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Die Wahrheit · 1925-01-30 · Heft 4 (30.1.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 4 (30.1.1925)
Date
1925-01-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Deutschösterreichische Wochenschrift für Jüdische Interessen NU dem Beiblatt: Veröffentlichungen aer ..Union tieuischösterreichisdier Jaden" Redaktion und Administration ■ WV9«~wn VI., Kt«~flv»«~*«ar«tf*«» «3. - Fem ruf 42-2.16 XU. Jahrgang Wien, 28. Jänner 1925 Nummer 4 Ein Nachhall zum VI. Intern. Weltkougress zur Bekämpfung des Mädchen- und Kinderhandels in Graz. Von Universitäts-Dozenten Dr. David Herzog, Landesrabbiner in Graz. Fräulein Bertha Pappenheim, die hochverdiente und unermüdlich tätige Kämpferin für Mädchenschutz, veröffentlicht soeben unter dem Titel: Sisyphus-Arbeit (Verlag Paul E. Linder. Leipzig) hochinteressante Reisebriefe aus den Jahren 1911 und 1912. Am Schlüsse dieser Arbeit, S. 234 ff, ist auch ein Bericht über eine Sonderbesprechung jüdischer Teilnehmer am Weltkongreß in Graz gegen Unsittlichkeit erhalten. Dieser Bericht veranlaßt mich aus verschiedenen Gründen zu einer öffentlichen Stellungnahme. Abgesehen davon, daß Fräulein Pappenheim schon aus Courtoisie Männer und Frauen unserer Gemeinde, nicht zuletzt aber auch mich als Mitglied des allgemeinen Komitees zu dieser Sitzung hätte einladen müssen, erhob Fräulein Pappenheim in der Diskussion öffentlich Anwürfe, die nicht unbeantwortet bleiben dürfen. Zunächst ist es unrichtig, daß wir Juden auf dem Kongreß nicht als Juden vertreten waren. Ich wüßte wirklich nicht, in welcher Eigenschaft sonst ich und auch Fräulein Pappenheim auf dem Kongresse anwesend waren und habe ich in allen meinen Reden stets und. immer ausschließlich den jüdisehen Standpunkt vertreten. Im Uebrigen widerspricht sich Fräulein Pappenheim auch insofern, als sie an einer anderen Stelle ausdrücklich sagte: Die Arbeit kann im Zusammenhang mit den interkonfessionellen Nationalkomitees der einzelnen Länder vor sich gehen. Des weteren sagte Fräulein Pappenheim: Unser Wille zur Mitarbeit ist noch nie bewiesen worden. Die jüdischen Geistlichen (sie!) beherrschen das Material weder nach der sozialen, hygienischen, noch nach der pädagogischen Seite. Keiner hat die stille Arbeit getan, hat die jahrzehntelange Erfahrung hinter sich, wie viele evangelische und katholische Geistliche es durch soziale Fürsorge, Beobachtung und Seelsorge haben. Dieser den Rabbinern öffentlich gemachte Vorwurf muß auf das entschiedenste zurückgewiesen werden. Denn daß wir Rabbiner dieses Material nicht beherrschen, ist in dieser allgemeinen Fassung durch nichts erwiesen. Es gibt sehr viele Rabbiner, die diesen Problemen gewiß ernsteste Fürsorge zuw-enden und schon angedeihen ließen, nur daß sie dies nicht in marktschreierischer Weise, sondern . stets nur in stiller, ruhiger Arbeit getan haben. Und wir Rabbiner sjtelien da den evangelischen und katholischen Geistlichen gewiß nicht nach. Hat doch am Kongresse der Vertreter der evangelischen Kirche selber zugegeben, daß sich die evangelische Kirche voll bewußt ist, wie weit zurück sie noch in der Arbeit des Frauen- und Mädchenschutzes sei und wie viel sie noch auf diesem Gebiete zu leisten hat. Wenn aber wir Rabbiner vielleicht auch noch nicht das geleistet haben, was auf dem Gebiete des Mädchenschutzes tatsächlich noch zu leisten wäre, liegt der Grund darin, daß mancher Rabbiner — ob mit Recht oder Unrecht, bleibe dahingestellt — bislang aus sittlichen und religiösen Gründen sich gescheut hat, an dieses Problem heranzutreten, nicht zuletzt auch darum, weil man in vielen sogar hochstehenden Kreisen der Gemeinden aus einem gewissen Vorurteile heraus es den Rabbinern verübelt hat, sich mit diesen Problernen zu beschäftigen. Ich kann aas aus eigener Erfahrung bestätigen. Was blieb nun dem Rabbiner, um nup den Frieden in der Gemeinde zu erhalten, anderes übrig, als anderen die Lösung dieses Problems zu überlassen. Wir Rabbiner konnten dies um so eher tun, als ja in allen unseren Gemeinden wackere, tüchtige Frauen an der Arbeit sind, dieses Problem ernsthaft zu erlassen und wir ihnen darum getrost die Arbeit überlassen konnten. Man vergesse weiter auch nicht, daß die Struktur unserer Organisation eine ganz andere als die der katholischen Kirche dadurch ist, daß die Priester der letzteren unverheiratet sind, mithin selber oft die Arbeit in die Hand nehmen müssen, während wir Rabbiner, Gott sei Dank, verheiratet sind, und unseren braven, prächtigen Frauen, die sich ja für die Lösung dieses Problems als viel geeigneter erweisen, diese Arbeit zum Teil ruhig überlassen konnten. Und haben wir dadurch, daß wir auf unseren Kanzeln und in unseren Schulen fortwährend für das sittliche Ideal kämpfen, nicht auch schon genug geleistet? Dann wolle man auch beachten, daß die ganze Bewegung noch nicht so alt ist, um aus der geringeren Beschäftigung mit diesen Problemen uns einen Vorwurf machen zu dürfen! Ich gestehe offen und habe mich nicht gescheut, dies auch auf dem Kongresse öffentlich zu erklären, daß mir speziell die auf dem Kongresse aufgerollten Probleme zum größten Teile unbekannt waren, aber nun, da ich sie kenne, ihnen meine volle Aufmerksamkeit zuwenden werde. Und ich kann schon hier sagen, daß demnächst in unserer Gemeinde über meine Anregung unter dem Vorsitze der Präsidentin unseres Frauenvereines, der Frau Lina Adler, ein solcher Verein zum Schutze der Frauen und Mädchen sich gründen wird. Ich wünschte, daß etwas Aehnliches so bald als möglich in allen Gemeinden geschehe. Wenn aber bislang die Idee des Mädchen-

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