Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-01-23 · Heft 3 (23.1.1925) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 3 (23.1.1925)
Date
1925-01-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064025--13391-3080893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 DIE WAHRHEIT Beginn der diplomatischen Verhandlungen für die Jewish Agency erworben hat. Nun wollen wir uns mit der Situation in Palästina befassen. „Da das jüdische Volk viele Jahrhunderte an den Wiederaufbau seines alten Heimatlandes geglaubt und gedacht hat, da ferner durch den Ausgang des Weltkrieges und durch seine Teilnaibme daran das jüdische Volk in die Lage versetzt wurde, ein nationales Heim im Lande seiner Väter neu zu begründen, welches dem Hause Israel die lang versagte Möglichkeit geben wird, fruchtbares Leben und Kultur im alten jüdischen Land zu schaffen,..." Diese Worte sind nicht etwa einer zionistischen Propagandarede entnommen, sondern sie bilden die Einleitung zu der im vorigen Kapitel erwähnten Entschließung des amerikanischen Repräsentantenhauses vom Juni 1922. Fruchtbares Leben und Kultur im alten jüdischen Land. Auch für uns, die wir uns fest verwurzelt fühlen mit deutschem Land und deutscher Kultur, für uns deutsche Juden liegt in diesen Worten ein ganz besonderer Klang, mögen wir auch jeder Sentimentalität abhold sein. Und genau so ergeht es den amerikanischen Juden, auch wenn sie lOOprozentige Amerikaner sind. Was dort unten geschieht, jeder Acker, der gepflügt wird, jeder Baum, der gepflanzt wird, jeder Sumpf, der trockengelegt wird, jüdische Arbeit ist es. Und von dort unten soll die Kunde in die Welt dringen: Seht, wie die Juden dort aus der Wüste ein blühendes Land gemacht haben. Dort haben sie es deutlich bewiesen, daß sie kein Volk der Händler und Krämer sind, sondern Träger der Kultur, die jedem Volke, in dessen Mitte sie wohnen und mit dem sie sich verbunden fühlen, zum Segen gereichen. Der Krieg war aus. Vernichtet die Besiegten, schwer erschüttert der Großteil der Sieger. Inmitten dieses Chaos, aus tausend Wunden blutend, liegt das jüdische Volk entkräftigt danieder. Hungersnot, Pogrom, wirtschaftlicher Ruin, das ist die Lage, in der sich der größte Teil der Juden befindet in dem Moment, da der Ruf an sie ergeht, ihre Heimatstätte wieder aufzubauen. Und die Juden haben den Ruf vernommen, sie haben unerhörte Opfer gebracht aber diese Opfer genügen nicht In den Auswandererhäfen stauen sich die jüdischen Massen. „Land! Land!1' ist auch ihr Ruf. „Schafft die ökonomischen Bedingungen für unsere Existenz". (Fortsetzung folgt.) Glossen. Die Verdienste des edlen Menschenfreundes, Hirsch Kollisch, des Gründers des ersten allgemeinen österreichischen israelitischen Taubstummeninstitutes in Wien, wurden anläßlich der Feier, die Samstag im Leopoldstädter Tempel stattfand, in der glänzenden Festrede des Rabbiners Dr. M. Grunwald nach Gebühr gewürdigt Bei dieser Gelegenheit mag an ein glänzendes Wort erinnert werden, das einer der geistreichsten Publizisten im Jahre 1906 nach der grandiosen Leichenfeier Hirsch Kollisch' sprach. Der gesamte Vorstand, die Rabbiner und Prediger im Ornate waren erschienen, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Der gewaltige Sangmeister Sulzer hatte die erschütterndsten Trauergesänge angestimmt und der geniale J e 11 i n e k eine seiner hinreißendsten Trauerreden gehalten. Hierauf sprach ein taubstummer Zögling das Kadischgebet/ Der Vortrag des Kadischgebetes, ohne Modulation, einzig und allein durch den Mechanismus der Sprachwerkzeuge hervorgebracht, klang zwar nach dem herrlichen Gesang und der rührenden Rede doppelt hohl und schauerlich, aber alle Anwesenden fühlten in in dem Momente, was der erwähnte Schriftsteller später aussprach: „Kein Sulzer und kein Jellinek konnte das Andenken Hirsch Kollisch so beredt verherrlichen wie dieser — taubstumme Knabe." * * % Herr Dr. Schedy, der Fünf hauser Strafrichter, hatte eine Frau W., die einem Herrn G. den Titel „Saujud" mit Nachsicht aller Taxen verliehen, von der Anklage, sie hätte den Kläger durch den inkriminierten Ausdruck „Saujud" in seiner Ehre gekränkt, freigesprochen. In der Begründung bemerkte der Richter u. a.: „Das Wort, das der Kläger inkriminiert hat, ist eine scharfe Kritik. Es soll ausdrücklich betont und hervorgehoben werden, daß es sich nicht um eine Generalisierung, um eine Verletzung oder Herabsetzung des jüdischen Volksstammes handelt, sondern lediglich um die Charakterisierung eines einzelnen, der zufällig ein Jude i s t" Es ist selbstverständlich, daß wir dem Urteile eines österreichischen Richters alle durch das Gesetz gebotene Achtung zollen. Nichts liegt uns ferner, als einem österreichischen Richter bei der Fällung eines Urteiles die Beeinflussung durch antisemitische Gesinnung zuzumuten. Aber wir glauben doch einem Bedenken Ausdruck verleihen zu dürfen, indem wir die Frage auf werfen: Wäre es im Sinne dieses Urteiles zulässig, daß in Oesterreich, wo De» kanntlich alle gesetzlich anerkannten Konfessionen gleichen Schutz genießen, jemand, sagen wir zum Beispiel einem — Mohammedaner „Saumohammedaner" zuriefe? Könnte man auch das zugunsten des Beleidigers feststellen, daß es sich nicht um die Verletzung des mohammedanischen Volksstammes handelt, sondern lediglich um die Charakterisierung eines einzelnen, der zufällig — Mohammedaner ist? * * * In der „Ethnographischen Gesellschaft" der ungarischen Hauptstadt hielt Doktor B61a Vikar einen Vortrag über die magyarische Rasse. Das Thema hat in einer Zeit, in der die „Rasserischützler" die Herren des Landes sind, sicherlich den Reiz der Aktualität, aber man wird kaum annehmen dürfen, daß diese Herrschaften von den Ergebnissen, zu denen der Gelehrte gelangte, sonderlich erbaut sein werden. Er wies nach, daß die heutige Bevölkerung Ungarns eine gemischte Rasse ist, die durch die Blutvermischung von mindestens zwanzig Nationen entstanden ist. Es ist zwar wissenschaftlich längst festgestellt, daß eigentlich kein Rassenfanatiker sich der ungemischten Freude des Lebens hingeben dürfte, aber auf gewisse Kreise in Ungarn müßte der Nachweis, daß die magyarische gemischte Rasse einen stark jüdischen Einschlag habe, geradezu niederschmetternd wirken. Doktor Vikar führte in seinem Vortrag aus, daß die Magyaren vor ihrer Ankunft im heutigen Ungarn dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.