Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 6 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 6 hacke, Stelter, Weidenhöfer und Wu 11 e nicht zu vergessen. Ja, alle wollen aber den Juden, diesen „verfluchten Drückebergern", eins auswischen. Die einzige Arbeit, die von den Herren der völkischen Bewegung geleistet wird, ist, für den Revanchekrieg zu arbeiten. In den Versammlungen und Zeitungen werden der Masse die schönsten Revanchekriegsreden und Aufsätze vor Augen gehalten, immer und immer wieder treten die Herren Abgeordneten im Reichstag auf und erklären offen, daß die Revanche vorbereitet werden soll und muß. Der-Reichstag wurde zur Kaschemme in Deutschland, seitdem die Völkischen mit Ludendorff als Fraktionsvorstdher eingezogen sind; schrieb doch Abgeordneter Thomas Esser (Zentrum): „Nicht Weniger als 17 Sitzungen wurden ganz oder zum Teil ausgefüllt mit endlosen und leidenschaftlichen Verhandlungen über die Anträge betreffs Freilassung inhaftierter völkischer Abgeordneter. Der Reichstag Mai—August hatte nur 32 Sitzungen; das also ist die Arbeit der völkischen Fraktion im Reichstag, Landtag usw." Was sagt nun das Ausland zu diesem Affentheater in Deutschland? Kann so ein Land ernstgenommen werden? Nein und nochmals nein, so ein Land wird, wenn es sich nicht zusammenrafft, eine allgemeine Kaschemme der völkischen Partei werden. Es soll aber dann niemand kommen und sagen, die Juden haben das deutsche Land zugrundegerichtet; ein Rathenau wird in der Fraktion der völkischen Partei niemals sein, diese Fraktion hat nur einen viereckigen deutschen Grützkopf. _ Zionistische Probleme. (Fortsetzung.) V. Palästina vor dem Völkerbund. In der letzten Versammlung des Völkerbundrates wurde von der ständigen Mandatskommission ein Bericht über Palästina vorgelegt, der in der gesamten zionistischen Presse unliebsames Aufsehen erregte. Dieser Bericht beschäftigte sich eingehend mit den arabischen Memoranden, ignorierte aber völlig den Bericht der Jewish Agency. Wie sich später herausstellte, geschah dies wegen eines Formfehlers (der Bericht .wurde direkt dem Völkerbund und nicht zuerst der palästinensischen Regierung vorgelegt). Aber auch in diesem Fall berührt der Bericht der Kommission eigenartig, ein Empfinden, das auch die deutsche Tagespresse teilte, wie nachstehender Bericht der „Vossischen Zeitung" beweist: Der schwedische Minister Unden, der über die Frage dem Rat Bericht erstattete, hob hervor, daß die Englische Verwaltung in Palästina ein© doppelte Aüfgabe habe, da sie nach den Bestimmungen des Mandanten einerseits eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk zu schaffen verpflichtet ist, und anderseits über Bestimmungen zu achten hat, wonach gemäß Artikel 22 des Völkerbundpaktes die Bevölkerung der Mandatsgebiete allmählich zur Selbstverwaltung herangezogen werden soll. Man könne nicht erstaunt sein, daß bei dieser Sachlage viele Klagen von beiden Seiten kommen, die sich gegen das eine oder das andere dieser beiden Ziele ric-iten. Die Kommission habe ihre Aufgabe in dieser Hinsicht vortrefflich erfüllt, und es müsse anerkannt •Verden, daß die Schwierigkeiten in dem Palästinamandat selbst lagen. Der englische Außenminister Chamberlain war, obwohl er sich dem Dank an die Mandatskommission anschloß, nicht ganz dieser Ansicht, denn er zitierte einen Bericht, den ihm llpRUl Feuilleton Friedrich der Große und Moses Mendelssohn. Von Dr. Willy Cohn. Wir leben in einer Zeit, in der die Persönlichkeit Friedrich des Großen von einer gewissen Richtung zum Heros gemacht wird. Man möchte aus ihr alle die Züge auslöschen, die auch seine Menschlichkeit zeigen. Seine Verdienste um Preußen, sein geniales Wesen, das weit über die Grenzen seines Landes Anerkennung und Verständnis fand, können niemals geleugnet werden. Wenn ihm auch sonst ein weiter Blick und eine fast vollkommene Vorurteilslosigkeit eigen war, so war er im Verhältnis zu seinen Jüdischen Untertanen von einer außerordentlichen Engherzigkeit. Es ist bekannt, in welcher Weise er etwa den Absatz seiner neugegründeten Porzellanmanufaktur durch Zwangskäufe der Juden zu heben suchte. Heute möchten wir einmal untersuchen, wie er sich zu einer Persönlichkeit wie Moses Mendelssohn einstellte. Im Jahre 1760 war ein Gedichtband des Königs erschienen. Ueber ihn schrieb Mendelssohn in den berühmten, von ihm und Nicolai herausgegebenen Literaturbriefen, eine Besprechung. In ihr wurde er wohl der Persönlichkeit des großen Königs durchaus gerecht, aber er ging in seinem unbestechlichen Wahrheitsdrang auch nicht über die Stellen hinweg, in denen er anderer Meinung als der Autor war. Man verstand es, die freimütige Rezension dem König in die Hände zu spielen, und Moses wurde vorgeladen, in Sanssouci persönlich zu erscheinen. Als man ihn nun nach seiner Autorschaft über die Rezension fragte, da erklärte er dem König ohne Umschweife: „Wer Verse macht, schiebt Kegel, und wer Kegel schiebt, er sei, wer er wolle, König oder Bauer, muß sich gefallen lassen, daß der Kegeljunge sagt, wie er schiebt." Der König war für ein derartiges witziges Wort wohl empfänglich, aber so ganz konnte er es doch nicht vergessen und machte dem großen Philosophen Schwierigkeiten, als dieser wenigstens Schutzjude werden wollte, um seine Existenz in Berlin fest zu verankern. Erst den Bemühungen des Marquis d'Argens gelang es, in diesem Punkte etwas durchzusetzen. Er gab die Bittschrift von Moses weiter mit den Worten, die wir aus der französischen Uebersetzung mitteilen: „Ein schlechter katholischer Philosoph bittet einen schlechten protestantischen Philosophen, das Privileg einem schlechten jüdischen Philosophen zu übergeben. Hierin ist zoi viel Philosophie, als daß die Vernunft nicht auf der , Seite des Gesuches wäre." So erhielt Moses Mendelssohn die Urkunde am 26. Oktober 1763, jedoch ohne daß der König sich erweichen ließ, es auch auf seine Nachkommen auszudehnen. Inzwischen war der Schutzjude Friedrich des Großen eine europäische Berühmtheit geworden und die Berliner Akademie der Wissenschaften kümmerte sich nicht um alle die Vorurteile, die