkender Würdenträger in beträchtlicher Weise bereicherten, namhafte bei Bankinstituten verlorene Einlagen des Staates u. dgl., das sind gewiß keine Kleinigkeiten. Sie haben schon deshalb eine höhere Bedeutung, weil Deutschland nach außen durch längere Zeit großen Verpflichtungen nachzukommen hat und bei allem Fleiß seiner Bürger von schweren Lasten bedrückt wird. In dieser keineswegs beneidenswerten Lage bleibt es ein wahrer Trost, daß die Gerichtsbehörden keinen Augenblick zögern, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Die Staatsanwaltschaft arbeitet mit voller Dampfkraft. Ohne Rücksicht auf die Person, wie es ihre Pflicht, ob Minister oder Händler, sie fordert die1 Leute vor die Schranken des Gerichtshofes, indem sie sich zur Vorsicht, sofort dieser Personen bemächtigt. Das heißt, um' gewissen Eventualitäten vorzubeugen, die Leute in gerichtlichen Gewahrsam nimmt. Dieses gerechte Vorgehen löst allseitige Befriedigung aus und bietet der Bevölkerung vorerst insoweit Genugtuung, daß Geschehnisse, die solche ungewöhnlichen Gesetzwidrigkeiten beinhalten, nicht ungesühnt bleiben werden. So ist es eben in Deutschland. Sollen wir da wirklich einen Vergleich der (deutschen Schandaffären mit den Vorgängen ziehen, die bei uns zu verzeichnen sind? Wir wollen keine Namen nenne n^ keine allgemein bekannten Tatsachen näher bezeichnen. Man weiß ja genau, wohin wir mit diesen Andeutungen zielen. Doch sei es; mit Nachdruck betont, daß die Affäre in aller Mund und ihre Nebenerscheinungen gottlob bei weitem nicht den Charakter jener Korruptionssachen tragen, wie sie in Deutschland vorgekommen und überall so viel Aufsehen erregen. Aber immerhin muß betont werden, daß auch bei uns Staatsgut in nicht zu rechtfertigender Weise, sagen wir, verschlampt wurde. Leider muß dabei die Tatsache festgestellt werden; daß unsere kompetenten Behörden der Sache nicht mit jener Energie nachgegangen sind, wie es die Bevölkerung mit Recht zu erwarten berechtigt ist. Ja, es wird von bestimmter Seite trotz der amtlichen Dementis behauptet, man wolle die Sache —, wenn niicht direkt vertuschen, doch auf die lange Bank schieben, um sie auf diese Weise der Vergessenheit zu überliefern. Das aber finden wir keineswegs am Platze. Wie drüben solche Affären mit notwendiger Strenge der Verfolgung anheimfallen, so sollte auch hüben die Angelegenheit der öffentlichen Behandlung unterzogen werden. Freilich niicht darum, weil es drüben der Fall, sondern weil wir hüben das Recht darauf haben, jede Schweinerei, mag sie nun dieses oder jenes Protektorat genießen, gesetzmäßig aus der Welt zu schaffen, die Schuldigen der verdienten Strafe zuzuführen. Ob es sich um Juden oder Christen handelt, bleibt sich natürlich einerlei. Die Unterdrückung einer verdächtigen und unaufgeklärten Sache läßt immer Schatten auf der Verwaltung zurück. Das darf sich unser kleiner Staat niicht erlauben. So stehen wir denn auf dem Standpunkt: Vor mit den Schuldigen, ohne Rücksicht auf Personen! Philipp Leon. Unionversammlung in Wiener-Neustadt. Das Präsidium der „Union deutsch österreichischer Juden" hat, um die Fühlung mit der Mitgliedschaft in der Provinz enger zu gestalten und zu vertiefen, einen Ausflug nach Wiener-Neustadt veranstaltet. Präsident Dr. Jakob Ornstein in Begleitung des Schriftführers der neugegründeteten „Jugendgruppe der Union" Herrn Benno Low haben sich am 7. d. M. in der Kanzlei der dortigen Kultusgemeinde eingefunden und wurden von dem rührigen Obmann der Wiener-Neustädter Mitgliedschaft Herrn Dr. S. Karpfen und den Mitgliedern lebhaft begrüßt. Die Versammlung — sie war gleichzeitig Jahresversammlung der Unionmitglieder — war von. Damen und