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Die Wahrheit · 1925-01-30 · Heft 4 (30.1.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 4 (30.1.1925)
Date
1925-01-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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■HMMUHUMa Veröffentlichungen d6F 5 Pr>fitfiri»rtr9« „Union deutschösterreichischer Juden"!■—■■■»—■ Wien IX. j asse 4! : Postsparkassen - Konto : Nr. 9434 |f i Telephon Nr. 19-2-77 f Die Genossen Bergmeisters. Wenn wir vom Jen Genossen? jenes Individuums reden, der die Mordwaffe mit unglaublicher Geschicklichkeit gegen ein junges Wesen gebraucht hat, so mag unter keinen Umständen gesagt werden, seine Umgebung, der Kreis in dem er verkehrt hat, sei in irgendeiner Weise an seinem schweren Verbrechen beteiligt. Haben die Erhebungen doch festgestellt, daß Karl Bergmeister die Tat aus persönlichen Motiven beging. Einfach, um durch Raub in dem Besitze von Geldmitteln zu gelangen. Die Beurteilung der fürchterlichen Tat wird nunmehr die Sache der Gerichte sein. Da gibt es nicht für uns und nicht für andere ein wie immer geartetes Mitreden. Die Sonne bringt alles an den Tag. Und dennoch fordert ein Umstand uns heraus, der ganzen Angelegenheit, insbesondere der Vorgeschichte, ein wenig auf den Grund zu blicken. Schon das erste Resultat der behördlichen Untersuchung über den blutigen Vorfall hat ergeben, daß Bergmeister zur.Gruppe jener Judengegner gehört, die mit Hinwegsetzung über alle Bedenken rechtlicher und menschlicher Natur nur den Schaden und die Unterdrückung der Nichtarier predigen. Predigen und ihre gesetzwidrigen Tendenzen bei jeder Gelegenheit in die Tat umsetzen. D-amit ist nur in kurzem die Geistesrichtung der unterschiedlichen Gruppierungen von Hakenkreuzlern, Frontkämpfern und wie sie alle heißen, charakterisiert. Die Ideologie dieser Leute ist an dieser Stelle schon wiederholt und zur Genüge gekennzeichnet worden. Das Grazer Mitglied der Geheinwerbindung „Cheruskia", Bergmeister, hat während geraumer Zeit in den Kreisen der Ordmunigsgegner im Staate Verkehr gepflegt. Der intensive Judenhaß, der da unentwegt betont und gefördert wird, hat der Psyche und der vielleicht schon von Kindesbeinen an zu Streichen aller Art geneigten Gemütsart Bergmeisters eine nicht gewöhnliche Nahrung zugeführt. Und wenn seine Genössen im Zeichen des Hakenkreuzes ihn gewiß nicht direkt in jene Laufbahn geführt haben, die sie selbst nicht betreten wollten, sind die Ansichten Bergmeisters über Mein und Dein, über den Wert des Menschenlebens daselbst dennoch stark beeinflußt worden. Eine Gesellschaft, die den Juden jedes bürgerliche Recht abspricht, die es sich zur solermen Aufgabe gemacht hat, eine ganze Klasse voji Staatsbürgern durch Angriffe und Verfolgungen in unqualifizierbarer Weise zu molestieren, das war — man kann es nicht leugnen — der richtige Studienort für.Individuen ä la Bergmeister. Die Luit, die er unter seinen Genossen eingeatmet, hat ihre geistige und physische. Wirkung nicht verfehlt. Aus dem Hakenkreuzler Ist ein Raubmörder geworden. Und zwar ein solcher, der bei hellichtem Tage sein schauderhaftes Handwerk ausübt und in ganz Wien, ja auch weit über die Grenzen des Staates hinaus einen, einzigen Schrei des; Entsetzens verursacht Doch mit den Einzelheiten der Schaiudertat wollen wir uns nicht befassen. Die Gerichtsverhandlung wird die Sensation dieser kriminellen Erscheinung bis ins kleinste Detail bloßlegen. Und bei dieser Gelegenheit wird, wir zweifeln nicht daran, auch der Zugehörigkeit Bergmeisters zum Hakenkreuzlertum, seinen Genossen und Genossinnen innerhalb der Wiener Gruppe eingebend gedacht werden. Das eben ist das Moment, das uns auf jene Seiten der Affäre hinlenkt, die uns Juden gewiß nicht gleichgültig bleiben kann. Das ist die Kameradschaft Bergmeisters, von der hier eben die Rede ist. Ob nun in Wien oder anderwärtig, in ihrem Wesen bleibt sie sich immer gleich. Unbekümmert um die Folgen, ohne Rücksicht auf die Lage des Staates, der in erster Linie Ruhe und Ordnung bei seinen Bürgern haben muß, setzen, sie ihr unentschuldbares Gebaren fort. Mag sich nun der Effekt so oder so äußern, ihnen ist dies einerlei. Solche und ähnliche Prozeduren können niemals gute Früchte tragen. Und wenn auch der physische Mord, wie er durch Bergmeister gezeigt wurde, nur einen Einzelfall darstellt, so hätten seine Genossen hier und auswärts bedenken sollen, daß das gewaltsame Losziehen auf die Rechte der Juden doch sozusagen einem zivilen Morde gleichkommt. Wir meinen den bürgerlichen Tod. Leider hat die Staatsgewalt der Sache viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Sie hat ihre Wurzel zu weit ausgreifen lassen. Die Bewegung ist anfangs als harmlose politische Agitation aufgefaßt und staatlicherseits auch als solche dargestellt worden. Man hat von gewisser Seite nicht bemerken können oder vielleicht nicht bemerken wollen; daß die Sache immer weitere und größere Kreise zieht, bis sie den Behörden über den Kopf gewachsen ist. Kurz gesagt, es fehlte das rechtzeitige Eingreifen der kompetenten Stellen. Die „politischen" Kameraden Bergmeisters begannen sich zu fühlen, bezogen unter anderem ihre „Energien" aus Deutschland und glaubten sich sicher nach allen Seiten. In diesen Kreisen ist Karl Bergmeister aufgewachsen. Aus der Mitte seiner Genossen schlug er den Weg ein, auf dem er die Mordtat vollführte. Es fällt uns gewiß nicht ein, die Genossen Begmeisters mit der Bluttat selbst in irgend eine positive Verbindung zu bringen. Oder gar wie es die Hakenkreuzler den Juden gegenüber getan haben und tun würden, für das Verbrechen des Einzelnen die ganze Gruppe verantwortlich zu machen. Nein. Das wird unsererseits nie geschehen. Wir Juden generalisieren nicht. Jeder trägt für sich die Schuld und niemals ein anderer. Aber sagen müssen wir es: Die Luft, die Bergmeister bei seinen Konventikeln hakenkreuzlerischer Art eingesogen hat, ist zumindestens nicht mit Wohlwollen gefüllt. Philipp Leon.

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