Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 5 (6.2.1925)
- Date
- 1925-02-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Veröffentlichungen |bS£«i der sPofttsnarkassen KontAl „Union deutschösterreichischer Juden" : Postsparkasgen - Konto I Nr. 94i4 | Telephon Nr. 19-2-77 1 Offenes Schreiben an Herrn Dr. Felix Frank, Vize-Kanzler a. D. Ihr kürzlich von dien Blättern veröffentlichter Bericht über Ziel und Zweck Ihrer Reise nach Berlin hat uns in lebhaftes Staunen versetzt. Wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir annehmen, daß Ihre Ausführungen auch in den Reihen Ihrer Gesinnungsgenossen berechtigtes Kopfschütteln verursacht hat. So viel Widersprüche und unhaltbare Thesen in einem einzigen Vortrage sind uns schon seit Jahren nicht begegnet. Muß man gerade ein gewesener Vize-Kanzler sein, um sich solcher ünizulässigkeiten bedienen zu dürfen? Von Eduard Lasker sagte man einmal^ er besitze die Kunst, mit vielen Worten wenig sagen zu können. Aber er hat doch etwas, manchmal auch Treffendes, gesagt. Läßt sich das auch auf Sie anwenden? Urteilen Sie selbst. Was Sie, Herr Doktor, von der Notwendigkeit des Anschlusses Oesterreichs an das Deutsche Reich mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Hebung des Landes sagen, mag richtig sein oder auch nicht. Ist es zweifellos gut, dann finden Sie uns natürlich sofort an Ihrer Seite, da wir Juden stets alles zu fördern bestrebt sind, was dem Staate zum Wohle gereichen kann. Ist es nicht gut, dann richtet sich aie Sache von selbst. In die Erörterung der Anschlußfrage wollen' wir uns aber für diesmal nicht einlassen. Hingegen sind die Voraussetzungen, die zu den von Ihnen gepriesenen Zielen führen sollen, durchwegs unrichtig. Sie stehen im Gegensätze zueinander und streifen — Sie entschuldigen wohl den Ausdruck — direkt an Lächerlichkeit. Hören Sie einmal an. Da sagen Sie an einer Stelle, Paris gewinne so und so viel jährlich an unsichtbarem Export. Das heißt, daß der Ankauf von Waren durch die Fremden die Stadt in so hohem Maße bereichere. Mag sein. Gleich darauf aber stellen Sie die Behauptung auf, „man müsse bestrebt sein, den Zustrom der fremden! nach Oesterreich und Wien» der ohnedies durch Verordnungen stark gehemmt erscheint, geradezu abzustoßen." Sie scheinen, Herr Vize- Kanzler, den krassen Widerspruch, der in diesen Ihren Worten liegt, gar nicht bemerkt zu haben. Wie wollen Sie um Himmelswillen den „unsichtbaren Export14 in Wien und Oesterreich heben«, wenn Sie dem Zufluß der kauflustigen Fremden noch größere Hemmnisse entgegensetzen als dies leider schon der Fall ist? Man weiß ja ganz gut, wen Sie mit den „Abstoß der Fremden" gemeint haben. Diesen Passus hat wohl jedermann verstanden, nicht aber, wie Sie den Widerspruch erklären könnten. Sehen Sie sich gefälligst die Wiener Fremdenlisten an und! Sie werden erkennen, wieviel Prozent die jüdische Kaufmannschaft aus dem Auslande in dieser Liste ausmacht. Diese Juden kommen selbstverständlich zum Ankauf von Waren nach Wien und zahlen, wie Sie richtig bemerken, mit barem Golde. Wenn Sie mm diesen kaufenden und zahlenden Fremden die Türe vor der Nase zuschlagen, wie kann dann der für uns so notwendige Warenabsatz gesteigert werde»? Das müssen Sie uns klar machen, Herr Doktor. Was Sie da ausführen, geht über den Horizont eines logisch denkenden Menschen hinaus. Vielleicht begreifen es die Großdeutschen und ihre Anhänger. In sonstigen Kreisen wird sich wohl niemand finden, der den richtigen Begriff Ihrer deutschnationalen; Dissertation herauszuheben imstande wäre. Die alte Erfahrung tritt wieder in Erscheinung! Wenn es sich um Juden handelt, da werden gewisse Herren geistig und physisch blind. Nun denn! Gott behüte unser liebes Oesterreich, wenn Ihr recht sondierbarer, höchst einseitiger Gedanke zur Tat werden sollte. Gerade das Gegenteil von dem würde eintreten^ was Sie erstreben wellten. Die Zahl der kaufkräftigen Fremden würde auf das Minimum herabsinken und unsere Industrieartikel würden als Ladenhüter gewiß ein Patriarchenalter erreichen. Und auf diese Weise wollen Sie den Wohlstand der Bevölkerung auf die Höhe bringen? Ihr auf Hintanhaltung des Zuzuges von Fremden, also zumeist Juden, gerichtete Anregung, hochgeehrter Herr Doktor, ist demnach zumindest nicht geistreich. Vielleicht kommen Sie selbst darauf, wenn Sie die Sache noch einmal durchdenken wollten. Und merken Sie sich Eines: Gerade die jüdischen Kaufleute aus der Fremde sind es in erster Linie, die den Warenverkehr ins Ausland am kräftigsten fördern. Mehr aHerduigs durch sichtbaren als durch unsichtbaren Export. Wenn Sie nun diesen fremden noch! einen Riegel vorschieben, dann sagen Sie der Wiener Kaufmannschaft, den Industriellen, auch den Hoteliers: Sie können ruhig ihre Magazine, Lager und Etablissements sperren. Für ihre Existenz wird schon Gott und die Herren Großdeutschen sorgen. Wir sind überzeugt, der Dank für Ihre so ersprießliche Intervention zur Hebung der allgemeinen Wohlfahrt bei uns wird Ihnen nicht ausbleiben. Aus diesen Wirrnissen und Entgleisungen, sehr geehrter Herr, kommen Sie nicht hinaus. Sie mögen sich winden und drehen, wie Sie wollen. Ohne jüdische Kaufleute aus dem Auslände wird weder Wien, noch Oesterreich ein gedeihliches Fortkommen finden. Es sei denn, daß die Herren Großdeutschen und ihr Anhang den Mund etwas weniger voll nehmen, mehr denken als sprechen Und vor allem Wien und. Oesterreich so viel zu verdienen geben, daß man überhaupt keine Fremden bei uns mehr nötig hat. Wie Sie sich das vorstellen, das überlassen wir Ihnen. Jeder denkende Mensch wird genau wissen, was er davon 211 halten hat. Philipp L e on.