Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-01-23 · Heft 3 (23.1.1925) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 3 (23.1.1925)
Date
1925-01-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064025--13396-3080898
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT Seite 9 des „Miesbachers": „Die Juden werden wieder frecher. Es wird nicht eher Ruhe, bis irgendwo Pogrome stattgefunden haben." Ein nobles Verfahren. Aus einem unbekannten Verfasser einer belanglosen Albernheit wird ein Jude gemacht. Und wegen dieses Geschmieres eines vermeintlichen jüdischen Autors müssen die Juden totgeschlagen werden. Was würde die Welt wohl sagen, wenn man, weil dieser Miesbacher Angehörige unseres deutschen Volkes solche schmähliche Hetzartikel vom Stapel läßt, sehnsüchtig verlangen würde, alle Deutschen müßten niedergemacht werden? Ob man am Irrenhause vorbei käme? Wie wir erfahren, hatte der Staatsanwalt Dr. Moser ein Verfahren gegen den Miesbacher wegen Aufreizung zum Klassenhaß eingeleitet, es aber wieder eingestellt; der Miesbacher begründet diesen „Rückschritt damit, „daß man doch wahrlich in der „Mahnung" an das Judentum, dessen Vertreter Kutisker, Barmat usw. wieder Proben „ihres" Deutschtums ablegen, nicht frech zu werden und so die Gegenwehr der Deutschen herauszufordern, keine Aufforderung zum Progrom sehen könnte." An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen! Die Deutschvölkischen gebärden sich — nachdem die Wahlniederlage vom 7. Dezember ihren politischen Einfluß geschwächt hat, werden sie dies mehr denn je tun — mit Vorliebe als Hüter deutscher Art, deutschen Geistes, kurz: deutscher Kultur. Ohne Zweifel ist die Sprache eines der höchsten Kulturgüter jedes Volkes. Man braucht also nur zu sehen, wie die Patent-Germanen mit ihrer Muttersprache umgehen, und man weiß, was es mit diesen Kultur-Trägern auf sich hat. Die folgenden Zitate entstammen einer einzigen Nummer der völkischen Wochenschriit „Der deutsche Staat" (Leipzig): „Die Folge davon ist, daß jeder, der Geld zu Hause aufhebt, aller 14 Tage eins vom Hundert verliert, welche er ... als Steuern zahlt." „Denn wer Geld ausleiht, kann m i t oder ohne dieses Geld auf seine Kosten kommen." „Treffend geprägt sind die Kniffe, um sich ins rechte Licht zu setzen." (Diese dunkle Aeußerung muß verdeutscht werden: Der Satz stammt aus einer Buchbesprechung und bedeutet: Treffend charakterisiert werden die Schliche der roten Soldaten, sich ins rechte Licht zu setzen.) „Zur selben Zeit, als in dem rührigen J. F. Lehmanns Verlag das bedeutende Buch H. Meyers, das jetzt den endgültigen Titel „Der deutsche Mensch" erhalten hat, erscheint, bringt derselbe--" „Die Weimarer Verfassung bestimmt: „Wucher ist verboten!" Es scheint, als ob gerade mit dieser geduldigen Papierverfügung S^hindluder getrieben wird." „Oder glaubt man, durch solche Filme ein sittlich gefestigtes Volk zu erzielen?" „Die Juden benützen die Literatur, um ihrer Geilheit darin Blüten treiben zu lassen zum Verhängnis der Ledermassen." Zum Schlüsse noch eine bedeutende literarische Entdeckung des „deutschen Staates": „Vielleicht darf man Herrn Bernard Shaw sagen, daß der Leipziger Professor Köster die Shaw- Uebersetzungen „Rothes als meisterhaft und vollendet bezeichnete — ebenso die Schlegel-Tie kschen!" In diesem Stile: bar jeder grammatischen Kenntnis, bar jeden Sprachgefühls, geht es seitenlang. Vielleicht versuchen es die Herren einmal mit dem Studium der deutschen Sprache — (ich empfehle ihnen das ausgezeichnete Buch von Daniel Sanders) — aber ich glaube, daß der Fall hoffnungslos Ist Nicht zuletzt, weil das erwähnte Buch von einem Juden verfaßt ist, von dem zu lernen, jeder brave Antisemit sich weigern wird. Judenausweisungen aus Hamburg. Wie wir erfahren, werden bis zum 31. d. M. sämtliche Chinesen und Russen jüdischen Glaubens aus Hamburg ausgewiesen. Dabei handelt es sich in verschiedenen Fällen um Personen, deren Staatsangehörigkeit sich deswegen nicht feststellen läßt, weil die in der Mandschurei geborenen Juden ihre Nationalität durch die Entwicklung nach dem russisch-japanischen Krieg in Ostäsien, sowie durch die verschiedenen staatspolitischen Grenzverschiebungen in der Mandschurei, zwangsläufig wechseln mußten. Wie sich im besonderen die Chinesische Regierung zu dieser Affäre stellen wird, läßt sich im Augenblick noch nicht übersehen, wir hören aber von eingeweihter Seite, daß China, falls die ausgesprochenen Ausweisungen nicht zurückgezogen werden sollten, mit der Ausweisung der Deutschen aus den chinesischen Hafenplätzen antwortet. Judenfeindliche Theater. Uns wird geschrieben: Der in Deutschland und Holland bekannte und beliebte Opernsänger Dr. Adolf N-ordegg konnte für das Mecklenburger Landestheater in Schwerin und ein Theater In München nicht engagiert werden, weil Nordegg Jude ist — Für den „Geist" dieser beiden „Freistaaten" nur bezeichnend. Palästina-Pilger von Ausländern betrogen. Die ..Börsenzeitung", Berlin, schreibt: „Zionisten, die nach Palästina auswandern wollten, sind vor ihrer Auswanderung in mehreren Fällen schweren Betrügern in die Hände gefallen. Gute Beziehungen zum Palästinaamt und beschleunigte Erledigung von Paßangelegenheiten waren die trügerischen Versprechungen, welche gegen hohes Entgelt auf einem Rechtsbüro in der Mulackstraße erteilt wurden. Das „Geschäft" blühte solange, bis die ratsuchenden Zionisten ihren Rat beim Staatsanwalt suchten. Vor dem Amtsgericht Berlin-Mitte waren angeklagt der ungarische Staatsangehörige und Reisende Wladislaus Cohn und der Rechtskonsulent Alfred Bernard. Dieser schickte seine Angestellten immer aus dem Büro, wenn es galt große Versprechungen zu machen. In Wahrheit war Cohn lediglich in seiner freien Zeit Adressenschreiber beim ..Palästinaamt", ohne auch nur den geringsten Einfluß auf die Entscheidungen der Referenten zu besitzen. Vier Auswanderungswillige gaben dem Cohn ihre Pässe und zahlten zur Erledigung der Visa 100 Dollars. Cohn mißbrauchte auch Formulare des Palästinaamtes und sandte damit Erpresserbriefe an Auswanderer. Eine Ehefrau Adler hegte Zweifel und begab sich zu Bernard, dieser bedrohte sie jedoch mit einer Pistole und erkühnte sich, Strafanzeige wegen Hausfriedensbruches zu machen. Ein anderer wurde von Cohn in einem gefälschten Schreiben des Polizeipräsidiums zur Zahlung von 500 Mark aufgefordert. Das Gericht verhängte Freiheitsstrafen, gegen Bernard neun Monate Gefängnis und 500 Mark Geldstrafe, gegen Cohn sechs Monate Gefängnis und Haftb e f e h 1." Lichtvolle Historie. Unter der völkischen „Intelligenz" wimmelt es von Entdeckern auf welthistorischem Gebiete. Eine Flut gedruckten Blödsinns hat sich während der letzten Jahre aus jener Ecke her auf den Büchermarkt ergossen, die geradezu anregt, irgendwo als Grundstock eines literarischen Kuriositäten-Museums gesammelt und aufgestellt zu werden. Einen hervorragenden Platz darin wäre alsdann dem Buche eines Rudolf Wagner zu geben, das unter dem Titel „Kaiserliche Eingriffe in die Weltkriegsführung" im Verlage Thalacker & Schwarz, Leipzig-R.. erschienen ist. Daß selbst dieser Völkische dem geflüchteten Wilhelm etliche Fußtritte apnliziert (übrigens teilweise wirklich ungerecht), sei hier nur nebenbei erwähnt. Die Höhe deutsch-völkischer Weisheit erklimmt der Verfasser erst in seiner Darstellung germanischer Geschichte in der Zeit — vor 60.000 Jahren. Was man da erfährt, ist fabelhaft z. B.: In Schweden haben die Urgermanen zu jener Zeit gewohnt und kleine, menschenähnliche Halbtiere, genau wie das heutige Vieh, im Stalle gezähmt und gezüchtet. Aber leider haben diese Urgermanen ihre Stalltiere auch zum Beischlaf benutzt, und als Produkt solcher Verirrung sind im Laufe der Jahrtausende die meisten jetzigen Menschen, voran die Neger, Mongolen und Hebräervölker, enstanden! Die Juden haben bei den Germanen das Schreiben gelernt und nun die ganze Weltgeschichte in Form der Bibel gefälscht. Welche erstaunliche Offenbarung! Aaaber — sollten nun nicht endlich die Völkischen in sich gehen und an allem Rasse-Schlamassel ihren eigenen Vorvätern die Schuld geben, die solchermaßen im Stalle mit ihren „Halbtieren" Sodomie trieben und obendrein noch den Produkten dieses Amüsements Schreibunterricht ga^en? Diese fabelhaft plausible Theorie scheint bei den völkischen „Forschern" nicht unumstritten zu sein. Wenigstens hat ein Major Krause in einer Stahlhelm-Versammlung zu Segeberg „auf Grund von ägyptischen und babylonischen Aufzeichnungen" ganz andere, aufsehenerregende Erkundungen über die Geschichte der Juden zum besten gegeben. Sie sind außerordentlich „lichtvoll" und verdienen, auch außerhalb der Stahlhelm-Wissenschaft bekannt zu werden. Man urteile selbst: „Zur Zeit des Königs Ramses II. lebte in Aegypten ein Prinz Horsasid. Er war äußerst wißbegierig und konnte sich nicht genug tun des Lernens. Bald war seine Weisheit so groß, daß das Volk Angst vor ihm bekam und der König, der auch um den Thron fürchtete, ihn Priester werden Heß. Da fiel es Horsasid auf, wie ein Volksteil der Aegvpter. die Juden mit eigener Religion, schlecht behandelt wurde. Er erschlug daher eines Tages einen Aufseher und floh nach Sinai. Hier beschloß er, monodistische Religion (?) zu gründen, wozu er aber ein Volk brauchte. Dieses fand er, als die Juden aus Aegypten ausgewiesen wurden. Horsasid, der später Moses genannt wurde, stellte sich an ihre Spitze und übte bald eine diktatorische Gewalt aus. Die jüdischen Stämme waren unter sich sehr uneinig, und um diesem ein Ende zu machen, ließ

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.