Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-01-23 · Heft 3 (23.1.1925) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 3 (23.1.1925)
Date
1925-01-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064025--13393-3080895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 DTE WAHRHEIT Nr. 3 eine Reaktion durch Vermehrung: der Scheidungen gefolgt ist, läßt sich nicht beurteilen. Die Statistik der Ehescheidungen, die in den früheren Jahren veröffentlicht wurde, ist diesmal Geheimnis des Rabbinats geblieben. Das traurigste Kapitel sind, wie immer, die Austritte, die in der Umsturzzeit eine wesentliche Erhöhung aulweisen. Im Jahre 1912 zählte man 622 Austritte, es folgt ein Rückgang bis 496 (1916), doch schon 1918 steigt die Zahl auf 797 und 1919 gar auf 1513. Von da ab sinkt dieselbe (1271, 1063, 944) und erreicht 1923 wieder 1235. Wohl hat sich gleichzeitig die Zahl der Eintritte und Widerrufe erhöht (231 bis 412), aber „per saldo" ist in den Jahren 1919, 1920 und 1923 ein erhöhter Ausfall durch die Austrittsbewegung zu verzeichnen. Ob dies in ursächlichem Zusammenhang mit dem Umstürze steht (Post hoc, ergo propter hoc), welcher eine Partei ans Ruder brachte, die jede Religion ablehnt, bleibt dahingestellt. Jedenfalls zeigen die statistischen Tabellen, daß mannigfache Ereignisse imstande sind, die Bevölkerung zu beeinflussen, und daß die Juden für alle Wandlungen besondere Empfänglichkeit aufweisen. Hauptmomente aus der Geschichte der Juden in Wien. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Der Umbau des Hauses Nr. 494 am Kienmarkt (Seitenstettengasse 4) schritt unterdessen rüstig fort. Neu sollte der eingegliederte stilvolle Tempel sein. Dieser, nach dem Vorbilde des Hamburger Tempels angelegt, bildete selbstverständlich den Mittelpunkt der ganzen Aktion. Vertreter, Repräsentanten und sonstige einflußreiche Persönlichkeiten bemühten sich, die feierliche Grundsteinlegung vorzubereiten und sie zu einem historischen Akte zu gestalten. Vorerst allerdings mußte der Tempelritus festgesetzt werden. Wie erstarrte Lava eines längst erloschenen Vulkans erscheint uns jetzt manche „umstürzende" Einrichtung des damals unter Kämpfen neu eingeführten „geregelten Gottesdienstes". Aus zahllosen Beratungen ging der „Wiener Ritus" als ein in sich abgeschlossenes Werk hervor. Am 15. Dezember 1825 fand endlich die langersehnte Grundsteinlegung des Gotteshauses unter besonderem Gepränge statt. Ein, Minister, Regierungspräsidenten, der allmächtige Polizeipräsident Graf Sedlnitzky und viele Hofräte verliehen durch ihre Anwesenheit dem religiösen Akte eine hohe politische Bedeutung, wobei der Minister Graf Saurau die Predigt Mannheimers einer wohlwollenden Erwiderung würdigte. Schon äm 9. April des Jahres 1826 folgte die weihevolle Eröffnung des Gotteshauses. Hierbei wirkte bereits Salomon Sulzer als Kantor mit. Mannheimer war es, der die Aufmerksamkeit der Gemeinde auf diesen genialen Künsler gelenkt hatte. Dr_. Maximilian Steiner schildert in seiner Schrift: Salomon Suizerunddie Wiener Judengemeinde die Bedeutung desselben mit nachfolgenden Worten: „.Ergänzt und verherrlicht wurde Mannheimers Reform durch Sulzers Leistungen. Mit erstaunlichem Verständnis ging dieser an eine völlige Umgestaltung des Synagogengesanges. Er konservierte sorgfältig die althergebrachten Weisen, insoweit sie ihm musikalisch und traditionell bedeutsam erschienen, paßte sie aber den künstlerischen Anforderungen seiner Zeit an und schnitt alle Auswüchse und Mißbräuche energisch ab." „Der Tondichter Sulzer fand am Sänger Sulzer den geeigneten Interpreten. Seme Stimme, damals ein hoher Bariton von erstaunlichem Umfange, war biegsam und modulationsfällig sondergleichen. Die Töne reihten sich aneinander ohne die geringste Unebenheit; jeder Ton in gleicher Fülle und Klarheit; Sulzer beherrschte seine überaus heirlichen Stimmittel wie ein großer Virtuose sein kostbares, nie versagendes Instrument." Der Stadttempel, in welchem die dankbare Nachwelt auch diesem ebenso schöpferischen Komponisten wie vorzüglichen Sänger eine Ehrentafel errichtet hatte, war so die Geburtsstätte der modernen Kanzeiberedsamkeit wie des modernen Synagogengesanges für Oesterreich und weit darüber hinaus. Für die rituellen Entscheidungen war der würdige Schüler des Preßburger Rabbiners, Lazar Hörwitz, bestellt worden, wogegen Adolf Fischer als zweiter Kantor an der Seite Sulzers fungierte. Als Sekretär (Aktuar) der Gemeinde wirkte schon lange Josef V e i t h, als Lehrer neben Mannheimer zuerst Dr. Josef Lewin Saalschütz und dann, als dieser wegzog, Leopold Breuer, dem sich später Gerson Wolf anschloß. Als Aufsichtsperson und Aushilfsvorbeter des Tempels war Koppel Markbreit er tätig, der am Abend seines Lebens sich zur Herausgabe einer kleinen Schrift aufschwang. Von diesem Stützpunkt aus, als welcher sich das abgeschlossene harmonische. Gemeindeleben erwies, konnte die Wiener Judenheit es unternehmen, ihre politischen Ansprüche mit größerem Nachdrucke zur Geltung zu bringen. Dr. N. M. Gelber hat in seinem lesenswerten Buche: Aus zwei Jahrhunderten eine Eingabe der Vertreter der böhmischen Judenschaft an den Fürsten Metternich aus dem Jahre 1834 veröffentlicht, in welcher sie um Unterstützung ihrer an Kaiser Franz gerichteten Petition baten, dien Israeliten des Königreiches Böhmens — insbesondere aber jenen, welche sich den Künsten und Wissenschaften, den Gewerben, dem Landbau oder dem Wehrstande widmen — die Rechte der österreichischen Staatsbürger allergnädigst zu verleihen." Die Wiener Juden, von Mannheimer angeregt und 'beraten, waren hierin nicht minder eifrig. So mancher Funke stieg aus seiner eigenen Schmiede auf, der später die fesselnden Seile versengen sollte. Aber auch eine immer mehr wachsende Anzahl mutiger Männer machte sich, trotz Polizeidruck und würgender Zensur bemerkbar. Josef Wertheimer, wohl einer der feinsinnigsten, selbstlosesten und opferfreudigsten Männer des vormärzlichen Wiener Judentums; der losstürmende Dichter Moritz Hartmann, der ebenso mutig wie geniale Ignatz Kuranda und schließlich der neben seinen medizinischen Studien auch der Poesie sich widmende Ludwig August Fr an kl, die drei letzten aus Böhmen eingewandert, bildeten neben vielen anderen die Pioniere einer neuen Zeit. Es waren entsetzliche Jahre, die ertragen wurden. Josef Wertheimer mußte seine Hauptarbeit: „Die Juden in Oesterreich vom Standpunkte der Geschichte des Rechtes und des Staatsvertrages" anonym erscheinen lassen, Kuranda und Hartmann nach dem Auslande ziehen; man glaubte verzweifeln zu sollen, da kam plötzlich der Umschwung. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.