Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 6 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr 6 DTE WAHRHEIT Seite 5 „Liebe deinen Landsmann wie dich selbst!'4 Wenn man den Deutschen solche Fälschungen auftischen kann, dann werden die Juden endlich begreifen, wie es möglich wurde, daß Deutsche sich auch einreden lassen „Die Weisen von Zion", diese nicht plumpe, nein, diese geradezu vertrottelte Fälschung, enthalte echte, von Juden stammende Dokumente. * * * In einer Versammlung der „Erwachende n", die vor einigen Tagen in Budapest stattfand, wurden die gemeinsten Beschimpfungen gegen Kardinal Czernoch, den Fürst-Primas von Ungarn geschleudert. Der Versammlung wohnten die Führer der Rassenschützler, die Abgeordneten Eckhardt, Ulain, Lehel Kadär und noch andere Häupter der „christlichen" Parteien bei und hörten mit Behagen an, wie der höchste Vertreter der katholischen Kirche in Ungarn mit Schmähungen überschüttet wurde. Freilich der Fürst-Primas hat sich ein fürchterliches Verbrechen zuschulden kommen lassen, er hat den Antisemitismus als eine Verhöhnung der Lehren des Evangeliums bezeichnet, er hat es abgelehnt, Räuber und Mörder als die wahren Vertreter der christlichen Idee anzuerkennen. In derselben Versammlung wurde ein anderer ungarischer Kirchenfürst, der Stuhlweißenburger Bischof Ottokar Prohaska, durch berauschende Hochrufe ausgezeichnet. Dieser Bischof hat allerdings in den Augen der „Erwachenden" das unsterbliche Verdienst, durch seine Reden einiges zur Schürung des Hasses gegen die Juden beigetragen zu haben. Ob wohl Bischof Prohaska sich auch heute noch durch den Beifall der Bombenleute geschmeichelt fühlen mag? Daß aus denselben Kehlen, die ihn bejubelten, auch der begeisterte Ruf „Hoch Marffy!" drang, dürfte vermutlich seine Freude über die ihm erwiesene Ehrung gedämpft haben, denn vorläufig gilt Marffy nach dem in seinem Prozesse erfolgten Urteilsspruch als Kandidat für den Galgen und da hat der Ruf „Hoch Marffy!" immerhin einen etwas ominösen Beigeschmack. # * * Der Oberleutnant Oraf Salm, ein gesinnungsverwandter Freund des Oberleutnants Lederer, wird auf Grund notariell beglaubigter Zeugenaussagen seit vielen Wochen öffentlich bezichtigt, eine Reihe von grauenhaften Mordtaten an unschuldigen Juden verübt zu haben. Meine Feder sträubt sich, die Schilderung der von dem gräflichen Henker ausgeführten Greuel zu wiederholen, aber er bekommt sie jetzt auch ohnehin genug oft zu lesen. Der Herr Graf erträgt schweigend diese Beschuldigungen, er unterläßt es — selbst in Ungarn, in dem man die Czongrader Bombenwerfer freisprach — seine Ankläger vor das Gericht zu zitieren. Aber man hörte bisher auch kein Wort davon, daß die Militärbehörden oder die Standesgenossen dieses hochadeligen Oberleutnants das Geringste unternommen hätten, um ihn zum Versuche der Reinwaschung seiner Ehre zu zwingen. Jetzt endlich wehrt sich Graf Salm. Er hat einen Journalisten, der ihm seine Henkerleistungen vorwarf — zum Duell fordern lassen. Der Herr Graf wäre also bereit, zur Rettung seiner Ehre eventuell den Journalisten totzuschießen. Ist das nicht „ritterlich" gedacht? Ego. Hauptmomente ans der Geschichte der Jaden in Wien. Von Rabbiner Dr. M. R o s e n m a n n. (Fortsetzung.) In der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 16. April 1854 wurden die Pläne zum Bau eines Monumentaltempels im II. Bezirke, W ä 11 i s c hgasse (jetzt Tempelgasse) genehmigt. Sie stammten von Architekten Ludwig Förster, aber erst am 18. Mai 1858 konnte die Schlußsteinlegung und am 15. Juni desselben Jahres die Einweihung des neuen Gotteshauses vor sich gehen. Dieser Prachtbau, der bei Freilegung oder zum mindesten architektonischer Anpassung seiner Umgebung an seinen Stil als Wahrzeichen der Wiener Judenheit zur vollen Geltung gelangen würde, konnte bald gleich der Memnonssäule herrliche Töne in seinem Innern erklingen lassen. Der große Kanzelredner Adolf J e 11 i n e k, sowie der hervorragende Oberkantor Josef G o I d s t e i n, letzterer erst nach manchen Zwischenfällen, waren für den „neuen Tempel" gewonnen worden. Diese erfüllten den herrlich geschmückten Raum mit den geistreichsten Reden und herrlichsten Gesängen und gestalteten den Zwillingsbriiider des Stadttempels zu einer Stätte neuen Ruhmes für das Wiener Judentum. Neben dieser offiziellen Erweiterung des modernen Kultus begann die lange unbeachtet gebliebene konservative Richtung um Geltung zu ringen. Die Orthodoxen besaßen vor dem Jahre 1848 im alten Lazzenhofe, in der Judengasse, ihre Andachtsstätte, wobei die polnischen und deutschen Besucher häufig über die Führung des Bethauses, namentlich über die Beobachtung der Riten (Minhagim) ihrer Stammländer mit einander Kämpfe auszufechten hatten. Der Lazzenhof wurde abgebrochen; nun trennten sich die (aus Mähren und Nordungarn eingewanderten) deutschen Orthodoxen, bezogen ein neues Bernaus in der Schönlaterngasse Nr. 496 und richteten den Ritus ein, wie er von den ehemaligen Nikolsburger und Preßburger Rabbinern eingeführt wurde. Während die polnischen Orthodoxen, durch diese Trennung bedeutend geschwächt, im II. Bezirke ein eigenes Bethaus zu erwerben versuchten, erstarkte die in den Bethäusern Schönlaterngasse und Ankergasse konzentrierte Orthodoxie und vermochte mit Forderungen an den Vorstand der Gemeinde heranzutreten. Männer, die ebenso durch streng fromme Führung wie tadellos ehrenvolles Verhalten im Geschäftsleben sich auszeichneten, Heinrich B e r g e r, Anton Bing, Isak Leon Freistadt, Moriz Steiner, gaben, vom gelehrten wie klugen Rabbinatsassessor Salomon Spitzer beraten, die Wortführer dieser Bestrebungen ab, die schließlich, ohne das Band der Gemeinde zu zerreißen, eine achtungsgebietende Stellung erringen und in der Synagoge in der Schiffsgasse ihren beachtenswerten Mittelpunkt finden konnten. In der großen Gemeinde selber waren unterdessen nicht geringe Veränderungen vor sich gegangen, äußerlich wie innerlich. DerFriedhofin W ä h ring, seinerzeit 1874 erworben, wurde durch die Intervention des „Vertreter s", Generalsekretärs der Nordbahn Heinrich Sichrowsky,