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Die Wahrheit · 1925-02-06 · Heft 5 (6.2.1925) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 5 (6.2.1925)
Date
1925-02-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 5 Glossen. Richterliche Urteile haben - die tiefste Wirkung auf das Schwankungen unterworfene Rechtsgefühl des Volkes. Man erinnert si'ch an die Diskussion, die sich an das Urteil eines Wiener Richters knüpfte, der in der Bezeichnung „Saujud" unter Umständen absolut nichts Strafwürdiges fand. Vor einigen Tagen aber las man wieder von einem Urteilsspruch eines anderen Wiener Richters, der einem Angeklagten erklärte, er werde ihn, wenn er nicht die Klägerin, die er „polnische Jüdin" tituliert hatte, um Verzeihung bitte, verurteilen. Klingt „Saujud1" denn um so viel zarter? Der Geklagte, der im übrigen seine antisemitische Gesinnung nicht verheimlichte, wies darauf hin, daß die Klägerin tatsächlich eine Jüdin, und zwar eine auis Polen nach Wien gekommene Jüdin sei. Der Richter verharrte unerschütterlich auf dem Standpunkte, daß in der Absicht, jemanden zu beleidigen, schon diel strafbare Beleidigung enthalten sei. Vermutlich hätte dieser Richter in dem Zuruf „Saujud" auch nicht gerade die Absicht erkannt, dem so Bezeichneten etwas Schmeichelhaftes sagen zu wollen. * * * Die Groß deutschen in Oesterreich haben, daß muß ihnen der Feind lassen, bisher es sorgfältig vermieden, hochmütig durch besondere politische Klugheit den Neid anderer Parteien zu erwecken. Es war daher jetzt, wo die Herren D i n g h o f e r und Frank das Möglichste taten, um in Berlin für diese Erkenntnis zu wirken, vielleicht überflüssig, daß Herr Dr. Angerer sich auch in Wien in der Nationalversammlung so viel Mühe gab, neue Beweise hierfür zu erbringen. Die Großdeutschen schreiben sich in ihren Blättern die Finger wund, um das Schicksal der deutschen Minoritäten in den Sukzessionsstaaten zu beklagen und Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, um das Unrecht, das an ihnen von den nationalen Majoritäten verübt wird, zu brandmarken. Hat es Dr. Angerer nötig gehabt, bloß um die nichtswürdige Verfolgung jüdischer Studenten zu rechtfertigen, pathetisch in die Welt hinauszuschreien: „Der Schutz des eigenen Volkstums steht unter Umständen höher als alle M e n sc h 1 i c h k e i t|s p h r a sen." Sollten z. B. die Sudetendeutschen einmal .wirklichen Grund haben, über eine unerträgliche Behandlung zu jammern, die chauvinistischen Recken dürften sich getrost auf Herrn Dr. Angerer berufen. * * * Die „Deutschösterr. Tagesz ei t u n g" hat nicht genug flammende Worte der Begeisterung, um die deutsche Jugend vor dem Eindringen des jüdischen Geistes zu warnen. Der jüdische Geist, der sich in den Sittengesetzen manifestiert, die die ganze Welt der Offenbarung am Sinai verdankt, verdiammt Raub und Mord, duldet keinerlei Unrecht, rechtfertigt keine Missetat. In Deutschland hat man, das ergaben zahlreiche Prozesse, in den letzten Jahren viele halbwüchsige Burschen auf der Anklagebank erblickt, die nach den Orgien in Bordellen hinauszogen, um edle Patrioten zu morden. Miau wird ohne weiteres zugeben müssen, daß diese Jungen, die, von antisemitischen Verführern verhetzt, so entschlossen1 den Weg vom Hause der Unzucht zum Zuchthaus antraten, sich erfolgreich gegen das Eindringen des „jüdischen Geistes" gewehrt hatten, der sie sicherlich zu keiner solchen Betätigung; patriotischer Gesinnung begeistert hätte. Die „Deutschösterreichische Tageszeitung" dürfte vielleicht auch zugeben, daß Herr Ernst M e i c h e ebensowenig unter dem Einflüsse „jüdischen Geistes" stand wie sein jugendlicher Vorgänger bei den Damen Eberl und Pruscha, und daß z. B. auch der junge Herr Bergmeister sich frei von dem Einflüsse dieses Geistes wußte. Die „Deutschösterreichische Tageszeitung" ist eben in einem Irrtum begriffen. Der deutschen Jugendl täte das Eindringen des „jüdischen Geistes" ganz wohl, denn dieser ist identisch mit dem echten, wahren christlichen Geiste, der in dem Evangelium zum Ausdruck gelangte. Die Abwehr des antisemitischen Geistes, die täte der deutschen Jugend wohl, denn der ist mindestens ebenso antichristlich wie antijüdisch. * * * Ueber die Rassenfrage haben in den letzten Tagen hervorragende Männer des öffentlichen Lebens in Ungarn bemerkenswerte Aeußerungen gemacht. Markgraf P a 11 a v i c i n i führte in einer groß angelegten Parilamentsrede u.! a. aus, daß er sich mit der Theorie der Rassenschützler nicht befreunden könne, weil die ungarische Rasse einerseits nicht definiert werden kann und weil es anderseits gefährlich und schädlich wäre, sie definieren zu wollen. „Mir steht" — sagte er — „der Slowake näher als Leute vom Schlage der M a r f f y oder Lederer, die über das Ungartum mir Schmach und Schande gebracht haben. Ich glaube, daß der ungarische Nationalismusnur einen zusammenfassenden Gedanken hat: Die Zugehörigkeit zum Reiche Stefans des Heiligen." Höflichkeit schließt keineswegs Deutlichkeit aus. Deutlicher konnte man es den „Erwachenden" wohl nicht sagen, daß die Lederer, die in Westungarn in „patriotischem Ueberschwang" eigenhändig Unschuldige henkten und die Marffys, die meuchlerisch mordeten, es sind, die ihrer Partei den Stempel ihres Wesens aufdrückten. Nur die Theorien der Rassenschützler haben es zuwege gebracht, daß in Ungarn die Hejjas-Leute ungestraft Unschuldige hängen durften und nicht längst selbst am wohlverdienten Galgen baumelten. * * Der Abgeordnete Gömbös, der geschätzte Freund des Reichsverwesers H o r t h y und 'Schützende Freund der Hejjas-Leute, hat bei einem Festbankett, dias am Tage vor, der Pallavicinischen Rede stattfand, seine alten Ansichten über die Rassenfrage wiederholt. Er konnte daher nicht mit dem freisinnigen Grafen polemisieren, aber man darf ihm nicht die Feigheit zumuten, daß er in einer solchen Polemik seine Verehrung für die Henker aus „patriotischem Ueberschwang" verleugnet hätte. Wer weiß, welche Motive er den Aeußerungen des Markgrafen Paillavicini unterschoben hätte! Von dem Grafen Hoy os, der gegen den Numerus clausus gesprocheni, sagte Gömbös, er stamme aus Spanien und es sei daher nicht ausge-

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