Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 5 (6.2.1925)
- Date
- 1925-02-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAMgüBIT Nr, 5 ßasseareine Wissenschaft. Das geistlose Ungetüm, das sich bei den Judengegnern schon seit geraumer Zeit breitmacht, ist dieser Tage wieder einmal in Wien vor der Oeffentlichkeit erschienen. Während der Budgetberatung im Finanzausschusse ist es von einem Nationalrat zitiert worden und im vollen Ornat seiner geistigen Minderwertigkeit auch sofort aufgetaucht. Das phantastische Problem —. der Ausdruck Problem sei uns entschuldigt — das an und für sich ein Unding darstellt, der .Wunsch nach rassenreiner Wissenschaft, ist seitens des Großdeutschen Dr. Angerer mit vollem Nachdruck deutschnationaler Verbohrtheit zum Ausdruck gelangt. Der Herr Nationalrat hat sich folgenden Satz geleistet: „Der Gedanke von der Gleichberechtigung aller Menschen ist ja sehr schön, aber der Schutz des eigenen Volkstums steht unter Umständen höher als alle Menschlichkeitsprinzipe." Das letzte Wort dieses profunden Lehrsatzes gibt der ganzen Mentalität der Rassenschüizler die gebührende Charakteristik. Sie zeigt sich um so klarer, wenn man die Tatsache ins Äuge faßt, daß diese geistreichen Auslassungen in der Spezialdebatte über Unterricht und Kultur gefallen sind. Zunächst trat Herr Dr. Angerer für das*? sogenannte Studentenrecht ein, über dessen UnStatthaftigkeit bereits alle unparteiischen Gelehrten einig sind. Dann verstieg er sich zu der ebenso sonderbaren wie in den Antisemitenkreisen gangbaren Aeußerung, er und seine Gesinnungsgenossen seien überzeugt, daß das Eindringen des jüdischen Geistes in unsere Bildungsanstalten für die Entwicklung des deutschen Volkes gefährlich seien. Mit anderen Worten: Die Furcht vor dem jüdischen Geist erheische nach der Auffassung der Großdeutschen eine rassenreine Wissenschaft. Das gnadenweise Hinzufügen: mit seinen Worten soll eine sittliche Wertung nicht ausgesprochen werden, erfordert natürlich den besten Dank der Judenschaft. Diese zarte Rücksichtnahme erscheint jedoch gänzlich überflüssig. Wie Herr Dr. Angerer'die Juden sittlich wertet, ist uns einerlei. Mit dem Hinweise auf die so unumgänglich notwendige rassenreine Wissenschaft, die von den Judengegnern so gründlich empfohlen wird, ist schon alles gesagt. Es habe in der Welt nur eine arische Wissenschaft zu existieren, das heißt, die Wissenschaft könne nur von den Ariern gepflegt und betrieben werden, andere hätten keinen Anspruch darauf. Das ist doch ein formidabler Unsinn, wie sich ihn nur verblendete Menschen gönnen dürfen. Die Wissenschaft, die ihre Herrschaft über alle Nationen ungeteilt ausübt, ihr werden vor den Juden die Türen zugeschlagen, die Lehrkraft dürfe sich nur an Arier halten, weil die Hakenkreuzler und. andere Radaubrüder einen solJ.en Respekt, richtiger solche Furcht vor dem jüdischen Geist bekunden. Das kann nun wieder ein Lachsubstrat für Franzosen und Engländer, ja für alle Kulturvölker geben, vorausgesetzt, daß sie die Geistlosigkeit solcher Ausführungen überhaupt einer Würdigung unterziehen sollten. Das Schönste aber ist doch der Ausspruch Angerers von der Hintanstellung der Menschlichkeit, der Gleichberechtigung aller Menschen, wenn es sich um den Schutz des eigenen Volkes handelt. Warum haben dann die Rassengermanen so viel Lärm geschlagen, als die Franzosen zum Schutze ihres Volkes deutsche Gebiete besetzt haben? Ganz besonders auffallend ist aber die gedankenlose These von der rassenreinen Wissenschaft, die Herr Doktor Angerer propagiert, wenn man sie mit: der kürzlich gemachten Erklärung des Unterrichtsministers Dr. Schneider vergleicht, den man doch nicht zur jüdischen Rasse zählen kann. Der Minister sagte: „Ich stimme dem vollkommen zu, daß lediglich die wissenschaftliche Eignung ohne Ansehen der Konfession oder Weltanschauung die ausschlaggebenden Gründe für die Zuerkennung oder Aberkennung der venia docendi liefern müsse." Also keine Verirrung in den Sumpf rassenschützlerischer Großsprechereien, sondern richtige Auffassung der Sachlage, von der die notorischen Schreier natürlich nichts hören wollen. Wissenschaftliche Eignung und nicht Rasse hat das entscheidende Wort bei Besetzung der Lehrstühle an den Hochschulen. Konfession und Weltanschauung sind Nebensache. Zu dieser Einsicht sollten diese Leute doch einmal gelangen. Aber das wollen sie nicht, weil sie sonst das beste und wirksamste Agitationsmittel aus der Hand geben müßten. Darum plädiert Herr Dr. Angerer im eigenen wie im Namen seiner Parteigenossen nur für rassenreine Wissenschaft. Nur durch sie könne dem deutschen Volke geholfen werden. Die Kulturwelt wird nicht ermangeln, dieser für die Ewigkeit bestimmten Parole die Sanktion zu erteilen. . . . Die statistischen Daten über den Prozentsatz von Ariern und Juden an der Wiener Universität, die der Abgeordnete Leuthner den so glänzenden Ausführungen Dr. Angerers 'entgegengesetzt hat, führten die letzteren schon an und für sich ad absurdum. Die Betonung, daß nur ein verschwindender Teil der Judenschaft sich als eigene Nation geriere, gewinnt um so mehr an Bedeutung, als man weiß, daß sich die Großdeutschen diese Hinstellung zu eigen gemacht haben. Das aber mag sich Herr Dr. Angerer merken: Eine rassenreine Wissenschaft ist die geborene Lächerlichkeit, die nur in gewissen Querköpfen ihren Ursprung haben kann. Der große „Union"-Ball. Dieses Novum im Repertoire der Wiener Faschingsveranstaltungen, dem schon allseits mit großem Interesse entgegengesehen wird, soll alsbald auf den Plan treten. Am 21. Februar d. J. findet im Hotel Continental der erste „ UNION "-BALL statt, veranstaltet von der Jugendgruppe der „Union deutschösterreichischer Juden". Nach den Auspizien, unter welchen dieser Ballabend ins Leben tritt, wird er zweifellos zu einem der Schlager der Wiener Faschingssaison werden. Karten im Vorverkauf K 40.000, an der Abendkassa K 50.000. Als Einleitung zu diesem sicherlich glanzvoll sich gestaltenden Feste findet am 7. Februar im Ring-Cafe, I., Stubenring 18, eine Tanz-Soiree statt, die gleich ihrer Vorgängerin allen Anforderungen entsprechen wird. EntrSe K 15.000. Plenarversammlung der „Union"-Jugendgruppe. Samstag, den 7. Februar, findet im Ring-Cafe, Stubenring 18, um Vs8 Uhr abends, die konstituierende Plenarversammlung der Jugendgruppe der „Union deutschösterreichischer Juden" statt. Um pünktliches Erscheinen aller Mitglieder wird höfl. gebeten. Nach der Versammlung Tanz-Soiree. „Nicirf bestellt?" oder ,,/lnncilinflw w«er w«i£*eri! In einem amerikanischen Blatte war folgendes zu lesen: „Ein Mann mag eine Warze im Genick als Kragenknopf benützen — sich hinten auf die Puffer der Eisenbahn aufsetzen, um Geld zu sparen — seine Uhr nachts stehen lassen, um sie nicht abzunützen — das i ohne Punkt und das t ohne Strich lassen, um Tinte zu sparen — das Muttergrab bebauen des Kornes halber, und kann trotz alledem noch ein Gentleman bleiben im Vergleich zu dem, der eine Zeitung_zwei,_drei,Monate_und_oit_noch länger regelmäßig annimmt, und wenn es zur —MtM—Ql^Ma—I—■fc^lllWM—»Will. Wi^^W>w<^*WWW«M*MW*W*>*"«*"M' Zahlung kommt, sie einfach mit dem_Bemerken_zurucksendet: „Annahme verweigert" oder „Nicht bestellt!" «c TAG. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detail verkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborstraße 44 «■fr*