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Die Wahrheit · 1925-02-06 · Heft 5 (6.2.1925) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 5 (6.2.1925)
Date
1925-02-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 5 DIE WAHRHEIT Seite # I Wahrheiten vom Tage Ehrt eure Jüdischen Meister! Diese für unser jüdisches Kunstpublikum umgewandelte Mahnung wird leider manchmal von diesem allzu wenig beachtet. Besucher von jüdischen Veranstaltungen werden gewiß schon die Beobachtung gemacht haben, daß gerade während ernster Darbietungen selbst hervorragender Künstler eine derartige Unruhe im Saale herrscht, die nur als Mißachtung für die Vortragenden und das von ihnen Gebotene angesprochen werden kann. Daß aber sogar ein «seriöses jüdisches Tagblatt sich dazu herbeiließ, einen allgemein anerkannten Künstler in der merkwürdigsten Weise herabzuwürdigen, dieses traurige Schauspiel bot die „W i e n e r Morgenzeitung" ihren Lesern am 29. v. M. Sie schrieb an diesem Tag unter dem Titel „OskarBeregibei einer festlichen Veranstaltung" folgendes: Ein Freund, unseres Blattes schreibt uns: Letzten Sonntag fand in den von festlich gekleideten Besuchern dicht gefüllten Räumen des Hotels Continental die Jahresfeier der Frauenhilfsaktion für Kranke und Wöchnerinnen statt. Nach Begrüßung durch die Präsidentin. Frau Großrabbiner Friedmann, und nach zu Herzen gehender Rede der Frau Anitta Müller-Cohen wurde Herr Oskar Beregi angekündigt. Befremdete schon seine saloppe Kleidung — zerdrückter, weicher Kragen usw. . . ., Herr Beregi, der in vielen Salonstücken als mondainer Schauspieler auftritt, weiß, was passend ist und nicht —, seine geringschätzige Miene, mit der er ohne die leiseste Andeutung einer Verbeugung auf das Podium trat, so stieg der Unwille im Publikum auf das höchste, als er minutenlang den Zuhörern brüsk den Rücken kehrend, mit den Händen in den Hosentaschen den sicherlich ganz uninteressanten Teppich, der als Hintergrund der Estrade diente, studierend, wartete, bis die nötige Ruhe eintrat. Nach dem Vortrage eines einzigen, kurzen Psalm es verließ Herr Beregi, wieder ohne . Verbeugung, wie er gekommen, die Estrade, ohne für den trotz seines auffallenden Verhaltens gespendeten reichen Beifall der Anwesenden auch nur zu danken Das ging mir und vielen anderen denn doch über die Hutschnur, einem Publikum so deutlich seine G e r i n g- Schätzung zu zeigen, entweder weil es sic-h um e i n rein jüdisches Publikum handelte, oder weil, wie Herr Beregi später noch ausdrücklich betonte, er ohne Honorar auftrat. Das war selbst in unserer Zeit der Ueberschätzung der sogenannten Künstlerberufe und des dadurch hervorgerufenen Größenwahnsinnes vieler ihrer Vertreter ein etwas zu starkes Stück. Herr Beregi find es für gut, die festliche Veranstaltung zum Tribunal zu machen, als Antwort darauf, daß Ich ihm in ruhigem Tone unter vier Augen meine Ansicht über sein Verhalten zum Ausdruck brachte, die Anwesenden zum Richter aufzurufen, wer im Rechte sei, er oder ich. Leider gab es auch einige junge Leute, die ihm applaudierten, wohl nur aus Unverständnis, die Beleidigung zu erfassen, die er ihnen angetan. Es wäre mir ein Leichtes gewesen, durch einige Worte den größten Teil des Publikums, der sich jeder Aeußerung enthielt, zu einer Demonstration gegen Herrn Beregi zu veranlassen, denn die Empörung über sein Auftreten war ziemlich allgemein, es widerstrebte mir aber, die festliche Veranstaltung zu stören, sonst hätte ich ja Herrn Beregi einfach zurufen können: „Drehen Sie sich gefälligst um und zeigen Sie uns nicht den Rücken!" anstatt ihm unter vier Augen den Vorhalt zu machen. Die Art und Weise, wie er mir sonst entgegentrat, wird wohl noch anderen Ortes Beurteilung finden. Ich bitte um Veröffentlichung obiger Zuschrift, die das Benehmen sogenannter prominenter jüdischer Künstler einem jüdischan Publikum gegenüber zu 'beleuchten vermag. So wird die jüdische Oeffentlichkeit behandelt, deren allzu heißem Enthusiasmus manche Künstler ihre Popularität zu danken haben. Fertig! Kein Nachwort der Redaktion, keine Erläuterung, keine Erklärung zu der anonymen Einsendung, gar nichts. Das Blatt begnügte sich, den mehr als dunklen Bericht seines ..Freundes" ohne jeglichen Kommentar abzudrucken und kein Wort aus eigenem hinzuzufügen, so daß die Ansicht leicht heraufbeschworen werden konnte, als ob es sich mit diesem ominösen Bericht indentifiziere. Uns interessieren die Details des Berichtes nicht allzusehr, sie haben sich, wie bei einer genauen Kenntnis der Persönlichkeit Oskar Bereiter des Vornehmen, feinen Künstlers und Menschen, zu erwarteni war, als, sagen wir. höchst unrichtig erwiesen und der „Morgenzeltung" eine §-23-Berichtigung eingetragen. Diese Berichtigimg wurde am 31. v. M., wieder ohne jedes Wort, nicht etwa der" Entschuldigung, vielmehr der Erklärung veröffentlicht Eine Erklärung dafür, wie es kommt, daß ein Blatt, das sich als jüdisch bezeichnet, seine Spalten für eine solche geschmacklose Herabwürdigung eines der bedeutendsten jüdischen Künstlers öffnete. Noch dazu eines Oskar Beregis, dessen Leidensweg für sein Judentum allgemein bekannt ist Es ist seinerzeit viel davon die traurige Rede gewesen, wie der Künstler wegen seines Bekenntnisses in Budapest, wo er jahrelang erster Darsteller des königl. ungar. Nationaltheaters war, von den Weißgardisten am Leben bedroht wurde und aus seiner Vaterstadt flüchten mußte, wohin er trotz der größten Versprechungen von selbst höchststehender Seite bisher nicht zurückgekehrt ist. All diese Martyrien scheinen der ..Morgenzeitung", nach ihrem Vorgehen zu schließen, nicht zur Kenntnis gelangt zu sein, trotzdem ein einflußreiches Mitglied ihres Redaktionsstabes dies zur Genüge hätte besorgen können. Kein Geringerer als der verantwortliche Redakteur des Blattes, Herr Jakob Krauss, hat mit den eindringlichsten Worten in seinem „Martyrium" den Leidensweg Oskar Beregis geschildert. Und wußte das Blatt denaoch nichts von alldem, so mußte es ihm bekannt sein, wie Beregi, der als prominenter Schauspieler (die Bezweiflung dieser Prominenz durch den anonymen Einsender wird sogar bei den bedeutendsten Künstlern Wiens ein mitleidiges Lächeln hervorrufen) Starhonorare bezieht, bei jüdischen Wohltätigkeitsveranstaltuaigen ohne jegliches Honorar mitwirkt. Und derselbe Beregi, von dem eine „Geringschätzung eines rein jüdischen Publikums" erdichtet wird, trägt dem Geiste dieses Publikums dadurch Rechnung, daß er in der Regel Stellen aus der Bibel In der von ihm gewohnten ausgezeichneten Weise vorliest. Daß bei dem Ernst eines solchen Vortrages Zugaben unmöglich sind, das scheint dem Einsender, wie so vieles andere, nicht eingeleuchtet zu haben. Man könnte noch, um den „Freund" der ..Morgenzeitung" ad absurdum zu führen, von dem Menschen Beregi sprechen, der die Liebe zu seiner greisen Mutter dadurch bekundete, daß er sie gerade zu der in Rede stehenden Veranstaltung mitnahm, gewiß nicht, um sie dort zur Zeugin seines angeblich so unpassenden Benehmens zu machen. Eine weitere Hervorhebung seiner Person könnte uns aber vielleicht gar als Reklame für den bescheidenen Künstler ausgelegt werden, wir wollen deshalb lieber schließen und die uns von befreundeter, hochstehender Seite mitgeteilte Ansicht über die ganze Angelegenheit, insbesondere über den Schlußpassus des Berichtes, wo von dem allzu heißen Enthusiasmus der jüdischen Oeffentlichkeit die Rede ist, reproduzieren, die dahin geht, daß dieser Bericht eher von einem nichtjüdischen Hetzblatt zu erwarten gewesen wäre, als von einem seriösen Tagesblatt, das sich die Vertretung der Interessen des Judentums zur Aufgabe gestellt hat. O. H. Die Judenfrage in Deutschland. Die Nationalsozialisten glauben guten Zündstoff bekommen zu haben, sie sagen, Kutisker, Barmat, Michael usw. das alles sind Ostjuden, die voni den einzelnen sozialdemokratischen Persönlichkeiten gestützt wurden. Was ist nun Wahres an diesen Reden? Hat der Reichspräsident E b e r t oder der Landtagsabgeordnete H e i 1 m a n n diese Schiebungen mit unterstützt? Es ist nichts Wahres an allen diesen Redensarten. Nicht Ebert, auch nicht die Partei der Sozialdemokraten haben mit den Barmat und Kutisker etwas gemein. Der Kampf geht um etwas anderes, die Ostjuden werden vorgeschoben und die geschichtliche Lage soll damit auf ein Geleise der Unwahrheit verschoben werden. Der Kampf geht im Parlament nicht um Barmat oder Michael, er geht darauf hinaus, dem Volke Sand in die Augen zu streuen. Die Rechten sind zurzeit In Deutschland auf der Höhe, die Judenfrage ist nicht mehr im Hintergrunde: offen sagt man im Parlament und auf der Kanzel, daß das jüdische Gesindel (nicht nur die Ostjuden) entrechtet werden soll; die Gerichte lassen es ja auch nicht unbeobachtet. Da wurde vor einigen Tagen ein Jude, der irgend etwas verbrochen hat, von der Polizei, resp. dem Untersuchungsrichter gesucht: seine Person wurde in der Zeitung beschrieben. Der Gesuchte hat eine „krumme Judennase"; also so weit ist man schon in Deutschland, an den Nasenlängen sucht man Menschen, die etwas verbrochen haben. Die Propaganda Ludendorffs ist nicht umsonst gewesen, das Volk will offen die antisemitische Welle aufkommen lassen und die Wahlen haben es nur allzu deutlich bewiesen. S. i. Zu diesem Rassenspuk. Der antisemitische Verlag von Lehmann legt einigen Zeitschriften einen Bücherkataloe bei,

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