Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 7 (20.2.1925)
- Date
- 1925-02-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 DIE WAHRHEIT Seite 5 jenigen eingesperrt werden, die die Aufmerksamkeit auf diese ungarischen Spezialitäten lenken. Es wird nicht — im Gerichtssaale — ausdrücklich gesagt, daß die Hejjas-Leute recht tun, wenn sie morden. Es wird — im Gerichtssaale — nicht ausdrücklich gesagt, daß Horthy recht daran tut, vielfache grausame Mörder zu begnadigen, aber es wird im Gerichtssaale in unübertrefflich nachdrücklicher Weise 'demonstriert, daß es höchst strafbar ist, von derlei Kleinigkeiten zu sprechen. Ist es dann zu staunen, daß außerhalb des Gerichtssaales „Hoch Hejjas!", „Hoch Marffy!", „Hoch die Kecskemeter Helden!" gerufen wird? Ego. Hauptmomente aus der Geschichte der Juden in Wien. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Aus dem Sturmjahre 1848, in welchem viele Namen, auch jüdische, plötzlich wie Meteore auftauchten, um bald wieder zu erlöschen, hat sich nur ein einziges politisches Dreigestirn — insoweit das jüdische Element hierbei in Betracht gezogen wird — bis in die nachfolgenden Jahrzehnte im vollen Glänze erhalten können. Es waren dies drei Männer: Adolf F i s c h h o f, Ignaz Kuranda und Dr. Ludwig August Frankl. Ersterer, dessen kühnes, entschiedenes Eingreifen vor dem Landhause am schicksalschweren 13. März ihm unvergessen blieb und dessen hohe geistige Kapazität und sittliche Integrität selbst von seinen Gegnern neidlos anerkannt wurden, besaß ein volles Maß von Autorität, aber kein auch nur annähernd gleiches von Einfluß. Seine Schriften, die zumeist auf den Fortbestand Oesterreichs hinzielten und ihm später den Titel eines „Weisen" verschafften, wurden viel gelobt, bewundert, aber wenig gelesen und noch weniger befolgt. Fischhof, dessen Lebensbild als das eines „österreichischen Politikers" von Richard Charmatz liebevoll entworfen wurde, war ein Mann, der seiner Zeit vorangeeilt war und daher von dieser wohl staunende Verehrung, aber keinesfalls verständnisvolles Folgen erwarten konnte. Zudem hatte er nach und nach den Kontakt mit dem „Volke" verloren. Er war ein Geistesaristokrat geworden, zuletzt ein allverehrter politischer Feldherr ohne ansehnliches Heer und Gefolge. Aehnlich, wenn auch in einem entscheidenden Punkte anders gearteter Natur war der Zweite: Ignaz Kuranda. Dieser, an Vornehmheit der Gesinnung und restloser Opferwilligkeit für die gewonnene Ueberzeugung Fischhof keinesfalls nachstehend, übertraf ihn, was bei Politikern oft ausschlaggebend ist, an Aktivität. Er war Journalist aus leidenschaftlicher Vorliebe, seine Gedanken in populärer Form der Oeffentlichkeit mitzuteilen. „Die Grenzboten", die er 1841 in Brüssel begründet hatte, um sie dann in Leipzig unter Gefahren herauszugeben, von wo sie auf Schleichwegen nach Oesterreich eingeschmuggelt wurden, hatten seinen Namen noch vor dem Jahre 1848 bei al'l/en freiheitliebenden Kreisen bekannt gemacht, so daß er, als er nach dem Ausbruch der Revolution in Wien eintraf, hier freudigst begrüßt wurde. Bereits am 1. Oktober 1848 konnte er zur Gründung einer täglich erscheinenden Zeitung, „Ostdeutsche Post", schreiten, die sich im Gegensatze zu vielem Eintagsfliegen dieser gärenden Zeit bis zum Jahre 1866 behauptete. Ignaz Kuranda, der bedauerlicher Weise unseres Wissens bis zur Stunde einer Biographie entbehrt, war trotz seiner stark nationaldeutschen Neigungen in seiner gemäßigt liberalen Anschauung der Repräsentant des aufsteigenden jüdischen Bürgertums. Ungeachtet dessen wurden ihm die Sympathien der christlichen Kreise restlos entgegengebracht. Er wurde bald tonangebend im Gemeinderate neben'den ersten führenden (christlichen) Männern M ii h 1 f e 1 d und B e r g e r. Später, als Landtage und Reichsrat wieder ins Leben gerufen wurden, von der Inneren Stadt (bis zu seinem Tode) 1884 zum Abgeordneten gewählt, war er von nicht geringem Einiluße auf die Gestaltung der Verhältnisse in diesen beiden Körperschaften. Bezeichnend für seine Bedeutung, aber auch für seine Charakterstärke und Treue zum Judentum mag nachfolgende Anekdote sein. Als nach einem der vielen Kabinettswechsel Kuranda an der Ministerbank im Abgeordnetenhause vorbeiging und sich ihm viele Hände der Neuernannten entgegenstreckten, meinte er vielsagend: „Nureinwenig Wasser undauchichsäßeaufdieserBan k." Dr. Ludwig August Frankl, der Verfasser des seinerzeit berühmt gewordenen Liedes: „Die Univers i t ä t", war eigentlich mehr von politischliterarischer Bedeutung. Im Jahre 1838 hatte er die Stelle eines Sekretärs bei der „Israelitischen Gemeinde" angenommen, er verstand es aber sich nicht nur eine gewisse Bewegungsfreiheit in der durchaus autoritär gehaltenen Körperschaft der „Vertreter" zu bewahren, sondern auch über die Seitenstettengasse hinaus, wo er seine Amtswohnung innehatte, Beziehungen zu den verschiedenartigsten Männern der Literatur und der allerdings vorsichtig gedämpften Politik anzuknüpfen. In dem „Oesterreichischen Morgenblatt", namentlich aber in den „Sonntagsblättern", die er im Vormärz herausgab, fanden sich die jungen Literaten ein, denen er den Weg in die Oeffentlichkeit ebnete. In den „Erinnerungen von Ludwig August Frank 1", die Stefan Hock herausgab, ist kaum ein Hauch der Vorgänge, die innerhalb des Judentums in jener tiefaufgewühlten Periode sich abspielten, zu spüren. Frankl wollte zunächst der Schöngeist sein, der ebenso die um Geltung ringenden jungen Dichter Ferdinand von Saar und Ferdinand Kürnberg e r förderte, wie er den Werken oder dem Nachlaß der bereits anerkannten Koryphäen Nikolaus Lenau und Anastasius Grün zur Verbreitung verhalf. Nicht weniger als 15.000 Briefe, von Dichtern und Schriftstellern an Ludwig August Frankl gerichtet, sollen sich in der Stadtbibliothek der Wiener Kommune befinden und der Veröffentlichung harren. Ueber die Literatur konnte Frankl keinesfalls ganz an sein Judentum vergessen. Seine Reise nach Palästina, seine Sammlungen jüdischer Gedichte ».„Libanon") sowie namentlich seine ständige Tätigkeit im Dienste der Gemeinde, (die Gründung des Blindeninstitutes fällt in eine spätere Epoche, 1872),