Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 2 (16.1.1925)
- Date
- 1925-01-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064024--13379-3080880- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hr.2 DIE WAHRHEIT Seite 9 Seite, Aber anders, als man es von einem Mann seiner-Stellung erwarten durfte. Mit seinen jüngst in der „Reichspost* erschienenen Ausführungen will Herr Hoffmeister diejenigen Studenten, die keinen arischen Stammbaum aufweisen können, also die Hörer jüdischen Glaubens, hofmeistern, indem er ihnen mit dem Brustton der aus weiter Ferne geholten Ueber- 2eugung zuruft: Die deutschen Studenten, natürlich nur Arier, haben vollständig* recht, wenn sie die Hörerschaft nach Nationen teilen; sie haben recht, wenn sie-die jüdischen Studenten als Angehörige einer besonderen Nation hinstellen, und daß sie nicht Deutsche jüdischer Religion seien. Er sagt: „Die Studentenschaft muß nach prinzipieller Autonomie organisiert werden und ihre nationalen Gruppen h'ätten die Entscheidung darüber, nach welcher Volksangehörigkeit jemand zu bestimmen," Als Appendix wird an anderer Stelle des Elaborates hinzugefügt, die Majorität habe in dieser Angelegenheit zu entscheiden. Qrundfalsch. Herr Rektor! Der akademische Boden muß unter allen Umständen neutral bleiben. Da darf es nur Bürger mit gleichen Rechten geben. Nicht Studenten-, sondern Hochschulrecht hat da seine Geltung auszuüben. Da gibt es keine Nationen als solche, wenn auch dieser oder jener akademische Bürger hüben oder drüben sein Staatsbürgerrecht geriert. Das sollte der Herr Rektor magnificus genau wissen. In erster Linie sollte ihm aber bekannt sein, daß man in der Republik Oesterreich ebensowenig eine jüdische Nationalität kennt, wie in England, Italien oder Frankreich. Nut die Radaubrüder und ihre hoch- und niederstehenden Helfershelfer haben sich die unschätzbare Erfindung von der jüdischen Nation zu eigen gemacht. Weil sie ihren verwerflichen Zwecken dient, weil sie damit ihren Ellenbogen eine mehr als rechtlich gestattete Bewegungsfreiheit sichern will. Das ist doch klar für jedermann, das bedarf keines weiteren Beweises. Wir sehen und fühlen es Tag für Tag, wie das Gift, an das sich die arische Studentenschaft mit aller Gewalt gewöhnen soll, immer weitere Kreise zieht und unser ganzes soziales und bürgerliches Dasein zu zersetzen bestrebt ist. Und diesen neuesten Auswuchs des Hakenkreuzlertums, der sich im Lehrsaal und Aula der Hochschule eingenistet, der — man will es nicht glauben — findet noch Fürsprecher an Stellen,, die sich von nationalen Fragen prinzipiell fernhalten sollten. Zu dieser Errungenschaft können wir uns wirklich nicht gratulieren. Wenn schon Oel ins Feuer gegossen wird, so darf dies wenigstens nicht von Persönlichkeiten ausgehen, die dafür zu sorgen haben, daß die studierende Jugend sich nur ihren Lebensaufgaben widme, in Ruhe und Ordnung sich Kenntnisse für Staat und Gesellschaft anzueignen. Durch die Veröffentlichung des Herrn Rektors Hoffmeister geschieht dies keineswegs. Wohl versucht der 'tierr Rektor seinen unstichhältigen Erklärungen die Form und Art einer Rechtfertigung zu geben. Diese aber ist so, wie sie gegeben ist, durchwegs mißlungen. Gerade das Gegenteil ist damit erreicht. Der Herr Rektor hat offenkundig die Studentennation anerkannt und die Juden somit als eigene Nation, als Fremdlinge in Oesterreich hingestellt. Das wird man in Oesterreich wie im Ausland wohl auf den ersten Blick erkennen. Wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir annehmen, daß der Herr Verfasser des glorreichen Artikels selbst schon zu dieser Ueberzeugung gelangt ist Nun, wir legen diese Angelegenheit :ai der übrigen von gleichem Werte; Komplimente für Rassenschützler und Gleichgesinnte kann ein Hochschulrektor machen wie jeder andere, aber niemals darf dies auf Kosten der Juden geschehen. Das möge sich der Herr Rektor Hoffmeister in sein Notizbuch schreiben und dreimal unterstreichen. Gegen den Antisemitismus. Am 28. November vorigen Jahres.führten wir aus, daß die Worte, mit denen Kardinal Fürstprimas Czernoch anläßlich seines Priesteriubfläums die Glückwünsche einer jüdischen Deputation beantwortete, wie Peitschenhiebe auf die Antisemitenführer herabsausen mußten. Die Hejjas-Leute, die dank der hohen Patronanz, die ihnen von den weltlichen Stützen des Staates gewährt wird, sich mit der Hoffnung geschmeichelt hatten, auch der erste Kirchenfürst Ungarns werde ihr Treiben wenigstens nicht öffentlich mißbilligen, sahen sich getäuscht. Die dreisten Versuche der Antisemiten, in ihren Blättern den Primas von Ungarn mit den Belehrungen darüber einzuschüchtern, was wahrhaft christlich sei, haben nur den Erfolg gehabt, den hohen Kirchenfürsten zu einer noch schärferen Brandmarkung des Antisemitismus zu drängen. Neuerlich hat der Primas seine Stellung, gegenüber der auf dem Pogrom- Programm basierenden antisemitischen Partei gekennzeichnet. Er erklärt, daß.er nur einen Unterschied zwischen Mensch und Mensch kenne: den zwischen den anständigen und unanständigen. Er wiederholte, daß ihm als Grundlehre des Christentums die Liebe zu allen Mitmenschen ohne Unterschied des Glaubens, der Rasse oder des Standes gilt. Mit Entrüstung weist er die Behauptung der Antisemitenhäuptlinge zurück, ihre Taten seien im Dienste des Christentums vollbracht worden, und er schleudert ihnen das vernichtendste Urteil, das jemals gegen antisemitische Hetzer geschleudert wurde, in das Antlitz: „Sie seien nicht nur keine Christen, sondern nichtswürdige Menschen, überhaupt keine Menschen!" (Das heißt wohl deutlich genug gesprochen.) Ob die zürnende Rede des hohen Kirchenfürsten ihre Wirkung auf Antisemiten üben wird? Schwerlich. Aber die Christen werden begreifen, daß ein katholischer Priester es für notwendig findet, öffentlich dagegen zu protestieren, daß man ein das Christentum schändendes, zu den furchtbarsten Verbrechen führendes Treiben gerade unter der Flagge des — Christentums fortsetze. Jacobsen plaudert aus der Schule. Wie wir aus Hamburg erfahren, hat sich der deutschnationale Rechtsanwalt Alfred Jacobsen einem Führer der Hamburger Ortsgruppe des „Ludendorff-Bundes" P ü 1 s c h e n gegenüber dahin geäußert, daß der Hitler-Putsch nur Aussicht auf Erfolg gehabt haben könnte, wenn man zwei Tage vorher die einzelnen Ministerposten der deutschen Reichsregierung, der verschiedenen deutschen Gliedstaaten sowie Deutschösterreichs geschickt untereinander verteilt hätte. Nach dieser verpaßten Gelegenheit seien nicht nur die damaligen Führerstreitigkeiten, sondern auch die Voraussetzungen für die weiteren Aufiösungsbestrebungen der völkisch orientierten Organisationen des In- und Auslandes (Schweiz) entstanden. — Der Rechtsanwalt Alfred Jacobsen war auch bekanntlich Führer der Hamburger Orgesch-Kappisten und der Verteidiger des nunmehr verurteilten Hammer-Fritsch. Der „Ammon-Knüppel". Was das Wort bedeutet? Die Auskunft sollte man sich von Rechts wegen in Deutschland holen. Es ist gänzlich deutsche Erfindung. Ob sie patentiert wurde, wissen wir nicht. Aber eingeführt ist dieser „Ammon- Knüppel" bereits an vielen Stellen des Deutschen Reiches, und wird mit Erfolg daselbst gehandhabt. Genau gesagt, es ist ein Instrument, das in der Hand von Preußenbündlern und Frontkämpfern zu lebensgefährlicher Waffe wird gegenüber unsern Glaubensgenossen. Wir würden uns absolut nicht veranlaßt sehen, auf die Beschreibung der Wirkung des Mordinstrumentes einzugehen, wenn ihm nicht vor kurzem ein junger Mann zum Opfer gefallen wäre, der in Oesterreich viele Verwandte besitzt und die Sache nicht ein charakteristisches Beispiel der niedrigsten Roheit darstellen würde, wie sie zur Schande unseres Zeitalters leider wiederholt schon zutage getreten ist. Die Affäre hat sich in Tilsit zugetragen. Der 30jährige Handelsgehilfe Julius Simon wurde in der Weihnachtszeit von drei Burschen überfallen und niedergeschlagen und erlag am nächsten Tage seinen Verletzungen. Die drei Mordgesellen wurden verhaftet. Zwei gehören dem Preußenbund, einer den Frontkämpfern an. Das Verhör mit diesen Auswürflingen der Kultur hat festgestellt, daß einer von ihnen sich des „Ammon-Knüppels" bediente, um dem unschuldigen Simon den Todesstreich zu versetzen. In den Berichten der deutschen Blätter über diese grausige Tat ist aber eine Beschreibung des Mordinstrumentes nicht angegeben. Welche Form dieser Knüppel hat und warum er „Ammon-Knüppel" genannt wird, ist uns nicht bekannt. Doch die heldenmütigen Vaterlandsverteidiger, die aus purem Uebermute unschuldige Juden niederschlagen und so als Freiwild erklären, das ist ein Zeichen des tiefen Niveaus, zu dem das Hakenkreuzlertum herabgesunken ist. Das sind Ereignisse, die den dunkelsten Balkan von ehedem in den Schatten stellen. Leute, mit dem „Ammon-Knüppel" gehören nicht mehr in die menschliche Gesellschaft, sie sind der modernen Kultur unwürdig. In die Wildnis gehören sie, wo sie keinem Menschen begegnen. Dort können sie sich Knüppel machen bis an ihr „tatenreiches" Lebensende. L. Der Feldzug gegen die „Fremden" in London. Wir sind heute in der Lage, das offene Schreiben Lord Rothschilds, des Vizepräsidenten des Board of Deputies (Deputiertenrats der englischen Juden) als Antwort auf die in den „Times" unter dem Titel „Das fremde London" erschienene Artikelserie eines „besonderen Mitarbeiters", von dem in der letzten Nummer die Rede war, auszugsweise zu veröffentlichen: Im Kriege waren mehr als 12.000 britische Juden in den Wehrpflichtslisten als Freiwillige eingetragen. Mehr als 50.000 Juden dienten in der britischen Armee, von diesen sind 9000 gefallen oder verwundet oder vermißt. Mehr