Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 3 (23.1.1925)
- Date
- 1925-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 3 Dt£ WAHRHEIT Seite 5 mächtigen Einfluß der türkisch sprechenden Chasaren ausgesetzt waren, von denen die große Mehrheit, die Dynastie an der Spitze, den jüdischen Glauben angenommen hatte. Die Dynastie des Arpäds heiratete in das herrschende Haus der Chasaren ein und in der Folge ergab es sich, daß die Chasaren die Magyaren bei ihrer Wanderung nach dem Westen begleiteten und sich als selbständiger Stamm an der Besitzergreifung des Gebietes zwischen Donau und Theiß beteiligten. Den magyarischen Rassenschützlern wird niemand zumuten, daß sie sich auf einen Kampf mit wissenschaftlichen Waffen einlassen werden. Sie zerbrechen sich nicht die Köpfe, um zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen, sondern schlagen lieber den jüdischen Studenten die Köpfe ein und verrammeln ihnen die Wege zu den Lehrstätten. Wäre der Antisemitismus Argumenten der Wissenschaft, der Vernunft und der Menschlichkeit zugänglich, wäre er längst tot und begraben. Selbst der Fluch der Lächerlichkeit tötet ihn nicht. Hat es Schönerer, dem Häuptling der Rassenfanatiker in Oesterreich, geschadet, daß gerichtsordnungsmäßig festgestellt wurde, in den Adern seiner Kinder fließe — mütterlicherseits — das Blut des biederen, frommen Juden, der Schmul Leeb Kohn hieß? Der Antisemitismus wendet sich an die niederen Instinkte des Hasses, des Vorurteils, des Neides. Er garantiert die Vernichtung oder zumindest die Unterdrückung der — Konkurrenz. Das verleiht dem Antisemitismus hoffentlich nicht die Unsterblichkeit, aber doch ein langes Leben. _ Ego. Bevölkerungsbewegung in der Wiener Kultusgemeinde in den Jahren 1912 bis 1923. Von Dr. A. Berg er (Baden). Der Bericht des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde über seine Tätigkeit in den Jahren 1912—1923 enthält als Anhang eine Reihe statistischer Tabellen über die Bevölkerungsbewegung während dieser Periode. Diese Tabellen sind eine mühevolle Arbeit des Matrikelamtes, insbesondere seines Vorstandes Julius Rosenfeld, und verdienen eine nähere Betrachtung, weil sich in denselben die Unrast der Zeit deutlich wiederspiegelt. Es sind wohl nur Ziffern, aber sie können vieles erzählen, man muß sie nur sprechen lassen. Alierdings auf die erste und wohl den meisten Lesern des Berichtes wichtigste Frage, wieviel Juden zählt derzeit die Wiener Kultusgemeinde, geben dieselben keine Antwort: nicht etwa aus Scheu vor der Zählung der Juden, die in Hinblick auf II. B. M. Kap. 30. V. 12, begründet wäre, sondern weil dem Matrikelamte die Behelfe fshlen, die Gesamtheit der Juden ziffernmäßig zu erfassen. Dies kann nur durch die staatlichen Organe geschehen, was bis 1910 gelegentlich der allgemeinen Volkszählung auch der Fall war. In dem letzteren Jahre wurden in Wien 175.318 Juden gezählt, d. i. 8.63 Prozent der Gesamtbevölkerung. Seither wurden wohl zwei Volkszählungen (1920 und 1923) durchgeführt, allein bei keiner derselben wurde nach der „Religion" gefragt. Im Jahre 1920 fehlten in den Fragebogen sowohl die Rubrik „Religion" als auch die Rubrik „Sprache", das äußerliche Merkmal für die Feststellung der Volkszugehörigkeit. Vielleicht wurden diese Punkte deshalb ausgeschieden, um den religiösen und nationalen Minoritäten keine Handhabe zu bieten für die Geltendmachung der ihnen laut Artikel 68 des Friedensvertrages von St. Germain zugesicherten Minderheitsrechte. Die Volkszählung des Jahres 1923 hat gleichfalls von der Feststellung der „Religion" abgesehen, dagegen bekanntlich In der Rubrik „Sprache" auch die Angabe der Volkszugehörigkeit und Rasse verlangt. Das Ergebnis dieses Teiles der Zählung ist noch nicht publiziert, doch kann schon jetzt gesagt werden, daß hiervon keine Lösung unserer Frage zu erwarten ist, weil Volkszugehörigkeit und Rasse objektiv nicht festzustellen, noch auch zu kontrollieren sind. Will man der ganz berechtigten Wißbegier mit einei Antwort gerecht werden, so muß man zu Berechnungen greifen, die wohl auf festen statistischen Grundlagen beruhen, aber doch kein absolut verläßliches Resultat ergeben könne. Geht man von der zuletzt im Jahre 1920 erhobenen Zahl der Juden aus und berechnet den jährlichen Zuwachs (Geburten und Eintritte), abzüglich der jährlichen Verluste (Todesfälle und Austritte), so läßt sich für jedes Jahr der Stand der Juden errechnen, wohlgemerkt ohne Berücksichtigung der durch die Wanderbewegung (Zu- und Wegzug) bedingten Veränderungen, die gerade in der kritischen Periode sehr erhebliche waren. Diese Berechnungsmethode, welche vor der statistischen Abteilung des Magistrats angewendet wird, würde für 1923 eine erhebliche Verminderung der jüdischen Bevölkerung, also ein ganz falsches Bild ergeben. Bereits im Jahre 192Ü habe ich in Nr. 19 der „Oesterreichischen Wochenschrift" darauf hingewiesen, daß sich seit 1908 alljährlich ein Ausfall ergibt, so daß die Bevölkerungszunahme nur durch Zuzug erfolgt. Dieses Bevölkerungsmanko ist seither fortgesetzt gewachsen und hat in den Jahren 1917 und 1918 einen Hochstand in den Verlustziffern: 2169 und 2459 erreicht. Für die Periode 1910 bis 1923 ergibt sich ein Totalverlust von 13.151 Seelen, so daß mit Ende 1923 ein Stand von 162.167 Seelen resultieren würde. Es ist offensichtlich, daß diese Ziffer nicht richtig sein kann, da man den Zuzug, auf welchen das Wachstum der jüdischen Bevölkerung beruht, nicht ignorieren darf. Um zu einem halbwegs befriedigenden Ergebnis zu gelangen, muß man einen Weg einschlagen, welcher in jenen Staaten üblich ist, die bei den Volkszählungen von der Religion absehen; es ist dies die Errechnung aus der Zahl der Todesfälle, wobei angenommen wird, daß die Mortalität für alle Einwohner die gleiche ist. Im Jahre 1923 sind in Wien 25.480 Personen gestorben, darunter 2565 Israeliten, was etwas über 10 Prozent beträgt. Schließt man auf den gleichen Prozentsatz der Lebenden, so gelangt man für 1923 auf rund 18 6.000 Israeliten, was als Mindestzahl anzunehmen wäre. Im Vergleiche zum Ergebnisse des Jahres 1920 (175.318) wäre dies wohl nur eine Vermehrung um 11.000; bedenkt man aber, daß. in der Zwischenzeit — wie oben dargetan — ein Gesamtverlust von 13.151 Seelen eingetreten ist. so beziifert sich die Gesamtzunahme mit rund 24.000. Die Steigerung des Prozentsatzes von 8.63 auf 10 ist eine ganz erhebliche diesen Prozent hat die jüdische Bevölkerung seit 1880, das ist seit Einverleibung der Vororte nicht erreicht Es ist begreiflich, daß der Bericht solche immerhin problematische Berechnungen vermeidet und in seinen Tabellen nur ganz verläßliche Zitfern bietet Da sind zunächst die Geburten und Sterbefälle, welche die besondere Aufmerksamkeit fesseln und bei eingehendem Studium sehr wesentliche Schwankungen aufweisen. Die argen Kriegsjahre und die nicht minder bösen Nachkriegszeiten spiegeln sich hier deutlich ab. Nach den Normaljahren 1912 und 1913 mit ziemlich gleichen Geourtenzahlen (2294, 2260) folgt bei Kriegsöeginn 1914 ein starker Hüchtlingszuzug und damit eine Steigerung der Geburten auf 2616 und 1915 auf 2804. Von da ab bewirken Kriegsnot, Hungerblockade, Verelendung einen Geourtenrückgang auf 2061 und 2065, also unter die Zahl der Normaljahre, bis 1918 der tietste Stand mit 1961 Geburten erreicht wird; gleichzeitig steigt unausgesetzt die Zahl der Sterbefälle von 2324 im Jahre 1912 bis 3852 im Jahre 1918 — der Höchstand der Todesfälle im selben Jahre, wie der Tiefstand der Geburten. Aber schon im nächsten Jahre zeigt sich eine Besserung; die Geburten steigen auf 2466, 2744, 3080, 2954 und schließen 1923 mit 2704, also höher als die Anfangsjahre. Dagegen bleioen die Todesfälle noch durch mehrere Jahre 1919 bis 1922 auf großer Höhe (3254, 2886, 2868, 2914) und sinken erst 1923 auf 2565. d. i. nur 140 Todesfälle mehr als 1913, so daß man wohl annehmen darf, daß damit die Nöten dieser Periode überwunden sind. Sehr merkwürdig sind die Schwankungen, welche die Trauungen aufweisen. In den Normaljahren bewegte sich ihre Zahl um 1200, diese Zahl steigt infolge der Kriegstrauungen, von welchen auch die Juden nicht verschont blieben; sieht man jedoch von den Trauungen der Militär-Seelsorge ab, so ist ein Rückgang zu verzeichnen, auf welchen 1919 plötzlich ein Sprung auf das Doppelte der Friedenszeit: 2483 erfolgte, in den nächsten zwei Jahren weitere Steigerungen: 2955,'2829, so daß man füglich von einer Heiratsepidemie sprechen könnte. Ob diesen, gewiß vielfach überstürzten Eheschließungen auch