Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-02-06 · Heft 5 (6.2.1925) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 5 (6.2.1925)
Date
1925-02-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064027--13427-3080931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 die wAHRraar Hi. 5 uad Mehibörse'\ als auch die alteingebürgerte „Effektenbörse" nahmen immer mehr an Bedeutung zu; neue Großindustrielle und Finanzmänner tauchten auf, ohne aber die früher führenden festeingewurzelten zu verdrängen. Das fiaus Königswarter, dessen Ursprung in Deutschland lag und dessen Niederlassung In Wien auf den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zurückging, hatte gerade im Nachmärz seinen Aufschwung genommen. Jonas Freiherr von Königswarter, eine in jeder Hinsicht eminente Persönlichkeit, die längst eine eigene Biographie verdient hätte, stand im Mittelpunkte des kommerziellen, aber auch gesellschaftlichen Lebens. Eine Fülle witziger, geistreicher Anekdoten, von ihm in der Eingebung des Augenblicks geschaffen, drang über seinen Kreis hinaus und wurde zum Stadtgespräch und zu geriügeiten Worten, die noch nach Jahrzehnten ihren keiz nicht eingebüßt haben. Königswarter war aber auch der Mann des warmrünienden ilerzens, der tiefen religiösen Empfindung und Ueberzeugungstreue, der offenen, reichüch spendenden Hand und vor allem der Vornehmheit in Handel und Wandel: ein hohes, nicht häufig erreichtes Vorbild der Nachstrebenden. Der starke Andrang auf allen Gebieten, durch den Zuzug aus der Provinz veranlaßt, mußte auch auf dem des Kultus zur Auswirkung gelangen. Die Leopoldstadt, das Mündungsgebiet der Hauptverkenrsader Oesterreichs, der isiordbahn, nahm die meisten Angekommenen aur. Ein neues, jüdisches Zentrum war im Umstehen begritien; das Hinüberwandern in den Stadttempel erwies sich als umständlich, zudem war er zu wenig umfangreich, um die Massen aufzunehmen. Ein zweites, modernes Gotteshaus in imposanteren Formen sollte bald auf dem Boden des zweiten Bezirkes erstehen. (Fortsetzung folgt) Radio für jüdische Krankenhäuser. Wir erhalten folgende beherzigenswerte Anregung: „Vor kurzem fand eine Sammelaktion statt, um die staatlichen und städtischen Krankenhäuser mit Radioapparaten versehen zu können, damit auch diese Armen der Segnungen dieser neuen Erfindung teilhaft werden. Den bisherigen Gepflogenheiten Rechnung tragend, nehme ich an, daß die reinjüdischen Wohltätigkeitsinstitute kaum damit rechnen können, auch bedacht zu werden. Wäre es da nicht angezeigt, auch unserer Armen zu gedenken, welche ihre traurigen Tage, beziehungsweise die letzten Tage ihres mehr oder weniger arbeitsreichen, aber vergnügungsarmen Lebens dort zubringen, und eine ähnliche Aktion unter unseren Glaubensgenossen einzuleiten? Ich bin der Anschauung, daß Ihr wertes Blatt die Initiative ergreife und auch alle anderen jüdischen Zeitschriften bewegen sollte, für diese Sammlung Propaganda zu machen, insbesondere durch einen Aufruf an die jüdischen humanitären Vereine, damit diese auch ihr Scherflein beitragen. Sollten Sie meine Anschauung teilen und die Sache in Schwung bringen wollen, so eröffne ich die Sammlung mit dem Betrage von 100.000 Kronen, welchen sich mein Schwiegersohn Dr. Oskar Kemeny mit weiteren 100.000 K anschließt Michi auch im sonstigen in dieser Aktion gerne zur Verfügung stellend und Ihrer werten Erwiderung mit Interesse entgegensehend, zeichne ich hochachtungsvoll Heinrich Seidler, XII., Kaulbachstraße 20. Nachwort der Redaktion. Wir sind gerne bereit, für die hier angeregte Aktion einzutreten und Spenden für diesen guten Zwecke entgegenzunehmen. An unseren Glaubensbrüdern liegt es nun, der schönen Tat des Einsenders nachzueifern. Zum Kapitel „Mädchenhandel". Von zuständiger Seite erhalten wir als Nachtrag zu dem Leitartikel unserer vorwöchigen Nummer die folgende Mitteilung: Wie wenig im allgemeinen der gegen die Rabbiner von Frl. Pappenheim erhobene Vorwurf berechtigt ist, geht schon daraus hervor, daß in Wien die Kultusgememde als solche in der „Oesterreichischen Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels", jetzt „Oesterr. Liga für Frauen- und Mädchenschutz", stets durch einen Rabbiner vertreten war. Und gerade die von Frl. P. den Rabbinern gegenüber herausgestrichene christliche Geistlichkeit war es, die zum Teil nicht mittat, zum Teil regelmäßig durch Abwesenheit von den Sitzungen glänzte, wobei allerdings zu ihrer Entschuldigung dienen mag, daß demselben Zweck rein konfessionelle Bestrebungen dienen, in denen, wie wir vermuten, der Klerus mittätig ist. Die Aufgabe der rabbinischen Delegierten in dem Ausschuß der Liga ist um so wichtiger, als das Judentum, zu unserer Schande sei es gesagt, in diesem dunklen Kapitel einen unliebsam großen Raum in Anspruch nimmt. Die Tätigkeit des Rabbiners wurde aber früher — wie es jetzt darum bestellt ist, wissen wir nicht, doch dürfte sich kaum etwas geändert haben — dadurch erschwert, daß er in jüdischen Kreisen zu wenig Verständnis für den Gegenstand fand. Heute beschäftigt sich damit der Völkerbund. Doch gerade in Wien sollten wir Juden, sollten besonders unsere Frauenorganisationen, einer solchen Angelegenheit, die sie als Frauen und Jüdinnen besonders angeht, die ihr gebührende Aufmerksamkeit widmen. Auch wäre hier für die B'nai B'rithlogen ein sehr wichtiges Feld jüdischer Arbeit gegeben. Wir erinnern uns vor Jahren aus der Feder des Herrn Rabbiners Dr. ürunwald, des damaligen jüdischen Delegierten in der Mädchenschutzliga, eine dahinzielende Anregung gelesen zu haben, die heute, angesichts des Ueberhandnehmens des wirtschaftlichen und damit moralischen Elendes, wieder sehr am Platze wäre, jedenfalls auf größere Empfänglichkeit seitens des jüdischen Publikums rechnen dürfte. Einen besonders wunden Punkt bilden die auch in Wien nicht ganz ausgerotteten rem rituellen Eheschließungen, die in unzähligen Fällen als Vor wand herhalten müssen, unter dem die Mädchenhändler ihre Ware ködern. Die jüdischen Frauenrechtlerinnen in London, deren Wirken wir in unserem Blatte ausführlich gewürdigt haben, fordern deshalb mit Recht, diesem Unfug ein Ziel zu setzen. K. S. Der Krach im Ludendorff-Bund. Herr Werner John, der erste Vorsitzende der Hamburger Ortsgruppe des „Ludendorff-Bundes", sendet uns zu der in Nummer 48 erschienenen „Programmrede des Ludendorff- Bundes" eine sogenannte „Berichtigung", die geeignet ist, noch mehr Licht in die völkische Konfusion hineinzutragen. Herr John behauptet, sein Bund sei keine Ortsgruppe, sondern als „Ludendorff-Bund" einzig dastehend; richtig ist, daß in allen deutschen Großstädten Ludendorff- Bünde bestehen, die längst ideologisch zusammenarbeiten, ohne jedoch bisher statutenmäßig im geplanten „Ludendorff-Ring" — nach „Erledigung" der bekannten Führerstreitigkeiten — erfaßt zu sein. Wenn aber Herr John, der übrigens im liberalen „Hamburger Fremdenblatt" Angestellter ist, Wert darauf legt, seine Angriffe gegen den Hamburger katholischen Ge§chäftsmakler Vering, der sich im Sinne des früheren preußischen Ministerpräsidenten Stegerw a 1 d als politisch rechtsstehender Katholik gegen den Antisemitismus politisch betätigt,, öffentlich zurückzunehmen, so betrachten wir diesen Schritt des Herrn John als einen Weg zur „eventuellen" Besserung. Zum Schluß seiner sogenannten „Berichtigung" behauptet Herr John, das Manuskript oder vielmehr das Stenogramm zu der in Frage stehenden Programmrede sei „gestohlen", ohne jedoch dabei zu bedenken, daß demnach ein mit der eigentümlichen „Führung" des„Ludendorff-Bundes" in Hamburg Unzufriedener den Inhalt dieser entlarvten Hetzrede nach außen gelangen ließ und auf diese Weise einem unserer Hamburger Mitarbeiter auf den Redaktionstisch fiel. — Im übrigen aber vermissen wir in der .„Erklärung" des Herrn John die bemerkenswerte Tatsache, daß auch das „Hamburger Echo" vor einigen Monaten in der Lage war, einen „T a g e sbefehl des Ludendorff-Bundes" zu veröffentlichen. R. V. Der Verein Wohlfahrt, hervorgegangen aus dem Komitee zur Sanierung notleidender israelitischer Wohlfahrtsanstalten Wiens, hält seine diesjährige Generalversammlung Montag, den 16. d. M. %7 Uhr abends im Sitzungssaale der Isr. Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 2, ab.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.