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Die Wahrheit · 1925-01-30 · Heft 4 (30.1.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 4 (30.1.1925)
Date
1925-01-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Das ist ein kleiner Ausschnitt aus der Tätigkeit des Keren Hajessod. Wenn wir seine Aufgabe andeuten sollten, so könnten wir nur sagen, daß er fast den ganzen Staatshaushalt umfaßt. Sozialpolitik, Wiederbesiedlung, Schul- und Sanitätswesen. Wirtschaftspolitik usw. Wenn wir diesen ungeheuren Aufgabenkreis sehen, werden wir erkennen, wie wenig die anderthalb Millionen sind und daß die Sorge um das Budget die besten Männer, wie Weizmann, Ruppin, Col. Kish, zwingt, von Stadt zu Stadt zu reisen, um den Juden ihre Pflicht vor Augen zu führen. Und so hat die Exekutive heuer beschlossen, keine Neugründung von Siedlungen vorzunehmen, sondern die bereits bestehenden wirtschaftlich derart auszugestalten, daß sie fernerhin völlig unabhängig arbeiten können. Dabei drängen die Massen in den Häfen und rufen nach Land. Das Jahr 1924 war das erste, in dem man ein wenig Atem holen konnte. Die ungeheure Arbeitslosigkeit wurde durch die Tabakindustrie behoben, die Tabakernte war günstig, (die ersten Palästinazigaretten sind bei uns schon zu haben), die Einwanderung ist von 800 auf 2000 bis 3000 gestiegen und dürfte weiter wachsen. Aber diese Einwanderung birgt ein weiteres Problem in sich. Diie Immigranten sind keine Chaluzim. d. h. junge Menschen, die sich als Handwerker oder Landwirte ausgebildet haben, sondern Desperados, die dem Druck des polnischen Finanzministers Grabski ausgewichen sind. Diese Grabski- Emigranten, meist mit wenigen Mitteln ausgestattet, haben aber keinen produktiven Beruf erlernt und bilden so wirtschaftlich eine Gefahr für das Land, das eine solche Menge von »Kleinhändlern wirtschaftlich noch nicht ertragen kann. Daß diese Leute nicht hebräisch können und auch nicht den Willen haben, es zu erlernen, verschärft noch die Lage. Die verantwortlichen Kreise des Landes beraten jetzt, wie man diese Leute einordnen wird in den Gesamtaufbau des Landes. Das zweite große Problem ist die Bodenfrage. Den Boden hat bisher der Keren Kajemeth (Nationalstützte diese Theorie mit Leidenschaftlichkeit. Wie man sieht, hat er Nachfolger gefunden, die den Wunsch haben, den Schild Frankreichs mit einem gewaltigen Pogrom zu beflecken und das Land von den Juden zu befreien. Glücklicherweise ist die französische Demokratie von heute zu stark und klug genug, um diesen antisemitischen Manövern erfolgreich Widerstand zu leisten. Roger Lambelin sagt, daß die Juden sich berufen fühlten, die Welt zu beherrschen. Aber man muß schon die Juden sehr schlecht kennen, um auch nur einen Augenblick sich einzureden, daß sie ein solches Ideal haben könnten. Die Brüder Jerome und Jean Tharaud sind zwei französische Schriftsteller, die einen ziemlich giuten literarischen Ruf in ihrem Land genießen. Sie sind die Lieblinge der Reaktionäre. Mehrere ihrer letzten Arbeiten über die Juden in Mittel- und Osteuropa werden zweifellos bekannt sein. Diese Bücher zeigen eine auffallende Parteilichkeit, denn sie bieten dem Leser eine höchst unerfreuliche Schilderung jüdischer Verhältnisse, Gebräuche und Traditionen. Nachdem Jerome und Jean Tharaud nunmehr kürzlich Palästina besucht haben, haben sie ein neues Buch - veröffentlicht, das den Titel führt: „Das fonds) gekauft, der das Land in das Eigentum des jüdischen Volkes erwirbt und in Erbpacht vergibt. (Vergleiche hierzu den Aufsatz des französischen Nationalökonomen Charles Gide in der Festschrift für Franz Oppenheimer „Die zionistische Kolonisation"). Bisher wurden 150.000 Dunam (1 Dunam 997 Quadratmeter) erworben. Die steigende Einwanderung und das Steigen der Bodenpreise zwingen zu größeren Käufen, die nur durch eine größere Opferfähigkeit des jüdischen Volkes möglich sind. Denn ein Dunam besiedlungsfähigen Bodens kostet fünf Pfund. Und so erfordert auch die Situation in Palästina die Mitarbeit aller Juden, als deren erste die Jewish Agency die Sorge um die Kolonisation übernehmen muß. III. Zwei Reden. Die Jewish Agency-Ideologie, die sich auf zionistischer und nichtzionistischer Seite bereits ausgebildet hat, soll heute durch Reden der hervorragendsten Führer der beiden Parteien illustriert werden. Auf der am 7. Dezember in New York abgehaltenen Konferenz des National Council des amerikanischen Keren Hajessod hielt Louis Marshall folgende Ansprache: Ich habe geglaubt, daß ich viel von Palästina weiß. Ich hörte Schilderungen von Weizmann, Sokolow, Dr. Goldstein, Dr. Lewin und Dr. Magnes. Aber ich muß zugeben, daß niemand meinem Herzen einen solchen Eindruck einprägen konnte, wie die lebenden Bilder, die wir soeben gesehen haben. (Während der Mittagspause wurde den Delegierten der neueste Palästinafilm des Keren-Hajessod vorgeführt.) Wir haben wunderhübsche Sachen gesehen und sind gewiß entzückt von den Fortschritten, die das Land gemacht hat. Ich habe aus den Bildern aber auch gesehen, was alles in Palästina noch gemacht werden! muß" Es fehlen noch Häfen, Wälder auf den Bergen, und Palästina bedarf noch mehr Menschen und mehr Schulen. Wenn die Juden Amerikas und der ganzen Welt diese Lebensnotwendigkeiten einsehen und begreifen werden, dann wird dies alles seine Verwirklichung finden. Bis in die letzte Zeit war es in gewissen Kreisen nicht Jetzt sind sie alle enthusiasmiert und bereit, der Sache zu sprechen. Es gibt in unseren Gemeinden Leute, die sicher sehr ideal sind, eine echt jüdische Seele besitzen, die aber das Gefühl hatten, daß sie nur Pflichten für die Juden in nächste Jahr in Jerusalem". In einem Buch mit einem solchen Titel dürfte man wohl erwarten, eine möglichst unparteiische Schilderung des jüdischen Lebens und seiner Wiedergeburt in Palästina zu finden. Aber davon bietet das Buch nicht das Geringste. Obwohl die Verfasser behaupten, ein Buch mit wohlbelegten Einzelheiten zu schreiben und eine vollständige Darstellung nüchterner Beobachtungen zu geben, beschränken sie sich einfach darauf, alles herunterzureißen, was an dem Judentum schön und erhebend! ist. Anstatt die Entwicklung des jüdischen Lebens auf dem Urväterboden ehrlich zu porträtieren, halten sie eine lange Kampfrede gegen die Juden in Palästina, eine Kampfrede, in deren Verlauf sie alle alten gebräuchlichen antisemitischen Argumente vorbringen. 1

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