Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 6 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 6 durch Ankauf von Nachbargründen erweitert; das Taubstummeninstitut von Hirsch K o 1 i s c h in Nikolsburg 1844 unter dem Direktor Joel Deutsch begründet und 1852 nach dein Wiener Vororte Unter- Meidling verlegt, erhielt 1858 ein eigenes Gebäude im III. Bezirk; das Spital von Dr. B. Wölfler verwaltet und vom Primararzt Dr. Herzfelder geleitet, bekam eine stattliche Anzahl von Stiftungen, die es ihm ermöglichte, wenn auch noch in bescheidenen Maße seine Wirksamkeit zu erweitern; erst viel später (1873) sollte es das von Baron Anselm Rothschild errichtete stattliche Gebäude beziehen. Die Gemeinde, mit derartigen Institutionen, sowie noch anderen zahlreichen Wohltätigkeitsanstalten, namentlich für verwaiste Kinder, ausgestattet, von einflußreichen Persönlichkeiten auf einem hohen Niveau gehakten und vornehm geleitet übte bald über die „Linie" hinaus ihre Anziehungskraft auf die entstehenden Bethausvereine aus. Alle diese suchen irgendwelche Beziehungen zu ihr zu erlangen» Die Vorstände der Bethäuser Mariahilf, Landstraße, Fünfhaus suchten Anlehnung an die „Seitenstettengasse" und schon im Jahre 1863 wandten sich die Leiter des Bethauses in Floridsdorf im Wege des Wiener Vertreterkollegiums an die Behörden, um die Bewilligung zu erlangen, in ihrem Bethause Trauungen vollziehen zu dürfen: Vorläufer einer Entwicklung, die erst nach Jahrzehnten ihren Abschluß finden sollte. Neben der intensiven Pflege des Kultus wurde noch anderen geistigen Interessen, wenn auch allerdings nicht in gleichem Ausmaße, Rechnung getragen. Aus kleinen Anfängen, die weit zurückreichten, entstand nach und nach die Gemeindebibliothek, deren Leitung viel später S. Hammerschlag übernehmen sollte. 1863 wurde die Israelitische Allianz über eine von Paris ausgegangene Anregung ins Leben gerufen und im selben Jahre von Dr. J e 11 i n e k das B e t h- Hamidrasch gegründet dessen Lektoren Meir Friedmann und1 Isak Hirsch-Weiß demselben vielen Glanz verliehen. Reich an hervorragenden Persönlichkeiten in der Gemeindestube, im Gotteshause und in Unterrichtsanstalten stand die Gemeinde bewundert und ruhmgekrönt da; aber auch an Männern von politischer Tätigkeit und Bedeutung konnte es ihr in dieser Zeitepoche nicht fehlen. (Fortsetzung folgt.) Bei unseren Brüdern in New York. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) Es kam der Weltkrieg und zwischen seinem Anfange und Ende vollzogen sich bedeutungsvolle Aenderungen in der ganzen Welt; große Herrscher wurden entthront und verbannt kleine bedrückte Völker von der Unterjochung befreit. Als der wirkliche Sieger im gewaltigen Völkerringen ist Amerika hervorgegangen. Es hat mit gewaltigen Schritten einen riesenhaften Aufschwung erreicht und an politischer Bedeutung und wirtschaftlicher Stärke in ungeahnter Weise zugenommen. Auch das Judentum ist in Amerika sowohl wirtschaftlich als auch ziffernmäßig und ganz besonders im inneren geistigen Leben erstarkt, wie man es vor einigen Jahrzehnten sich nicht hätte träumen können. Heute leben in New York unter fast sechs Millionen Einwohnern, eine Million siebenhunderttauisend Juden, fast die Hälfte aller Juden Amerikas, deren Zahl heute mit vier Millionen beziffert wird. Es ist eine nicht mehr wegzuleugnende Tätsache, daß die Juden zu dem ungeheuren Wachsen der rasch aufblühenden Stadt viel beigetragen haben. Und in der Tat bildet das Judentum heute ein angesehenes Organ im Körper des dortigen Wirtschaftslebens. Es besteht die Hoffnung, daß in Amerika, wohin in den letzten Jahren tausende unserer Brüder aus den alten, durch den Krieg in Trümmer geschlagenen jüdischen Mittelpunkten Osteuropas gezogen sind, eine neue Blütezeit eines starken frisch-befruchteten,, festzusamrnengeschlossenen Judentums entstehen wird. Solange an Palästina nicht zu denken ist, wäre das auch aus tiefer Seele zu wünschen. Lassen wir uns von der in letzter Zeit erfolgten Absperrung der Einwanderung nach den U. S. A., so schwer sie. besonders die osteuropäische Judenheit trifft, nicht abschrecken. Wie das aus einem Quell kräftig fließende Wasser sich einen Rinnweg bahnt, werden auch die Juden Osteuropas andere Länder in der Neuen Welt finden, in welchen sie ihre Zelte aufschlagen werden können. Es soll eine Warnung an sie ergehen — und das soll die Aufgabe der jüdischen Organisationen in Mittel- und Osteuropa sein —, nicht Hals über Kopf in die neue Welt zu wandern, denn sie werden die bittersten Enttäuschungen erleben. * Sieht man sich das Leben unserer Brüder in New York an, so weiß man erst recht, in welcher großer, vor allem leiblicher Not dile oste/unopäischen Juden sich befinden, eigentlich schon vor dem Kriege sich befanden. Man sieht hier vor allem innerhalb des Judentums ein Menschenmaterial, das sich mit seiner körperlichen Schönheit und Stärke, mit seiner Gewandtheit und Tüchtigkeit mit der feinsten Rasse messen kann. Gesunde, reine Juden, Männer und Frauen, von herrlichem Wuchs und eine großartig genährte, durch verschiedene körperliche Uebungen und Freiluft gestählte Jugend, die das Herz eines jeden Juden mit freudigem Stolz erfüllen muß. Auch der Jude aus dem Osten Europas, wo er verfolgt und gepeinigt wurde, bekommt hier, es wird wohl unglaublich klingen^ eine aufrechte Gestalt und kann nach einigen Jahren Aufenthalt in Amerika oft nicht erkannt werden. Die von Emigrantenfamilien aus der russischen und polnischen Heimat mitgebrachten kränklichen, blutarmen, unterernährten und im Wachstum zurückgebliebenen Kinder entwickeln sich in Amerika zu robusten, lebenslustigen „Boys", zu gesunden, kräftigen und tüchtigen Menschen, bei deren Anblick wahrscheinlich sogar unsere heldenhaften Hakenkreuz'ler erbeben würden. Worauf das Gedeihen dieser Menschen auf amerikanischem Boden zurückzuführen ist, ob auf die Fülle genießender Freiheit oder auf die kräftig-herbe Luft, das weiß ich nicht. Vermutlich tragen beide zur Gesundung der Juden bei! (Fortsetzung folgt.)