Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 5 (6.2.1925)
- Date
- 1925-02-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 PEE WAHRHEIT Seite 3 an für das Verschwinden einer Ideologie im Zionismus, die uns immer fremd war und deshalb auch auf das schärfste bekämpft* werden mußte. Und es ist unsere Pflicht, dam Gegner die Achtung zu erweisen, die ihm gebührt. Wenn wir ums mit Stricker auseinandersetzen, so wollen wir hier keine persönliche Kritik an seiner Tätigkeit in Oesterreich üben. Die räumliche*) und weltanschauliche Distanz gibt ums aber die Möglichkeit einer objektiven Beurteilung. Stricker war (und ist) eins der wenigen Persönlichkeiten, die glaubten, im Wiener Judentum eine „nationale Politik" treiben zu können, der dieses Wiener Judentum zu seinem überwiegenden Teile selbst in zionistischen Kreisen, völlig ablehnend gegenübersteht. Und daran ging er zugrunde. Das ist das Schicksal vieler zionistischer Führer Mittel- und vor allem Osteuropas. Wäre Stricker 1919 nach London gekommen — wir wollen zwar nicht prophezeien — so hätte er, von seiner nationalen Auffasung des Zionismus wahrscheinlich erläutert, für seine Sache Wertvolleres leisten können Am 28. Dezember v. J. erschien ein Artikel vom Herrn Stricker, in dem er die Motive seines Rücktrittös darlegte. Sie sind hauptsächlich folgende: Alle Arbeit gilt heute den Palästinafonds, während für die Organisation, die — nach seiner Auffassung — das Rückgrat des Ganzen ist, nichts getan wird. Es herrscht „der Wille zur Selbstvemichtung". In der Tatsache, daß die Fonds eigene Konferenzen, eigene Direktorien, Generalsekretariate haben, daß ihnen ein eigener Propaganda- und Pressedienst zur Verfügung steht, sieht er eine große Gefahr. „Diese Hilfsorgane sind vor die Organisation getreten", klagt er. Alle wertvollen Kräfte sind in den Keren Kajemeth und Keren Haiessod dirigiert worden. Der Wert das einzelnen Zionisten wird nur nach seiner Leistung für diese bemessen. Dieser Vernachlässigung der Organisation, schreibt er auch den unigünistiigen Bericht der Mandatskommission des Völkerbundes zu (mit dem wir uns noch ausführlich befassen werden). Ami Schlüsse drückt er noch einmal der Jewisb Agencv, der er ja immer als Gegner gegenüberstand, sein Mißtrauen aus. Da heißt es: Auf der einen Seite mächtige, im Dienste großer Ideen arbeitende Feinde. Auf der anderen Seite eine immer schwächer werdende Zionistische Organisation, welcher der Lebenswille fehlt, die ein nationales Postulat nach dem anderen fallen läßt und nur das Problem kennt, wie der Bedarf der kolonisatorischen Arbeit zu decken ist. Eine Organisation, die darnach lechzt sich der nationalen Führerrolle zu entledigen und in Form der entnationalisierten Jewish Agency die Führung einer mehr oder minder willigen neutralen Judenschaft zu übertragen, welche vielleicht Geld geben, nie aber den großen politischen Kampf für die Sicherung des nationalen Erfordernisses wird führen können und wollen. Diese Gegenüberstellung muß die schwersten Sorgen für die nächste Zukunft unseres nationalen Heimes auslösen. Die Situation erfordert, meiner Ueberzeugung nach. Umstellung. d e r Politik der zionistischen Bewegung zum Zwecke der Erhaltung und des Ausbaues der nationalen Zionistischen Weltorganisation. Die nötigen Kräfte und Mittel müssen freigemacht werden, sei es auch um den Preis, daß in der nächsten Zelt der Zustrom der Mittel für den kolonisatorischen Aufbau eine Verminderung erfährt. Dieser Schaden ist gutzumachen. Der Schaden aber, den der Verfall der Organisation verursacht, ist unübersehbar. Auf diese Erklärung Strickers erfolgte in Nr. 5 der Berliner „Jüdischen Rundschau" eine Erwiderung, der wir folgende Stellen entnehmen: Stricker meint, daß auch heute noch eine nationale Organisation aufrecht zu erhalten ist, der das Korrelat einer ständig fortschreitenden jüdischen Aufbauarbeit in Palästina fehlt. Dieser Gedanke entstammt einer vergangenen Zeit, über die leider, das muß — so bitter es klingt — gesagt werden, ein beträchtlicher Teil auch der heute lebenden zionistischen Führer nicht hinausgekommen ist. Es steckt eine gewisse Tragik darin, daß diese Menschen, die ein Leben lang der unermüdlichen Verkündigung der Idee von der Notwendigkeit einer nationalen Heimstätte für das zerstreute jüdische Volk geweiht haben, es absolut nicht innerlich verdauen können, daß diese Verkündigung allein nicht mehr das entscheidende Kriterium des Zionismus ist. Heute gilt die Einrichtung selbst, das wirkliche Leben in Palästina, und — das ist die Tragik — sie haben den Anschluß an dieses Leben nicht gefunden. Diese Fremdheit mag der Hauptgrund sein, warum sie die entschwundenen Zeiten zurückbeschwören möchten. Nun kommt aber noch dazu, daß die Gesinnung, die nicht direkte Betätigung in Palästina findet, sich ihr Betätigungsfeld dort sucht, wo am leichtesten und lautesten Gesinnung, die im Grunde zu nicht viel verpflichtet, proklamiert werden kann, nämlich in der inneren Politik . . . .Der Primat Palästinas aber muß unverrückbar feststehen, sonst ist die Gefahr sehr groß, daß gerade durch dieses Uebermaß an nationaler Politik die Organisation ruiniert wird. Herr Stricker behauptet, daß in Oesterreich die Organisation darunter leidet, daß die Parole der Erweiterung der Jewish Agency ausgegeben wurde, und daß die Weltorganisation zu viel mit praktischer Arbeit in Palästina beschäftigt ist. Die Leitung des österreichischen Zionismus aber hat doch gerade diese beiden Prinzipien negiert und hatte die Macht, in ihrem Lande die Organisation zu schaffen, die sie wollte. Sie hat es nicht vermocht und zwar, so glauben wir, gerade, weil sie die beiden Prinzipien negierte, die eine Verbundenheit mit der Realität des heutigen jüdischen Lebens beweisen, Die objektive Lage ist heute so, daß eine Zionistische Organisation ohne starken Palästina - Inhalt oder gar mit einem zusammenbrechenden Palästina am allerwenigsten Aussicht auf Erfolg hat, weder bei der nichtjüdischen Welt, die der abstrakten Versicherung des Bedürfnisses nach einer Heimstätte nicht glauben wird, noch bei den jüdischen Massen, die einen solchen Zionismus für einen Riesenbetrug erklären würden. Wir haben dem nichts hinzuzufügen. Es wäre nur sehri interessant, zu hören, was sich Herr Stricker und was sich die „Jüdische Rundschau" unter „Nation" vorstellt. Wir glauben, daß beiie Parteien aneinander vorbeireden, da sie mit diesem Begriff wohl verschiedene Vorstellungen verbinden. (Fortsetzung folgt.) (gelles *) Wir machen nochmals darauf aufmerksam, daß der Autor. Reichsdeutscher ist. 1R.OTGA5SE-1