Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 6 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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I—WBW WW W—— Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden"! Wien IX.! j Berggasse 41 ■! : Pestsparkassen - Konto; Nr. 9434 | Telephon Nr. 19-2-77 Crewaltstreiche. Die üblen Folgen der Kriegspsychose lagern noeh immer über der deutschen Studentenschaft unserer Hochschulen. Die aus den Schlachtfeldern stammende Nichtachtung der Menschlichkeit bezeichnet andauernd den Charakter oder Nichtcharakter ihres Gebarens. Das kommt den Juden gegenüber stets zu zweifellosem Ausdruck. Der hakenkreuzlerische Instinkt —• von Geist darf da nicht gesprochen werden — der Instinkt, sagen wir, bedingt jede Handlung dieser vermeintlichen Kulturträger und dringt auch bei solchen Anlässen in die Oeffentlichkeit, wo sich die Kleinlichkeit des Vorgehens direkt zur Lächerlichkeit steigert. Freilich, eine traurige Lächerlichkeit. Sie zeigt die jungen Männer in einem Lichte, um das uns Oesterreicher wohl keine Nation beneiden dürfte. Von der Anmaßung des sogenannten „Studentenrechtes" angefangen — die unterschiedlichen Vorfragen wie „Studententage" seien 'hier umgangen — bis zu ihrer jüngsten „Tat" bezeichnen nur Gewaltstreiche den Weg, den die antisemitische Jugend unserer Akademie ununterbrochen betreten, auf den sie sich in Ausschreitungen aller Art gemütlich ziu tun glauben. Diese ihre nichts weniger als geistvolle Haltung ist nicht nur gegen die jüdischen Kommilitonen, sie ist nur zu oft geradewegs gegen die akademischen Behörden gerichtet. So war es auch zur Abwechslung diesmal der Fall. Terror ist das Leitmotiv d'tser deutschen Studentenschaft. Man erinnert Sich, wir haben ja darüber ausführlich berichtet, daß Unterrichtsminister Doktor Schneider während der Spezialdebaüe im Finanzausschüsse den Verordnungen über die Studentennationen die Gesetzmäßigkeit absprach. Er vertrat den Standpunkt, daß diese Verordnungen nicht dem Gesetze entsprächen. Das geht nun den Universitätshörern antisemitischen Glaubensbekenntnisses wider den Strich. Das war zwar ein gelinder, aber doch fühlbarer Backenstreich für die akademischen Behörden und die deutsche Studentenschaft, den sie nicht ableugnen können. Das hatten sie eben nicht erwartet, die, die sich in den ihnen reservierten Räumen der Universität so breit machen. Aber geschehen ist geschehen, da hilft kein Wüten und kein Toben. Die Erklärung des Ministers hat aber natürlicherweise auch in den freiheitlichen Kreisen der Studentenschaft lebhaftes Echo gefunden. Daher sah sich die deutschdemokratische Hochschülervereinigung (D. D. H.-V.) veranlaßt, an ihrem im Juristentrakt angebrachten Anschlagkasten die Rede des Unterrichtsministers allen Universitätshörern genauest zugänglich zu machen. Das war ihr Recht. Doch die „Rassenschützler'*, die Vertreter der Studentennation, die Hakenkreuzlerseelen betrachteten dies als Provokation. Und die Gewalt setzte nun ein an Stelle des Rechtes. Unter Hinwegsetzung über alle akademischen Vorschriften haben die Couleurstudenten arischer Zugehörigkeit am vorigen Samstag wieder eines ihrer „Heldenstückchen" vollführt. Sie haben den Anschlagkasten der obigen Vereinigung, wie auch den einer anderen, in rühmlicher Weise zertrümmert und somit der Weiterverbreitung der Ministerrede in gewaltsamer Weise den Weg versperrt. Der Rektor hat allerdings diesen verbrecherischen Vorgang der antisemitischen Couleurstudenten vorschriftsmäßig getadelt, womit die Sache für den Augenblick als gesühnt erscheint. Allein dieses eigenmächtige, mehr als rücksichtslose Vorgehen der antisemitischen Jünglinge, die ihren jüdischen Kollegen in brutalster Weise den Rechtsboden teils schon entzogen haben, teils noch zu entziehen bestrebt sind, bietet eine traurige Perspektive für die Zukunft Oesterreichs. Man bedenke: Diese jungen Leute, die sich so wahnwitzig gebärden, sind berufen, heute, morgen verantwortungsvolle Stellen im Staate zu bekleiden, als Richter, Verwaltungsbeamte, Aerzte und Professoren zu wirken. Was läßt sich nun von dieser Kategorie der Judenfeinde erwarten, wenn sie im gegebenen Momente Gerechtigkeit zu üben in die Lage kommen? Was Hänschen in der Jugend übt, daran wird auch Hans im Alter festhalten. Er wird im Juden nur den Vertreter der fremden Rasse sehen, gegen den er sich alles erlauben kann. Sollten diese Bursche, die schon jetzt das Recht verhöhnen, bei jeder Gelegenheit ihrem Hasse die Zügel schießen lassen, nicht späterhin eine gewaltige Portion Wasser in ihren sauren Wein gießen, dann sei Gott unserem Lande gnädig! Wir wollen aber keineswegs als Schwarzseher hingestellt werden, wenn wir die maßgebenden Behörden auf dieses gesetzwidrige, jeder Ordnung und Disziplin spottende Benehmen der Antisemiten nachdrücklichst aufmerksam machen.. Stramme Handhabung aller Verfügungen von oben vermag noch immer zumindest einen stark mildernden Einfluß auf diese ungebärdigen Leutchen auszuüben. Professoren und die höchsten Staatswürdenträger, sofern sie selbst nicht verblendeten Anschauungen huldigen, können hier im Interesse des Staates und einer großen Klasse der Bevölkerung noch manches Gute stiften, vor altem augenscheinliches Unheil vorbeugen. Wir richten daher unseren Appell an diese Stellen, dem wüsten Treiben der hakenkreuzlerischen Ruhestörer in energischer Weise Einhalt zu gebieten und keinen Augenblick zu vergessen, was der Dichter sagt: „Alle Schuld rächt sich auf Erden." Jugendgruppe der „Union". Die konstituierende Generalversammlung der Jugendgruppe der „Union deutschösterreichischer Juden" hat letzten Samstag im Ring-Cafe stattgefunden. Sie galt der Wahl der Funktionäre. Ein Kranz von Damen hatte sich dazu eingefunden, neben ihm standen Doppelreihen von Herren aus allen Bezirken Wiens. Den Vorsitz in der Versammlung führte als Alterspräsident Sekretär Locw, der in einer kurzen Begrüßung der Versammelten Ziele und Zwecke der „Union" auseinandersetzte und sofort zum ersten und einzigen (icgenstand der Tagesordnung, der Wahl der Gruppen-