Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 2 (16.1.1925)
- Date
- 1925-01-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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I. Sette 10 EHE WÄHfißEIT Nr. 2 als die Hälfte dieser Kriegsopfer gehörten jener Schicht an, die Ihr Mitarbeiter als „Fremde" klassifiziert. Ihr Mitarbeiter gibt selbst zu, daß die seit 1881 eingewanderten Juden die britischen Arbeiter nicht verdrängt haben und eine wertvolle Tätigkeit im Handelswesen geleistet haben. Er verschweigt aber die Tatsache, daß diese Elemente zur Entwicklung des britischen Welthandels sehr viel beigetragen haben. Ueberfüllung ist selbstverständlich eine Plage, die Ostbezirke Londons bilden aber hierin kein besonderes Beispiel. Seit 1890 haben sich die Wohnungsbedingungen in East End verbessert. Wenn wir nach sozialen Mißständen suchen, so haben wir genug andere Beispiele. Es ist nicht richtig, daß, wie Ihr Mitarbeiter sagt, Dysenterie, Typhus und Malaria durch die Juden Ost-Londons verbreitet werden; die Einschleppung dieser Krankheiten geschah durch die heimkehrenden britischen Soldaten, die in den überseeischen Ländern Kriegsdienst geleistet haben. Nach vieljähriger näherer Bekanntschaft mit dem East End muß ich sagen, daß die Vorstellung, die Juden dieses Stadtteiles stünden auf einer tieferen moralischen Stufe oder hätten ein minderes Reinlichkeitsbedürfnis, als die Personen gleicher Klasse in anderen Teilen Londons oder in anderen Städten Englands, keineswegs zutrifft. Es gibt keine Beweise dafür, daß die aus Osteuropa stammenden Juden unfähig wären, britische Traditionen anzunehmen. 43 Jahre sind seit der Zeit vergangen, da Juden aus Rußland, um den grausamen Verfolgunsen in ihrem Lande zu entgehen, begonnen haben, nach England einzuwandern. Wägt man die Vorteile und Nachteile ab, die diese Juden den britischen Reich im Frieden wie im Kriege gebracht haben, so würden die Vorteile bei weitem überwiegen. Ihr Mitarbeiter behauptet, die Juden seien nicht fähig gewesen, sich zu assimilieren, indem sie zähe an ihrem Glauben festhalten. Wir aber sagen, das ist kein Beweis dafür, daß die Juden nicht trotzdem die besten britischen Traditionen in sich aufgenommen haben. Die deutseben Juden im Kriege. Der deutsche Reichswehrminister Dr. Qeßler richtete an den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten das folgende Schreiben: ,J3er sehr verehrten Bundesleitung spreche ich meinen verbindlichsten Dank aus für die freundliche Uebersendung des Buches „Jüdische Flieger im Weltkriege". Ich habe das Werk mit dem größten Interesse durchgelesen und bin überzeugt, daß es seinen Zweck wohl erfüllt, dem deutschen Volke zu zeigen, In weich hervorragender Weise zahlreiche jüdische Soldaten im Weltkriege ihre Pflicht getan haben. Ich wünsche dem Buche vom Herzen Verbreitung. Mit der Versicherung vorzüglichster Hochachtung, ganz ergebenst gez. Dr. G e ß 1 e r." Angeblicher Liebesroman der holländischen Thronerbin. Mehrere ausländische Zeitungen brachten vor kurzem in sensationeller Aufmachung die Mitteilung, daß sich die holländische Prinzessin Juliana in den Kantor der gxoßen Amsterdamer Synagoge, Elvira, verliebt hat, von ihrem Idol nicht lassen will und häufiger Gast in der Synagoge ist. Sogar die Königin Wilhelmine soll eingegriffen haben. Die holländischen Zeitungen stellen auf Grund authentischer Informationen fest, daß die ganze Geschichte von A bis Z erdacht ist. Der in dem Berichte genannte Kantor Elvira existiert gar nicht, die Prinzessin Juliana ist erst 15 Jahre alt und sie hat die Svnagoge nur einmal anläßlich des offiziellen Besuches ihrer Eltern in der Amsterdamer Synagoge am 1. April v. J. gesehen. Es handelt sich also sozusagen um einen romantischen Aprilscherz. Vom ungarischen Judentum. Die Stadt Debreczin hat der dortigen Kultusgemeinde 10.000 Goldkronen für den Bau eines jüdischen Gymnasiums bewilligt. 31. Milliarden ungarischer Kronen beträgt der Budgetvoranschlag der Budapester Israelitischen Kultusgemeinde, die gleichzeitig ihre Beamten und Angestellten je nach der Dienstzeit den Staatsbeamten gleichgestellt hat. Zwei Neujahrswünsche. In der Neujahrsnummer des „Deutschen Tageblattes" schreibt Adolf Bartels: „Das deutsche Volk wird sicher bestehen, wenn wir alle völkisch, das heißt bestem deutschen Wesen treu, und wirkliche Arbeiter werden. Man kann es vielleicht auch so ausdrücken: Wenn wir das Gegenteil der Juden werden." Und in der gleichen Neujahrsnummer schreibt Theodor Fritsch: „Kein Volk ist so hungrig nach Macht wje das jüdische und keines ist seelisch so arm wie dieses." Das deutsche Volk ist also als Gegenteil der Jittär nföb) so machthungrlg wie diese. Beweis: Wilhelm I. | Theater, Kunst u. Literatur | Vortrag. Am 20. v. M. sprach Herr Dr. Arthur Pollat s c h e k im Verein für jüdische Geschichte und Literatur über „Jüdische Ehegesetze und Ehegebräuche". In populärer Darstellung wurde ausgeführt, daß die Geschichte derselben keine trockene Rechtsgeschichte, sondern eine interessante Kulturgeschichte darbietet; es besteht zumeist kein Gegensatz zu dem staatlichen Eherecht. Nach Anführung der Quellen vom Pentateuch bis zum „Tur" (Ebenhaeser) — besser bis zum „Schulchan Aruch".—. wurde die spezielle Behandlung in Oesterreich, die staatliche und Rabbinatsgerichtsbarkeit in Bezug auf die Ehe besprochen. Die Unverletzlichkeit derselben, die Todesstrafe bei Ehebruch, die dauernde Lebensgemeinschaft, Monogamie als Regel wurden entsprechend gewürdigt, sodann bei den Gebräuchen für „Schiduschim" und „Kiduschim", die „Chuppa" und „Kathuba" richtige Erklärungen geboten. Ebenso richtig wie bemerkenswert die Feststellung der Verpflichtung der Gattin, den Säugling selbst zu stillen. Bezüglich der Leviratsehe und „Chabirah" das Detail, daß 1842 eine solche in Wien noch geschlossen worden, obwohl dieselbe nach dem Staatsgesetze verboten war. Nach Schilderung der Bestimmungen bezüglich der Ehescheidung, des „Get", und Betonung der .Tatsache, daß auch der Frau nach jüdischem Recht der Antrag auf. dieselbe stets möglich gewesen und bei ekelerregender Krankheit, Mißhandlung und Impotenz einem solchen auch stattgegeben wurde, schloß der Redner seine kursorische Behandlung des im kleinen Rahmen nicht zu erschöpfenden Themas, worauf der gelehrte Präsident des Vereines Professor Dr. S. Kraus einige ergänzende Aufklärungen darüber gab. Er berichtete unter anderem, daß die „Liga für jüdische Frauenrechte" in England Schritte zu unternehmen sich anschickt, um einige peinliche Härten des orthodoxen Eheritus auszumerzen, wozu ein autoritatives Synhedrion eventuell in Palästina kompetent werden könnte. Med.-Rat. Dr. H. Haase. Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz. Dieses in der Schweiz stark verbreitete und dort verdienstvoll wirkende Organ für jüdische Interessen feierte vor kurzem sein'25jähriges: Jubiläum. Es wurde im Jahre 1901 von Rabbiner Dr. Littmann und Dr. David Strauß gegründet. Ersterer wirkt noch heute an der Redaktion der Zeitschrift mit, während Dr. David Strauß nach 20jähriger unermüdlicher Arbeit in frühem Alter abberufen wurde. Auch David Weinbaum, in dessen Verlag (Zürich, Clausiusstraße 50) die Zeitung erscheint, stand nur wenige Jahre bis zu seinem Tod an der Spitze des Blattes, das er im Sinne seiner Vorgänger weiterführte, dem er aber doch zugleich vermöge der spezifisch jüdischen Lebenssphäre, in der er von Jugend auf groß geworden und, die ihm bis ins Alter eine warme Begeisterung für alle jüdischen Interessen gegeben hat, seinen eigenen Stempel aufzudrücken verstand. Heute steht an der Spitze der Redaktion Dr. Erich Max W e i n b a u m. In der Festnummer skizziert Rabbiner Dr. Littmann kurz, aber treffend den Werdegang der Zeitung und damit das. Aufblühen der Schweizer Juden. Ihm und seinem Stab seien anläßlich des Jubiläums die herzlichsten kollegialen Glückwünsche dargebracht Jüdischer Liederabend. Im Anschlüsse an das hiesige künstlerisch gelungene Konzert des beliebten Oberkantors Postolow vom Müllnertempel war auch das Leipziger Konzert am 3. Jänner, nach den enthusiastischen Berichten der dortigen Blätter von vollem Gelingen begleitet. Alle Nummern des trefflichen Sängers S. Postolow, besonders „Haschkiwenu", Sulzers „Weesseerew" und andere entfesselten stürmischen Beifall und bleibt auch daselbst der Jüdische Liederabend ein künstlerisches Ereignis. J. Günzig: Das jüdische Schrifttum über den Wert des Lebens. Hannover 1924, Orient-Buchhandlung. Das Buch ist aufgebaut auf der Grundlage tiefschürfenden Wissens. Der weithin bekannte kabbalistisch-philosophische Gelehrte zeigt den Pessimismus und die Lebensfreudigkeit der Juden, was an ihnen von diesen Prinzipien Ursprünglichkeit ist und was sie von den andern Völkern, unter welchen sie waren, mitgenommen haben. Der Stil ist hinreißend und Günzig predigt viele Wahrheiten in die Seelen hinein. Es ist ein lehrreiches Buch, das jedem Literaturfreunde empfohlen werden kann. . Ch. Bloch. Institut für religiöswissenschaftliche Studien. (Beth-Hamidrasch, III., Hetzgasse 40.) . Wegen der neuen Vortragseinteilung wolle man die Anzeige im Inseratenteil beachten.