Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 2 (16.1.1925)
- Date
- 1925-01-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Stellung verhalfen, sich in diesem Falle wirklich' frei von jeder politischen Voreingenommenheit fühlten. Wer weiß, wie freudig sie auch ihm in Anerkennung des bewährten „patriotischen Ueberschwanges" die Freiheit geschenkt hätten, aber ungarische Richter mußten doch in einer Amnestiefrage den Intentionen Horthys entsprechen, der die Amnestie verlieh — wie sollten sie einen vorsätzlichen Mordversuch an einem Christen mit irgend einem so falsch ausgelegten Rassenschutz entschuldigen? Und so wird der brave „patriotische überschwängliche" Pogromheld Johann Töreky ein paar Monate sitzen müssen. Wenn nicht Horthy ihm doch eine Extrabegnadigung zuteil werden läßt. * * $ Der Fall Johann Töreky, bei dem wir, in aller Loyalität, die Objektivität ungarischer Richter anzuerkennen gezwungen sind, dürfte nicht so leicht vergessen werden. Man wird vielleicht noch in späteren Zeiten durch das Schicksal dieses einen nicht begnadigten Pogromhelden nachdrücklich daran erinnert werden, daß in dem Ungarn Horthys auch den Kecskemeter Verbrechern, denen in 64 Fällen grauenhafte Mordtaten an Juden nachgewiesen wurden, das Verdienst zuerkannt worden war, „in patriotischem Ueberschwang" gehandelt zu haben. Vielleicht findet aber mancher heute schon, daß die Tat Johann Törekys, der nach der Pogromarbeit noch anders geartete Schießübungen unternimmt, eine gewisse symbolische Bedeutung zukommt . . . Die führenden Hetzer mögen vielleicht die Absicht haben, Plündern, Rauben und Morden nach konfessionellen Grundsätzen zu arrangieren. Es hat sich noch zu jeder Zeit und in jedem Lande gezeigt, daß der raub- und mordlustige Pöbel sich schließlich einen Pfifferling um konfessionelle Distinktionen schert. 12 Jahre Wiener Gremeindetätigkeit. (Schluß.) Am 9. März 1923 waren fünfzig Jahre seit der Schlußsteinlegung des Spitales der israel. Kultusgemeinde, einer Stiftung des Herrn Anselm Freiherrn v. Rothschild, vergangen. Wie vor 50 Jahren die Eröffnungsfeier, den Intentionen des Stifters folgend, in einfachster Weise vor einem kleinen Kreis geladener Gäste vor sich ging, wurde auch das 50]ährige Jubiläum des Hauses in gleicher Weise begangen. Der Obmann der Stritalskommission, Baurat Kempler, skizzierte die Geschichte des Spitales. die zum größten Teile mit der Geschichte des Wiener Judentums zusammenfällt, sowie dessen weitere Ziele, eine Stätte der Ausbildung für die anderwärts in ihren Arbeiten gehinderten jüdischen Mediziner zu werden. Direktor Dr. Fleischmann erinnerte an das Wirken der in diesem Spitale tätig gewesenen Gelehrten, wie Prof. Dr. O s e r, Prof, Dr. Zuckerkandl und anderer, die dem Institut einen hohen wissenschaftlichen Ruf erworben haben, schilderte die bedeutenden Leistungen des Spitales während des Krieges und der Nachkriegszeit und wies auf die dringliche Notwendigkeit der Wiederherstellung des vollen Belages hin. Najnens des Staatsamtes für Volksgesundheit begrüßte Sektionsrat Dr. Baumgarten die Leitung des Spitales, dessen Bedeutung er eingehend würdigte. Im Winter 1923/24 machten sich die Mängel der veralteten Heizungsanlage im Spitale besonders arg fühlbar. Bei einem unverhältnismäßig großen Aufwand an Heizmaterial — mehr als 3 Millionen Kronen pro Tag — konnte weder entsprechende Temperierung der Krankensäle noch hinreichend Warmwässer für Bäder erzielt" werden. Der Kultusvorstand sah sich daher zu dem Beschlüsse gedrängt, gelegentlich der Budgetberatungen pro 1924 die Erneuerung der Heizungsanlage in moderner und zweckdienlicher Weise vorzusehen und mit 1. Juni 1924 die vorübergehende Sperrung des Spitales zu verfügen. Seither sind nicht nur die mit der Erneuerung der Heizungsanlage verbundenen Arbeiten in Angriff genommen worden, sondern es wird diese Gelegenheit benützt, um durch bauliche Veränderungen eine bessere und rationellere Ausnützung der Krankenräume, eine zweckmäßigere Unterbringung der Ambulatorien und einer Vermehrung der Zahlstockbetten durchzuführen. Es werden aber auch gleichzeitig alle jene Herrichtungen und Reparaturen vollzogen, die nach den Grundsätzen der Hygiene unaufschiebbar geworden sind, nachdem sie in den letzten Jahren mangels der erforderlichen Mittel zurückgestellt werden mußten. Durch die Sperrung des Spitales erwies sich die Kündigung des daselbst beschäftigten Personals schon aus dem Grunde unvermeidlich, weil die Dauer der in Angriff genommenen baulichen Arbeiten nicht abzusehen war. Im vollen Einvernehmen mit den zuständigen Organisationen der Arbeitnehmer wurde ein Ausweg gefunden, um angesichts der großen Arbeitslosigkeit in Wien die Wirkungen dieser Kündigungen möglichst abzuschwächen. Soweit erforderlich, wurde das Spitalspersonal während der Sommerurlaube in der Versorgungsanstalt der israel. Kultusgemelnde zur. Vertretung Beurlaubter herangezogen und durch Bewüligung eines Betrages von 12 Millionen Kronen pro Monat, zuhanden ihrer Organisation für die Dauer der Sperre des Spitales, hat der Kultusvorstand die Gewährung von Sustentationsbeiträgen an nicht anderweitig untergebrachte Spitalsbedienstete ermöglicht. Allen jenen Angestellten, welche durch mehr als fünf Jahre im Spitale Dienst leisteten, wurde die Wiederaufnahme unter Weiterbestand der vorher erworbenen Begünstigungen bei Wiedereröffnung des Spitales zugesichert. Der Kultusvorstand ist sich bewußt, durch diesen Vorgang, der kaum in einer anderen Institution zu verzeichnen sein wird, einer sozialen Pflicht entsprochen zu haben. Seit dem im Jahre 1910 erfolgten Ableben des durch mehr als 40 Jahre als Primararzt und Direktor überaus verdienstvoll tätig gewesenen Hoirates Prof. Dr. Leopold O s e r bekleidete der Primarius der gynäkologischen Abteilung Dr. Karl Fleischmann mit überaus großer Hingebung und Gewissenhaftigkeit die Stelle des Spitalsdirektors, bis er im Jahre 1923 sich veranlaßt gesehen hat, die Enthebung von diesem verantwortungsvollen Posten beim Kultusvorstande zu erbitten, um sich ganz seiner Tätigkeit als Arzt widmen zu können. Mit großem Bedauern mußte der Kultusvorstand diesem Ansuchen entsprechen. Angesicht der Anforderungen, welche bei den schwierigen Betriebsverhältnissen und im Interesse einer geordneten Verwaltung an den Direktor des Spitales herantreten, erscheint die Ausfüllung dieses Postens neben einer ärztlichen Tätigkeit nicht mehr durchführbar. Die Stelle erfordert eine Persönlichkeit, die in der Lage ist, sich hauptamtlich und ausschließlich den Agenden des Spitales zu widmen. In diesem Sinne ist die Ausschreibung der freigewordenen Stelle. erfolgt und es hat der Kultusvorstand aus der Reihe der Bewerber den Generalstabsarzt" i. P. Dr. Arnold Raschkes zum Spitalsdirektor bestellt. Die reiche Erfahrung des Genannten auf dem Gebiete der Sanitätspflege läßt eine ersprießliche Wirksamkeit zum Wohle der Kranken und der Anstalt erwarten. Der seit 1. März 1895 bis zu seiner mit 1. August 1922 erfolgten Pensionierung als Verwalter des Spitales der israel. Kultusgemeinde verdienstvoll tätig gewesene Dr. Markus Koranyi ist am 16. Jänner 1923 verschieden. Zufolge Dienstresignation seines Stellvertreters Rudolf Gross ist seit Oktober 1922 der Sekretariatsbeamte Hugo Weiß mit den Agenden des Spitalsverwalters betraut. Der interessante Tätigkeitsbericht des I. Sekretärs Guido Fuchsgelb, dem wir bis hierher auszugsweise Raum gegeben haben, um unseren Lesern wenigstens die wichtigsten Daten einer 12jährigen Gemeindetätigkeit vor Augen zu führen, enthält noch eine Reihe wichtiger Kapitel. Wir schließen jedoch aus Raumgründen heute mit unserer Artikelserie, wollen aber den einen oder anderen Teil, insbesondere den Bericht über die Versorgungsanstalt in einem eigenen Aufsatz behandeln.