Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-01-23 · Heft 3 (23.1.1925) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 3 (23.1.1925)
Date
1925-01-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064025--13394-3080896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

UMtKUMM««»«!«« : i«aiMiiMnnu«i Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" Nur keine Indolenz. Es fällt uns gewiß nicht ein, hier eine Moralpredigt an unsere werten Glaubensgenossen zu halten. Das überlassen wir den Herren Kanzelrednern. Vorausgesetzt, daß sie es für opportun halten, über bestimmte Allüren unserer Glaubensgenossenschaft die richtigen Töne anzuschlagen. Das ist allerdings bei der herrschenden Mentalität der Juden nicht immer ratsam. Doch manchmal immerhin am Platze. Nun, wir wollen gegenwärtig kein Wort über Moralität im allgemeinen verlieren, denn — wie sich seinerzeit ein in diversen Geschäften ergrauter Finanzmann während einer Sitzung ausdrückte — „die Moral steht nicht auf der Tagesordnung". Und dennoch sehen wir uns veranlaßt, gerade vom Standpunkte des Judentums ein Thema zu berühren, das uns wichtig genug erscheint, just bei dieser Gelegenheit in Kürze erörtert zu werden. Und das ist die Teilnahme, oder besser gesagt, die Nichtteilnahme der Juden an Dingen, die alle und jeden einzelnen nahestehen sollten. Die Klage ist alt und erhält stets neue Nahrung. Sie betrifft einen Fehler, der uns Juden im großen und ganzen anhaftet und der vielleicht die unglücklichste Eigenschaft des Judentums darstellt. Es ist, wie gesagt, die leider viel bemerkbare Indolenz in jüdischen Angelegenheiten. Kommt etwas vor, was die Juden angeht — und das ist bedauerlicherweise nur zu oft der Fall — so fühlt Alt und Jung allerdings in seinem Herzen die Ungerechtigkeit, Bosheit und Verleuimdungssucht, unserer Glaubensfeinde oder wie sie sagen Rassengegner. Die Mehrheit fühlt es und hüllt sich in feierliches Schweigen. Höchstens, daß in Freundeskreisen ein Wort des Mißbehagens darüber fällt. Sonst kümmert er sich nicht weiter. Fast ausschließlich denkt ein jeder: Ich bin nicht der, der hier gemeint ist, das ist der andere. Und dieser Andere kommt zu demselben Gedankenschluß, indem er wieder einen anderen als den Betroffenen hinstellt. Er will sich nicht dazu bekennen, daß jede auf das Judentum oder kurzweg die Juden geschleuderte Invektive schwerer öder minderer Art jeden einzelnen Juden, also auch ihn betrifft. Und darin liegt eben, man könnte fast sagen, zum großen Teile die „tragische Schuld" unserer Glaubensgenossen. Darin ist auch die Ursache zu suchen, daß sich unsere Gegner zu immer dreisteren Handlungen ennutigt fühlen und dann umso mehr auf den Juden losschlagen. Sie steifen sich auf dieses stete Zurückweichen der Juden und stellen es auf die Rubrik Mutlosigkeit oder gar Feigheit. '. Wenn diese Teilnahmslosigkeit schon den Nichtjuden ins Auge fällt, wie stark muß sie von den Juden selbst bemerkt werden. Zunächst von solchen, deren Aufgabe es ist, das Gebaren ihrer Glaubensgenossen zu beobachten und die daraus gezogenen Schlüsse im' gegebenen Augenblicke zum Wohle der Gesamtheit zu verwerten. Das sind Momente von nicht zu unterschätzender, ja von intensivster Bedeutung. tmmm■■■»■■^ Wien IX.! Berggasse 4{ Postsparkassen - Konto; Nr. 94 4 § Telephon Nr. 19-2 77 » »■■■»■■■■■■■■■■■■■■—■————* Sehen wir uns nun an, wie ein Teil unserer Glaubensgenossen bestimmten Vereinen gegenüber sich verhält, die berufen sind, in ihr oft mutwillig beleidigtes Rechtsleben tatkräftig einzugreifen. Ihre Anteilnahme an solchen ist eine äußerst prekäre. Sie kümmert das Wesen der Sache nicht. Sie glauben der hochbedeutenden Sache Genüge getan zu haben, wenn sie mit Ach und Krach ein Scherflein zu der überaus notwendigen Aktion des Vereines beitragen. Das Weitere überlassen sie der besonderen Gnade unseres Herrgotts. Sie interessieren sich viel zu wenig für Dinge, die sich auf das Gesamtwohl und Tausende von Einzelnen beziehen. Sie glauben weiß Gott wie klug zu handeln, wenn sie sich von der Sache so weit als möglich zurückziehen. Das ist nun einmal keineswegs der richtige Vorgang. Darin äußert sich eine starke Dosis von Indolenz, deren Folgen dann regelmäßig auf sie selbst zurückfallen. Sie bekommen dies naturgemäß zu iühlen, zumeist stärker als sie es sich vorstellen konnten. Mit genauen Worten: Es fehlt den Juden zuviel an Geschlossenheit. Die in den Kreisen unserer Gegner stets bekundete Annahme, die Juden halten bei allen Anlässen zueinander, wäre sehr schön, wenn sie durchwegs auf Richtigkeit beruhen würde. Scheinbar ist dem so, aber in der Wirklichkeit lassen die Tatsachen nach dieser Richtung viel zu w ünschen übrig. Die Indolenz der Juden äußert sich innerhalb der Glaubensgemeinschaft überaus kraß und bringt uns ununterbrochen Schaden. Der Mut der Ueberzeugung und das kräftige Hervorheben der Selbstachtung müssen allseits in Erscheinung treten. Niemals und unter keinen Umständen darf der jude dies aus dem Auge verHeren. Er hat dies bei gewissen Anlässen mit Nachdruck zu betonen. Alles, v/as das Judentum anbelangt, soll jeden einzelnen das erforderliche Interesse einflößen, es soll ihn zu den Glaubensgenossen hinziehen, unter dem Eindrucke: Wir sind in gleicher Weise betroffen, wir haben gemeinsam in Reih und Glied vorzugehen. Ja, wenn dem so wäre! Wenn die Anteilnahme der Juden in dieser Form zum Ausdrucke gelangen würde, dann wäre den Judenfeinden gegenüber die nötige Phalanx aufgestellt und die Operation jener Faktoren, die an die Spitze derselben treten, wäre um ein Großmaß von Prozenten erleichtert. Und das würde selbstverständlich der Gesamtheit wie jedem einzelnen Juden zugutekommen. In diesem glücklichen Falle dürfte man keineswegs mehr von Indolenz reden, diese wäre in der Hauptsache ausgeschaltet und die Abwehr gegen die maßlosen Angriffe gewännen an Stoßkraft. Dessen sollte sich jeder Jude bewußt sein, und die uns so schädigende Indolenz wäre entweder gänzlich bei Seite geschoben oder zumindest auf das kleinste Maß reduziert. Wir könnten diese Sache noch mit anderen Details belegen, begnügen uns indes mit dem hier Vorgebrachten. Wir sind Optimisten genug, um der Hoffnung zu leben, daß die gewünschte Einsicht bei uns Juden trotz allem langsam, aber sicher festen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.