Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 3 (23.1.1925)
- Date
- 1925-01-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 3 tages und der Regierung Luther-Kanitfc, auch! über diese Frage zu beschließen. Die positive Feststellung, daß die Hitler- Bewegung und insbesondere der Putsch in München (Hitler ist ja schon in Freiheit) von den Schweizern finanziert wurde, macht auch die Erörterung einer weiteren Frage notwendig. Bekanntlich hat Hitler wiederholt Redakteure derjenigen Zeitungen verklagt, die der Vermutung Ausdruck gaben, daß die „nationale" Hitlerbewegung vom Ausland durch finanzielle Zuschüsse aufrechterhalten wird. In der Regel wurde der Klage stattgegeben und die Beklagten sind mehr oder minder hoch bestraft worden. Sie wurden bestraft, obwohl die bayrische Regierung genau wußte, daß die von den Münchener Gerichten ausgesprochenen Strafen ungerecht sind, daß die Hitlerbewegung tatsachlich vom Auslande finanziert wurde. Warum? Die Beklagten mußten das Unrecht über sich ergehen lassen, weil die unterrichteten Persönlichkeiten einmal aus persönlichen und hauptsächlich aus partikularistischen Gründen nicht den Mut hatten, dem Volke Aufklärung darüber zu geben, was sich unter dein Deckmantel des Nationalgefühls in Bayern herumtrieb und welche Schandtaten unter dem Mißbrauch der nationalen Instinkte gewisser Volksteile getrieben werden konnten. Solange die putschistische völkische Bewegung den bayrischen Partikularisten nicht über den Kopf wuchs, war sie ihnen Mittel zum Zweck, Kampfestruppe gegen das Juden-Berlin. Deshalb muß man auch heute noch schweigen. Aber das Volk sieht wenigstens jetzt, auf welche Art versucht worden ist partikularistische Bestrebungen durchzusetzen. Aus den Mitteilungen ergibt sich schließlich, daß in der neutralen Schweiz für Deutschland Wohltätigkeitsgelder gesammelt worden sind, die leider nicht die richtige Verwendung gefunden haben. Soweit ich informiert wurde, sind die -von dem „evangelischen Kirchenbund" in der Schweiz gesammelten Gelder, was Deutschland betrifft, an den „Verband notleidender Kulturschichten Deutschlands" abgeführt. Von insgesamt 580.000 Franken, die der evangelische Kirchenbund im vorigen Jahre in der Schweiz gesammelt hat, sind mehr als 300.000 Franken an den genannten Verband abgeführt worden. Dafür sind positive Beweise vorhanden. Aber auch für die Art der Verwendung scheint man in der Schweiz Beweise zu haben. So verlautet, daß dieses Geld zum Beispiel nicht etwa den hungernden, sondern den schwarz-weiß-roten „Kultur- \ schichten" zugewendet wurde, indem der größte Teil der nach Deutschland übermittelten Gelder den „Vaterländischen Verbänden" zufloß. Diesen Verbänden kam natürlich der Hitler-Putsch ebenso überraschend wie Herrn General Ludendorff. Insbesondere Herr Geißler, der Chef der „Vaterländischen Verbände", bekannt durch seine ewigen Verleumdungen, weilte nur „zufällig" beim Kapp-Putsoh morgens um 6 Uhr am Brandenburger Tor zu Berlin und am 9. November in München mit Graefe, wie Ludendorff natürlich ebenfalls nur „zufällig" in den Putsch des Herrn Hitler hineinrutschte. Alles Zufall im Leben bei diesen Herren Kriegstreibern und Judenhetzern, aber die Geschichte wird nicht vorübergehen können an diesen Tatsachen. Wie heißt es doch bei den so „Treuteutschen"; an deutscher Art und deutschem Wesen — nicht wahr Herr Ludendorff und Hitler? rTTTTr^ir' wlS^j0^^^okb^^^^k^^BSKS^^ *W Feuilleton Heines jüdisches Bekenntnis*) Von Dr. B. Badt. Soviel auch über Heinrich Heine und das Judentum schon geschrieben worden ist: der eigentliche wissenschaftliche Weg zur Erforschung dieses Problems ist, worauf auch Oskar Walzel in seiner Einleitung zur Heine-Ausgabe des Insel- Verlages hinwies, bis jetzt noch kaum beschritten worden. Aber eine wichtige Vorarbeit zur Beantwortung dieser vielverschlungenen Frage liegt jetzt vor uns in der Auswahl aus seinen Dichtungen, Schriften und Briefen, die Dr. Hugo Bieber unter dem Titel: Heines Confessio J u d a i c a soeben für den Welt-Verlag unternommen hat. Das Buch ist streng chronologisch angelegt; und so wird uns die merkwürdige Entwicklung seiner jüdischen Ideen aufs deutlichste vor Augen geführt. Es sind Dokumente der Liebe und des Hasses, der Ergriffenheit und der Spottlust, der Nachdenk- *) Heinrich Heines Confessio Judaica, eine Auswahl aus seinen Dichtungen, Schriften und Briefen herausgeg. von Dr. Hugo Bieber 1925. Weltverlag, Berlin. lichkeit und des Kampfes; wertvoll, wenn sie offene Bekenntnisse sind, noch wertvoller vielleicht, wenn sie als unwillkürliche Geständnisse seine blutnahe Verbundenheit mit jüdischem Geiste bezeugen. Der jüdische Ton begleitet die Melodie seiner Lieder und den Klang seiner Gedanken wie eine nie verstummende Unterstimme, fast wie jene uralte Singsangweise der Synagogen, die er selbst beschrieben hat. Während seines Berliner Studienaufenthaltes begeistert er sich mit Moser, Zunz und Gans an der Aufgabe, das historische Judentum mit der modernen Wissenschaft zu vereinigen und die gesellschaftliche und politische Emanzipation seiner Stammesgenossen zu erkämpfen. Bald aber sieht er mit mehr historischem Blick als seine kenntnisreichen Freunde die Kraftlosigkeit dieser Bemühungen ein und verspottet die Eifrigen, die „dem Judentum nur neue Kulissen und Dekorationen" geben wollen. Der Rabbi von Bacharach', diese lebendigste Schilderung einer jüdischen Volksfeier im Mittelalter, und irlie Renegaten im Almamsor, dae Bieber merkwürdigerweise in seine Sammlung nicht aufgenommen hat, bilden das Denkmal jener Zeit, ein Denkmal des Abschiedes. „Ich versichere Dir, wenn die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubten, so würde ich mich nicht getauft haben." So versuchte er einem Freunde gegenüber seine