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Die Wahrheit · 1925-02-20 · Heft 7 (20.2.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 7 (20.2.1925)
Date
1925-02-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAP iMis* rr Nr. 7 bracbtenihn im« Beziehungen zu den jiMSisiohen Bestrebungen, zu denen er immer eine gewisse Distanz einzuhalten bestrebt war. Siegmund Mayer bemühte sich in seinem bereits mehrfach angeführten Buche: „Die Wiener Juden'4, den Beweis zu erbringen, daß nach Wiederherstellung des Verfassungslebens durch das Februarpatent (1861) „politisch" ein Unterschied zwischen Juden und Christen nirgends, weder in den Ansichten noch in der Empfindung der Bevölkerung hervorbrach; „er schien" — wie er besonders hervorheben zu müssen glaubte — „tatsächlich verschwunden und vergessen". Gewiß, das Bürgertum in seiner Ueberzahl huldigte dem Liberalismus und ließ den Judenhaß aus prinzipiellen Gründen nicht zum Vorschein kommen; allein der •an der entscheidenden Stelle noch immer einflußreiche und tonangebende Feudaladel sowie die Kiroherngewaltigen wollten die Streitaxt gegen das Judentum keinesfalls vergraben und ergriffen jede Gelegenheit, >um durch ihr Organ, „Die Wiener Kirchenzeitung", oder durch die Staatsanwaltschaft das Judentum und gleichzeitig mit ihm seine politisch und literarisch führenden Männer in der öffentlichen Meinung zu diskreditieren. Ein Preßprozeß, vom Staatsanwalt gegen Josef Wertheimer und Dr. Leopold Kompert wegen eines "* vom Historiker Heinrich G r a e t z in dem von ihnen herausgegebenen „Jahrbuch für Israeliten" erschienenen Artikels über die Messiasidee angestrengt, brachte die lange zurückgehaltene Wut der offiziellen Kreise zum Ausdrucke. Nichts weniger wurde inkriminiert als eine Beleidigung des orthodoxen Judentutmes und zugleich der katholischen Lehre. Der Prozeß, der Ende 1863 begonnen wurde, längere Zeit durch Einvernahme der verschiedensten Experten sich hinauszog und schließlich mit einer geringfügigen Geldstrafe „wegen Vernachlässigung pflichtgemäßer Obsorge" für Dr. Leopold Kompert endigte, ließ die israelitische Gemeinde ahnen, wessen sie sich trotz liberaler Strömungen zu versehen hat. Die Gemeinde nahm nach und nach den Grundsatz an, diejenigen jüdischen Persönlichkeiten, welche sich im öffentlichen politischen Leben eine Stellung erworben hatten, in ihren Kreis zu ziehen. Früher oder später traten viele jüdische Abgeordnete und Gemeinderäte in den Vorstand der eigenen Gemeinde ein und es bürgerte sich bei den fortschrittlichen Parteien der Brauch ein, vor den politischen Wahlen mit der „Seitenstettengasse" in Kontakt zu treten,' um sich die Gefolgschaft der jüdischen Wählermassen zu sichern. Die Beratungsstelle der Wiener Judenheit wurde so zu einem maßgebenden Faktor auch in lokalpolitischer Hinsicht; aber auch die Kanzel erfreute sich über den engen .Kreis der Zuhörer hinaus der Beachtung und Würdigung. In einem von Anastasius Grün an Heinrich Laube in Wien gerichteten Brief befindet sich eine Anfrage, worüber Dr. Adolf Jellinek am Sabbat gepredigt habe, wohl das verläßlichste Zeichen für die weit hinauswirkende Bedeutung, die den jüdische Predigten auch von hochstehender christlicher Seite beigelegt wurde. Trotz mancher kleinen Rückschläge ging die Entwicklungslinie des Wiener Judentums in jeder Hinsicht nach aufwärts. Nicht wenig trug dazu allerdings bei. die den geänderten äußeren Verhältnissen Rechnung tragende Umgestaltung des inneren Gemeindewesens. (Schluß folgt.) Festpredigt anläßlich der Festfeier zum 50jährigen Bestände des Tempelvereines für Wieden und Margareten. Von Rabb. Dr. M e h r e r. „Jobel sei das 50. Jahr euch!" Zu außergewöhnlicher Stunde versammeln wir uns hier an heiliger Stätte, um freudigen Herzens dem Allmächtigen zu danken, „der uns wohlbehalten hat erleben lassen diese Zeit". Zu einem Festtage soll uns dieser Tag werden, an welchem wir den 50jährigen Bestand des „Isr. Tempelvereines für Wieden und Margareten" feiern. Ein Jubiläum feiern, heißt wohl, sich in eine hehre weihevolle Stimmung versetzen, die uns über den gewöhnlichen Rhythmus des prosaischen Alltags erhebt, um uns in die erhabene Sphäre der Poesie aufzuschwingen und von einer höheren Zinne und Warte den bereits zurückgelegten Weg zu überblicken. Nach einem bedeutenden Dichter und Denker! heißt Dichten „einen Gerichtstag über sich selbst halten". Darnach kann und darf wohl auch der Sinn und das Wesen dieser unserer heutigen Festfeier, die ja gewissermaßen auch eine Dichtung ist, allen voran sich ebenfalls in einem stillen Denken und Sinnen kundgeben, in einem zurückgezogenen, beschaulichen Erwägen und Prüfen all dessen, was durch das halbe Jahrhundert, das nun seit der Gründung unseres Tempelvereines dahingerauscht, was nun dieser bedeutete und was er in Wirklichkeit gewesen. Fast gar nichts ist es, was uns schriftlich über die Ursache und die Veranlassung der Gründung dieses Tempel¬ oder — wie man ihn damals wohl bezeichnet haben mochte — des Bethausvereines für den IV. und V. Bezirk aufbewahrt und erhalten ist. Doch können wir fast sagen, es wäre dies auch gar nicht nötig. Denn die Ursache und Veranlassung jenes Häufleins glaubensstarker und für ihren Stamm und ihre Religion so tief empfindender und warmfühlender Männer, an die Kreierung und Schaffung eines Bethauses in der Gartengasse zu schreiten; diesen Grund und Anlaß können wir wohl auch, ohne daß wir ihn irgendwo: schwarz auf weiß eingetragen! fänden, annehmen. Diese Geschichte brauchen wir wohl nicht in irgend welchen Protokollen und Dokumenten zu suchen; sie ist ganz wo anders in weithin sichtbaren, ewig glänzenden Buchstaben zu lesen. Sie ist nicht mit Tinte auf Papier; sie ist mit so warmpulsierendem Herzensblute der Anhänglichkeit und Zugänglichkeit zum jüdischen Stamme und Volke geschrieben. Es ist dies der edle Saft, die so viel bewunderte Kraft und Macht der Glaubens¬ und Stammestreue im Judentume, wie wir sie ja zu allen Zeiten und in allen Ecken und Enden, wo unsere Brüder wohnen, sehen und bewundern können. Ueberall, in allen Orten; in Ost und West, in Nord und Süd, im 4. und im 5., wie im 1. und im 2., und im 100. und im 1000. Bezirke; überall dort, wo auch nur zehn unserer Glaubens- und Volksgenossen sind, wo auch nur ein Minjan vorhanden, zuweilen sogar auch dort, wo dasselbe noch nicht ganz vollständig erscheint. Immerfort: Vereinigung und Anschluß, zwecks gameinsamer Betätigung jüdischen Lebens, zwecks Geltendmachung und Ausübung altbewährter, herrlicher jüdischer Ideen und Ideale. Diese in dem wahren und echten Judentume so tief wurzelnden Grund- und Glaubenssätze, diese in ihm so fest verankerten Stammesvorzüge, Eigenschaften und Tugenden, sind dann stets auch diesem unserem Tempelverein Leitstern, Wegweiser und Führer auf all seinen Pfaden und Wegen geblieben. Nicht nur in seiner ersten Entwicklungszeit, wo bald schon die Räume in der Gartengasse zu klein geworden und die immer mehr sich vergrößernde Schar der Mitglieder nicht fassen konnte, sondern auch dann bei der UeberSiedlung in die Margaretenstraße, als auch bis auf den heutigen Tag, wo seit 15 Jahren diese unsere so schöne, weihevolle Andachtsstätte Zeugnis gibt von dem frommen, opferfähigen und religiösen Sinn der jüdischen Bevölkerung dieser beiden Bezirke.

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