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Die Wahrheit · 1925-02-20 · Heft 7 (20.2.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 7 (20.2.1925)
Date
1925-02-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7 Di£ WAifftriBlT Seite 7 Stets und jederzeit leuchtet ihm noch in seinen Vereinssatzungen das alte, so bewährte und erprobte Ideal; immer wieder und wieder weist ihn nach wie vor gleich der erste Punkt derselben den einzuschlagenden Weg; die Erhaltung des jüdischen Kultus in den beiden Bezirken und die Efmöglichung und Durchführung aller sonstigen, zu demselben gehörenden Momente und Begleiterscheinungen. Es gereicht wohl der jüdischen Bevölkerung dieser Bezirke zum Ruhme; es zeigt und kündet von edler Begeisterung für Glauben und Volk, wenn vor 15 Jahren dieses stattliche und herrliche Gotteshaus errichtet werden konnte. Unter den so wackeren und tüchtigen Männerm des Vereinsvorstandes, die diese große Tat in der Geschichte des Tempelvereines ermöglicht und zustandegebracht haben, soll und muß besonders auf den Namen unseres so ausgezeichneten Vereinspräses Herrn Adolf Hofraann hingewiesen werden, dessen eifriger Arbeit und energischen Mühen und Streben der Tempelbau seine Entstehung und Vollendung verdankt. Fast durch die ganze fünfzigjährige Zeit dem Vereinsvorstande angehörend und seit einer Reihe von Jahren an der Spitze desselben als Ohmann wirkend, wird zu allen Zeiten mit Recht sein Name in goldenen Buchstaben in den Annalen unseres Vereines eingetragen sein. Hauptsächlich als sein Verdienst muß es angesehen werden, wenn hier, im Tempel der Bezirke, wo vorwiegend eine dem Fortschritt zuneigende und dem modernen Zeitgeiste huldigende Bevölkerung ihren Wohnsitz hat; wenn hier in den Formen unseres Gottesdienstes der goldene Mittelweg eingeschlagen, wenn da von den Bahnen der Tradition nicht abgewichen und die althergebrachte Art und Weise in demselben beibehalten wird. Er hat nicht nur diese Schul gemacht, sondern auch in des Wortes schönstem Sinne hier Schule gemacht. Ihm zur Seite befindet sich ein Stab von edlen, der guten Sache ergebenen Männern, denen sein Schalten und Walten beispielgebend und vorbildlich ist. Ihrer Schaffensfreude in den so mannigfachen und verschiedengearteten Zweigen des jüdischen Kultus verdanken wir unsere im Aufschwung begriffene Talmud-Thora- und Bibelschule, die immer größere Erfolge aufweist und deren Hallen Tag für Tag geöffnet sind, um die Jugend der Bezirke in den so reichen und großen Schatz des jüdischen Wissens einzuführen. Da schöpfen unsere Kinder aus dem ewig frisch fließenden Quell und Born unserer Lehre, da werden sie getränkt und genährt mit dem Labsal unserer Propheten und Psalmisten. Da lernen sie die „heilige Sprache", da werden sie mit ihrem Geist vertraut gemacht. Einem prachtvollen Diadem gleich, reiht sich der mit Edelsteinen geschmückten und gezierten Krone unseres Tempelvereines noch ein Juwel in der Gestalt unseres aus demselben hervorgegangenen Frauenvereines, der nun auch über 40 Jahre besteht. Unter Leitung und Führung seiner vortrefflichen Präsidentin, Frau Karoline H o f m a n n, entfaltet er eine so ersprießliche und segensreiche Tätigkeit auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge. In der Armenunterstützung, in der Bekleidung bedürftiger Kinder, in der hilfreichen Förderung von Witwen und Waisen und all jener Bedrückten und Bedrängten, die der Wucht der schweren Zeit zum Opfer gefallen. Es ist freilich schwer, in 25 Minuten etwa Taten und Leistungen zu zeichnen und zu schildern, die in der langen Reihe eines halben Jahrhunderts vollbracht und vollzogen wurden. Zumal bei Taten und Werken, die die Blüte eines so edlen Baumes darstellt, wie es doch der „Lebensbaum*' des jüdischen Kultus sein will. Lassen sich ja derartige Resultate und Ergebnisse überhaupt nicht summarisch zusammenfassen, und können wir ja Grad und Maß ihrer Wirkungen nicht etwa thermometerartig messen und ablesen. Jedoch soll es ausgesprochen werden, und ich wage es zu sagen; war es auch nur ein einziger, der den segensreichen Bestand dieses Tempelvereines an sich verspürt und empfunden; war es auch nur ein einziger, der durch diesen Verein mit dem ganzen so immensen und schwer wieder zu gebenden Inhalt all dessen, was wir mit dem kleinen und winzigen Wrorte „Judentum"' bezeichnen; war es nur eiri einziger, Mann, Frau oder Kind, der durch diesen Verein, mit diesem so vielsagenden Begriff in Berührung zu kommen Gelegenheit hatte; dann hat der Verein seine Aufgabe erfüllt, dann ist seine Existenz- und Daseinsberechtigung erbracht und erwiesen. Doch wieviel mehr als einer waren es. Wer zählt sie alle, nennt die Namen, die hier zusammenkamen; all jene, die ein halbes Jahrhundert hindurch sich an den Quellen des Glaubens gelabt und aus denselben Lebensmut, Hoffnung und neue Kraft geschöpft und gewonnen haben? In wie fielen ist der Funke des Judentums entzündet, in wie vielen diese Flamme entfacht, gestärkt und erhalten geblieben. * * ■j/i Gewiß, Dichten heißt auch Träumen, und wie verlockend, wie reizend wäre es auch in der Dichtung dieser heutigen Feststunde, von der weiteren Entwicklung des Jubilars zu träumen und einen Blick in die Zukunft, in seine fernere Gestaltung zu werfen und seinen weiteren Gang und Lauf zu verfolgen. Wohl heißt es: „Es ist schwer Prophet zu sein"; doch wie leicht ließe sich gerade da aus der Vergangenheit auch für die Zukunft lernen! Was hat sich doch nicht alles in den vergangenen 50 Jahren in der Welt draußen zugetragen? Wie hat sie doch fast ihre Gestalt verändert? Völker und Reiche, Länder und Staaten, welche Umgruppierung haben sie doch erfahren? Welche Fülle von Begebenheiten, welcher Kreislauf von Ereignissen und Geschehnissen, welche Umwertung der Werte? Doch die Werte aber, welche unserem Stamme und Volke seit jeher heilig sind, für welche Israel und Juda gelebt und gelitten, gekämpft und gestritten; sie gingen auch aus dem Höllenfeuer des Weltbrandes, einem Phönix gleich, neu geboren, und verjüngt hervor. Unser Volkstum, der heilige Boden, das Land der Väter; in ihrer ganzen alten und mächtigen Größe stehen sie da! Die alten mächtigen Wahrheiten des Judentums, sie sind nicht veraltet; sie widerhallen nach wie vor in den Gemeinden, wie in den Vereinen. Die Vorkommnisse und Begebenheiten, auf welche der erste Satz unseres gestern verlesenen Schriftabschnittes hinweist: „All das, was Gott einst an Mose getan und an seinem Volke Israel", von welchem einst in der Ferne Jetro vernommen; sie werden noch immer überall erzählt und verkündet Vollends gar die Worte am Sinai, diese ewig gültigen Werte, die das Judentum der Welt geschenkt hat; diese kategorischen Imperative, ohne welche keine Zivilisation, kein Fortschritt und keine Kultur denkbar sind. Wie sind sie doch die Grundsäule und die Stütze für alle Freiheit und alle Entwicklung bis auf den heutigen Tag geblieben? Wie zeitgemäß, wie aktuell erscheinen sie; wie kann und darf man doch auf sie nicht verzichten? Schon sind ja allenthalben Gottsucher am Werke zu sehen. Nicht der „Mechanismus des Daseins" kann alles beantworten; nicht den Drang nach Uebersinnlichem, das Lechzen und Dürsten nach Lösung der Rätsel des Lebens stillen; auch nicht so manche Lehre, in modernes Gewand gehüllt; nicht Okkultismus und Spiritismus können uns die Probleme und die Geheimnisse des Daseins erklären. „Es gibt keine Zauberei in Jakob und keine erkünstelte Wahrsagerei in Israel." Einzig und allein die Weisheit und das Licht unserer Religion kann uns des Lebens Fragen und Rätsel begreiflich und verständlich erscheinen lassen. Die Größe und die Herrlichkeit unseres Volkes wird uns immer wieder und wieder den Weg zu demselben finden lassen. Auch unserem Tempelvereine kann und darf wohl um die Zukunft nicht bange sein! Geebnet ist auch ihm sein Pfad und Steg; klar und deutlich sein Weg und Ziel vorgezeichnet. In den alten Richtlinien, in den Worten seiner Satzungen: Der Erhaltung des jüdischen Kultus in den beiden Bezirken zu dienen, ihn zu hegen und zu pflegen. Was aber unter diesem eigentlichen fremden — aber so vielsagenden und reichhaltigen Worte zu verstehen ist, welchen Zweck dieser jüdische Kultus haben, oder vielmehr, was wir stets sein und bleiben sollen, das ist uns bereits in den alten Statuten am Sinai deutlich genug gesagt und verkündet worden. Da heißt es nämlich — wie wir in dem gestern verlesenen Kapitel von der Oifenbarungsgeschichte hörten — ,.Ihr sollet mir sein", spricht Gott, „ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk". Da in diesen wenigen Worten ist wohl alles gesagt, in ihnen schon alles enthalten^ „Ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk!" Wahrlich, wir brauchen gar nicht umzulernen; wir müßten nur lernen, diese vier Worte begreifen, um sie zu verwirklichen. An der Erreichung und der Erwerbung dieses unserer Gesamtheit um Sinai einst verliehenen so würdigen Namens und Ehrentitels mitzuarbeiten, dies zu werden, es zu sein und für alle Zeiten zu bleiben. An dieser edlen Arbeit, an diesem großen Erziehungswerke, will und wird auch der Tempelverein für Wieden und Margareten sich weiter beteiligen. Zu diesem seinem Vorhaben verleihe ihm Gott seinen Segen; auf daß er stets und in aller Zukunft auch weiter wachse, blühe und gedeihe!

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