Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 4 (30.1.1925)
- Date
- 1925-01-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT " Nr. 4 nur, wenn die Idee und die Arbeit für den Mädchenschutz viele solcher eifriger Verfechterinnen in unserer Mitte fände! Aber auch an die Herren Rabbiner richte ich die Aufforderung, trotz aller Bedenken und Vorurteile mancher Kreise dieser Tätigkeit volle und regste Aufmerksamkeit zuzuwenden, damit das Odium des Mädchenhandels ganz aus unserer Mitte beseitigt werde. Zionistische Probleme. (Fortsetzung,) Was wurde bis heute in Palästina geleistet? Im Jahre 1920 wurde der „Keren Hajessod", der Aufbaufonds, gegründet und hat bis heute zirka 1,500.000 englische Pfund aufgebracht. (Was diese Summe bedeutet, können wir daraus ermessen, daß das englische Rote Kreuz im ganzen Krieg mit den Spenden der indischen Fürsten eine Million Pfund aufgebracht hat.) Für diese anderthalb Millionen wurden bis ietzt zirka 60 jüdische Kolonien errichtet, (deren Anlagen z. T. zum Schönsten gehören, was je auf dem Gebiete des Städtebaues geleistet wurde) eine Reihe von Sümpfen wurde trockengelegt und so die Malariagefahr vermindert, ein mustergültiges Sanitätswesen geschaffen, landwirtschaftliche Versuchstationen gegründet, zirka eine Million Bäume gepflanzt, ein hebräisches Schulwerk, das allen modernen Erfordernissen entspricht, erhalten und die Grundlage gegeben für jede private Initiative, die sich unten betätigen will. Genial ist der Plan des Ingenieurs Ruthenberg, mit dem Jordangefälle das ganze Land mit elektrischer Energie zu versorgen, und die beiden kleinen Stationen in Jaffa und Haifa konnten auch nur mit Hilfe des „Keren Hajessod" errichtet werden. Daß im Jahre 1909 eine Stadt auf Sand gebaut wurdea daß sie 1920 18.000, im Jahre 1924 30.000 Einwohner hat, wen wundert das, der sieht, wie die Stadt vor seinen Augen wächst Schutzes so wenig bekannt geworden, trifft nicht in allerletzter Reihe auch diejenigen die Schuld, die schon lange auf diesem Gebiete arbeiten, aber bisnun viel zu wenig für die Verbreitung dieser Idee beigetragen und agitatorisch gearbeitet haben. Man wundere sich auch nicht wenn ich, so peinlich mir dies auch ist, behaupte, daß nicht selten der in unserer Mitte leider so häufig anzutreffende Ehrgeiz mit Schuld an dieser geringen Verbreitung trägt Man will oft alle Ehrungen nur für sich in Anspruch nehmen und schaltet darum alle andereri3 namentlich aber uns Rabbiner gern aus. Nur dann, wenn wirkliche Arbeit zu leisten ist oder etwas schief geht, dann weiß man uns Rabbiner zu finden. Wir aber haben trotz oftmaliger Kränkungen stets gern die härtesten Arbeiten übernommen, wenn wir glaubten, einer guten und sittlichen Idee zu dienen. Wir werden es auch in der Folge so halten. Und Fräulein f*appenheim wird gewiß keine Ursache haben, unsere Tätigkeit hinter die der katholischen und evangelischen Geistlichen stellen. Und wenn dann weiter Fräuleioi Pappenheim meint, daß, wenn wir Juden nicht auf dem Kongresse gewesen wären, sicher der Ton ein anderer gewesen wäre, stimme ich dem, wie ich dies auch an Fräulein Pappenheim geschrieben habe, vollkommen bei. Dann aber hätte es der übliche Gebrauch erfordert daß Fräulein Pappenheim Monteüores, Cohens und meiner Tätigkeit am Kongresse Erwähnung hätte tun müssen. Diese Tätigkeit, ich darf dies ohne Ueberhebung sagen, es haben es übrigens auch englische Blätter gesagt, hat einen tiefen Eindruck ausgelöst und'ich freue mich sagen zu können, daß der Vorsitzende am Schlüsse der beiden Kongresse in seiner Schlußrede ganz besonders auf meine am Kongresse gehaltene Rede hingewiesen hat. Trotz aller dieser mir im Interesse der Sache notwendig erscheinenden Einwendungen stehe ich nicht an, meiner Bewunderung für die selbsiose, aufopferungsvolle Arbeit des Fräulein Pappenheim Ausdruck zu geben und wünschte ich . Iliil Feuilleton SUPH Die Judenfrage in Frankreich. In der „Jewish Tribüne" veröffentlicht Ferdinand Lop einen Pariser Brief, der sich mit der Lage der Juden in Frankreich nach dem Kriege beschäftigt. Er beginnt mit dem Hinweis, daß viele jüdische und nichtjüdische Schriftsteller bei jeder Gelegenheit behaupten, es gäbe überhaupt keine Judenfrage in Frankreich. Der Verfasser bedauert, daß diese Darstellung viel zu optimistisch sei. Zwar sei die Judenfrage oidcht ebenso akut und schwerwiegend wie in »Mitteleuropa und Osteuropa, aber es dürfe doch hicht vergessen werdiem, daß dert Skandäl des Dreyfusprozesses erst wenige Jahre her sei. In der Zwischenzeit hat der furchtbare Weltkrieg zwischen den Nationen gewütet. Die Juden wurden mit in den Strudel gerissen, der alle Völker verschlang. Sie kämpften, jeder auf der Seite des Volkes, zu dem Sie durch ihre Geburt gehörten. Die vorzügliche Haltung der französischen Juden während des Krieges hätte sie. wie Lop betont unbedingt vor den verleumderischen und bösartigen Angriffen von antisemitischer Seite für immer schützen müssen. Man hätte hoffen dürfen, daß die Franzosen nach dem Kriege die infamen Intrigen gegen ihre jüdischen Mitbürger nicht mehr dulden würden. Aber keine dieser Hoffnungen ist nach dem Kriege in Erfüllung gegangen, und bis heute ist die Lage der Juden in Frankreich nicht besser geworden. Trotz der Opfer der französischen Juden während des Krieges, trotz der Menge jüdischen Blutes, das für Frankreichvergossen wurde, sind die Juden wieder Gegenstand häßlicher und absolut ungerechtfertigter Angriffe von Seiten einiger französischer Schriftsteller. Vor kurzer Zeit veröffentlichte z. B. Roger Lambelin, ein bekannter französischer Royalist, die Uebersetzung der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion", und das geschah erst, nachdem die wildesten Antisemiten zugegeben hatten, daß die „Protokolle" kein Körnchen Wahrheit enthielten. Jetzt publiziert derselbe Schriftsteller ein neues Buch unter dem Titel: „Der Imperialismus Israels." Die Theorie eines solchen Machwerkes ist allgemein mir allzu wohl bekannt. Der Verfasser Edouard Drumont, der Führer der französischen Antisemiten im 19. Jahrhundert unter-