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Die Wahrheit · 1925-01-07 · Heft 1 (7.1.1925) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 1 (7.1.1925)
Date
1925-01-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Nr. 1 DIC WAHRHEIT " augenscheinliche Unrecht, dias gegen das Judentum in Form von Bescheidien, Dekreten u. dgl. vom Stapel gelassen wurde, ins Gegenteil umzuwandeln, bleiben fast 'durchwegs ergebnislos. Denn Chauvin hüllt sich in seine Amtstracht, wird vielleicht noch von höheren Stellen dabei gestützt, und es bleibt beim Alten. Es trägt sich nun, wie könnte man solchen schwerwiegenden Erscheinungen in richtiger Weise begegnen, wie die sich oft überstürzenden Ungesetzlichkeiten, unter denen einzelne wie große Gruppen zu leiden haben, in wirksamer Weise bekämpfen? Das ist vorläufig ein Problem, dessen Lösung uns viel zu denken gibt. Man mag sich wohl mit der Tatsache trösten, daß all dieser Chauvinismus noch immer Kriegsluft im sich trägt, daß er ein langsam versiegendes Ueberbleibsel der Kriegspsychose darstellt und daß er in absehbarer Zeit sein Ende finden werde. Das ist natürlich nur ein tröstlicher Gedanke. Vorläufig stehen unsere Verihältnisse noch immer unter dem Zeichen des Chauvinismus, der sich an allen Orten, in allen Gassen breit macht. Wir werden es aber nicht Unterlassens mit allen uns zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln auch dort und an jenen Stellen das Unrecht zu bekämpfen, wo es in Form von behördlichen Maßnahmen gegen das Judentum gerichtet ist. Ueber das Problem, das wir vorhin erwähnt, müssen wir im ruhigen Nachdenken eine Lösung zu finden trachten. Damit wollen wir uns für den Augenblick zufrieden geben. Die nächste Zukunft wird wohl gegen den Chauvin in allen Gassen Rat und Tat bringen. Philipp Leon. Der siebzigste Geburtstag des Hofrates Professors Ehrmann. Universitätsprofessor Hofrat Dr. S. Ehrmann erreichte vor kurzem das Patriarchenalter. Die Freunde und Verehrer des als Mensch und Gelehrter gleich hochstehenden Siebzigers ließen es sich nicht nehmen, diesen Tag feierlich zu begehen, dem Jubilar ihre Wünsche darzubringen. Aus aller Herren Länder kamen Deputationen nach Wien, so daß die Wohnung Professor Ehrmanns tagelang einem förmlichen Festplatze glich. Die „Union deutschösterreichischer Juden", an der Professor Ehrmann sich tatkräftig beteiligte, stellte sich mit nachstehendem Gratulationsschreiben ein: „Das Wiegeniest, das Sie, sehr geehrter Herr Hof rat, und mit Ihnen Ihre zahlreichen Freunde und Verehrer eben begehen, gibt der „Union deutschösterreichischer Juden" ganz besonderen Anlaß, diesen Tag feierlich zu begrüßen. Mehr als durch zwei Menschenalter haben Sie, sehr geehrter Herr Hofrat, neben Ihrer wissenschaftlichen, in der Gelehrtenwelt hochangesehenen und bestens gewürdigten Tätigkeit, auch für die notleidende Menschheit im hohen Grade gewirkt. Die Ergebnisse Ihrer Forschungen sind als Markstein für alle Zeiten festgeankert. Und bei dieser Ihrer überaus humanitären Wirksamkeit haben Sie es niemals unterlassen, trotz aller Widerwärtigkeiten der nationalen und politischen Verhältnisse, sich als Jude, das ist als Mensch, mit allen Attributen edelster Gesinnung, zu bekennen. Vor allem aber haben Sie, sehr geehrter Herr Hofrat, unserem im steten und, ununterbrochenen Kampfe gegen die Angriffe auf das Judentum stehenden Vereine wiederholt eine Reihe der aufrichtigsten und tatkräftigsten Beweise Ihrer Sympathie gewidmet. Mit Stolz weisen wir auf diese uns ehrende Tatsache hin, und ergreifen mit Freuden die Gelegenheit, — die erhebende Feier Ihres siebzigsten Geburtstages — um dem tiefstgefühlten Wunsche Ausdruck zu verleihen: Die Allmacht möge Sie mit Ihrem für das Wohl der gesamten Menschheit und speziell des Judentums segensreichen Wirken noch viele Jahre im vollen physischen und geistigen Wohlbefinden erhalten. Gleichzeitig aber danken wir Ihnen für die rege Anteilnahme an den Interessen unseres Vereines und fügen die Bitte bei, dieses uns stets erwiesene Wohlwollen auch für die Zukunft uns zuwenden zu wollen." Salt« Ii Wahrheiten vom Tage Rassenschützter untereinander. So und nicht anders haben wir uns die Herren da drüben vorgestellt, die Rassenschützler, wie sie sich selbst nennen. Warum so, weshalb diese Benennung? Das ist Nebensache. Hauptsache bleibt für diese Horthy-Husaren, daß sie eine Bezeichnung ha1>en, daß sie Versammlungen abhalten, über die Juden recht saftige Redensarten führen und dann einander ein bißchen in die Haare fahren. Genauer gesagt, eine regelrechte Prügelei in Szene setzen, wobei die Faust und auch der Revolver in ihr ungarisches Recht treten. So war's auch diesmal, als die Herren Doktoren Daner, Racz, Klar und Meister Pelz aneinander gerieten. Da gab es eine solenne Keilerei, um die sie die würdigen Hakenkreuzler ernstlich beneiden werden. Wahrscheinlich kam es in dieser Versammlung zu einer Konkurrenz über die Frage, wer besser über eine gewisse „Rasse" schimpfen kann. Und da sich die Rassenschützler über die Sache nicht einigen konnten, griffen sie einander tätlich an verprügelten sich wie Schulknaben und der Schluß ist selbstverständlich „die ritterliche Austragung" der Affäre. Die Lächerlichkeit dieser Allüren paßt ganz in den Rahmen der rassenschützlerischen Tätigkeit. Muß man doch in Prügelszenen an den Tag legen, weß man bei dem so notwendigen Schutz der eigenen Rasse fähig Ist. Cie?en wen soll sie eigentlich geschützt weiden? Wer greift sie an? Daß es der Jude ist, das, meinen diese schlagfertigen Herren, nicht unterstreichen zu müssen. So etwas muß vorgeschützt werden, sonst ist man kein Rassenschützler. Nebstbei hat auch die Budapester Polizei nach geschlossener Rauferei ihres Amtes gewaltet. Sie hat mit besonderer Geistesschärfe festgestellt, daß die Kugel, die aus einem Revolver abgefeuert wurde, niemanden treffen konnte, weil sie hoch in der Wand stecken blieb. Bravo! Im übrigen mögen die Rassenschützler von Horthys Gnaden auch weiterhin in diesem ihren Elemente bleiben. Wenn sie einander die Köpfe einschlagen, ,dann haben sie ihr Bestes geleistet. Der Feldzug gegen die „Fremden" in London. Bekanntlich wurde in England die Arbeiterregierung von einer konservativen abgelöst. Wenn auch „konservative" Regierung in England nicht zu vergleichen ist mit dem Begriffe von „konservativ" am Kontinent, wo dieses Wort Rückschritt, Unduldsamkeit, engherziger Chauvinismus bedeutet, so gibt es doch manche Punkte, in welchem sich der englische Konservativismus mit dem kontinentalen messen kann. Kaum hat der Innenminister Johnson Kickes sein Amt angetreten, hat er seiner Absicht Ausdruck gegeben, den „Fremdenzustrom", worunter man in erster Reihe den' Ostjuden verstehen muß, zu „regulieren" unter dem Vorwande, daß es in England auch ohnedies viele Arbeitslose gibt. Das war der Auftakt für eine ausgedehnte Zeitungsfehde gegen die Ostjuden. An der Spitze schreiten „Times" und „Morning Post", „Times" geben einer sachlichen, aber entschiedenen Entgegnung Raum, die von Lord Rothschild stammt. In dem Brief Rothschilde wird darauf hingewiesen, daß die vorgebrachten Anschuldigungen gegen die Ostjuden in East End Londons auch dort, wo sie den Tatsachen entsprechen, durchaus keine „jüdische" Erscheinung bilden können, weil sie entweder ein allgemeines Uebel oder zumindest die Folgen der starken Beteiligung der Juden an dem Weltkriege an der Seite des englischen Soldaten sind. Hingegen weist Rothschild auf den großen Wert des jüdischen Elementes für die Entwicklung des englischen Welthandels usw. hin. Die jüdische Erfahrung lehrt, daß solche antijüdische Be-. wegungen, auch dann, wenn Männer, wie Lord Rothschild, sich ihr schon im ersten Aufkeimen entgegenstellen, dennoch von üblen Folgen für die betroffenen Juden sind. Und so dürften wir es bald erleben, daß das freiheitliche England seine Tore vor den verfolgten Ostjuden sperren wird. Flucht nach dem Norden. Es scheint, daß es Herrn Ludendorff in Bayern nun doch zu ungemütlich geworden ist, wo der schlauere Rupprecht ihn mühelos an die Wand drückte. Und es klingt besonders plausibel, daß er, wie auf Grund deutsch-völkischer Indiskretionen berichtet wurde, seine Zelte dort abbrechen und in Mecklenburg aufbauen will. Der Ochse im mecklenburgischen Wappen wird huldvollst lächeln, wenn sich der große politische Reinfall-Stratege unter seinen Schutz begibt. Auch sind schon standesgemäße Quartiermacher ihrem Ehrenpräses vorausgeeilt. Wir lesen in einer süddeutschen Zeitung: „Die Ehrendenkmünze des Weltkrieges ist in letzter Zeit Zielpunkt für Angriffe von den verschiedensten Seiten gewesen. Am liebsten hätte man sie

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