Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 1 (7.1.1925)
- Date
- 1925-01-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Veröffentlichungen der L«H>I „Union deutschösterreichischer Juden**! Wien IX. | j Berggasse 41 5 _ :Postsparkassen - Konto*! Nr. Qä.f>A S ■nuiiHHiHnHniHiimHUHHnmuniimiimiuuumtfMiK Chauvin in allen Gassen. Oder in allen Ländern, .wenn die Erde als einzige Stadt aufgefaßt wird, dann sind die Länder eben ihre Gassen. Und in diesen ist Meister Chauvin, der vielgestaltige, alle Sprachen beherrschende, engbrüstige und kurzdenkende Geselle, anzutreffen. Einer näheren Bezeichnung bedarf er wohl nicht. Denn wo immer er auftritt, zeigt er dieselben Allüren. Und wenn auch seitn Aeußeres nicht immer das gleiche ist, im Wesen bleibt er stets derselbe. Vor dem Kriege war er noch etwas bescheidener, hat seinen verschrobenen Nationalismus, mit dem er immer prunkt und flunkert, den er bei jeder Gelegenheit vorschiebt, nicht so stark hervorgekehrt, wie er es gegenwärtig macht In seinem fleknatlande Frankreich war er in Permanenz. In Ungarn fand er unausgesetzt Momente, sich in seiner Weise zu betätigen; auch in anderen Gegenden Heß er es nicht an seinem Gehaben fehlen. Man gewöhnte sich schon an sein vordringliches Gebaren in diesen Ländern, lächelte zuweilen darüber und ließ es geschehen. Erstens weil man es nicht hindern konnte, zweitens weil er nicht immer für andere schädlich war. Allerdings gab es da und dort Vorkommnisse, wo andere durch dien Chauvin, der nicht selten die Grenzen des politisch und gesellschaftlich Erlaubten überschritt, zu leiden hatten. Doch pflegte man sich darüber hinwegzusetzen. So war es, wie gesagt, in früheren Zeiten, Heute gibt sich der Patron, den man eigentlich in seinem Wirken und nicht in der Person selbst gekennzeichnet hat, ganz anders. Er erscheint in verschiedenen Bezeichnungen. Bei uns in Oesterreich hat er den deutschen Namen Hakenkreuzler angenommen. Im Lande der Magyaren erscheint er als „erwachender Ungar". Sie gleichen sich vollständig. Ihr aufdringliches, mehr als radaulustiges Benehmen ist weder innerhalb noch außerhalb unserer Republik ein anderes, sondern stellt sich immer als dasselbe dar. Provokationen, tätige Angriffe, Alleinherrschaft m der Politik und viele andere Zutaten stellen ihre Charakteristik dar. Chauvin sitzt allen diesen Leuten im Genick. Sie gebärden sich, als wären sie wirklich ein staatserhaltendes Element, indes sie nur Zwietracht und Ungemach in die Bevölkerung bringen. In solcher Weise, wie die Chauvinisten gegenwärtig in der Oeffentlichkeit auftreten, so haben sie sich niemals geäußert. So anmaßend, wie wir es jetzt sehen können, ist Chauvin noch niemals auf dem Plan erschienen. Man fühlt ihn, wo er sich auch nicht gänzlich zeigt. Und wo er wirklich erscheint, da gibt es nicht nur starke Verwirrung, in Gassen, Straßen und auf Plätzen, es pflegt mitunter auch Blut zu fließen — zur größeren Ehre des politischen und gesellschaftlichen Lebens. Man hat allseits geglaubt, die demokratische Form unserer Regierung werde den Chauvins, soweit sie auch in Oesterreich ein Dasein hatten, I Telephon Nr. 19-2-77 die Flügel stutzen. Das Volk als solches werde seine Rechte an die richtige Stelle setzen und eine hohe Gleichstellung der Person ohne Unterschied' des Standes und des Glauibensbekenntnisses durch seine Souveränität mit sich bringen. Die Sache hat sich aber anders gestaltet. Gerade die durch die republikanische Institution entstandenen Verhältnisse haben sonderbarerweise eine Atmosphäre geschaffen, in der Meister Chauvin nun als Hakenkreuzler sein Unwesen treibt. Zur Steuer der Wahrheit sei aber hervorgehoben, diaß das Hakenkreuzlertum keine heimatliche Genesis habe, sondern aus dem deutschen Reiche importiert wurde. Leider ist unser liebes Oesterreich wiederholt zum Versuchskaninchen für feindliche Experimente auserkoren worden. Diese Erfahrung hat man bei uns nur zu oft zu verspüren bekommen. Nun ist sie leider wieder da. Warum wir das alles jetzt betonen? Ganz einfach, weil wir als Juden in erster Linie unter der Straßenherrschaft der Hakenkreuzler hier wie jene in Ungarn unter den „Erwachenden" zu leiden haben. Für alle Erscheinungen der Politik und des sozialen Lebens, sofern sie nicht günstig für die Allgemeinheit sich gestalten, wird natürlich der Jude verantwortlich gemacht. Mag er auch gewöhnlich das Beste wollen. Gewaltsam wird ihm die Ursache für das Gegenteil zugeschoben. Wenn alle Hebel angelegt, alle zweckdienlichen Wege eingeschlagen sind, da, wo vom Himmel ein unerwartetes Ereignis sich niederläßt, durch welches das Wohl der Sache nur für einen Augenblick gefährdet erscheint, da— weiß man schon, wer Schuld daran trägt! Ob schön, ob Regen, ist einerlei. An diese nichts weniger als erfreuliche Tatsache wären wir schon so ziemlich gewöhnt, sie macht uns schon gleichgültig. Allein die Form, wie sie jetzt durch die Hakenkreuzler und „Erwachenden" zum Ausdrucke gelangt, fordert uns nachdrücklich heraus, der ganzen Angelegenheit etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen als bisher. Zunächst sei festzustellen, was schon seit Jahren allseits eine Grundregel ist, daß man dem off enkundigen Feinde mit größeren Vorbereitungen entgegentreten kann als dem geheimen. Man kennt seine Waffen und! vermag sich bis zu einem gewissen. Grade gegen dieselben zu wehren, indem man die erforderlichen Gegenmaßregeln ergreift. Nicht so ergeht es dem versteckten Gegner gegenüber. Und dieser Chauvin sitzt für uns Juden in bestimmten Kanzleien und Büros. .Dieser Chauvin dekretiert nur zu oft Bescheide, deren Tendenz in direkter Weise sich gegen das Judentum richten. Diesen Leuten gegenüber ist nicht so leicht die richtige Verteidigung zu finden. Man bedient sich aller gesetzlichen Mittel, um die Gesetzwidrigkeiten) der betreffenden Bescheide hinfällig zu machen, doch ergibt sich leider nur in dem seltensten Falle das gewünschte Resultat. Alle Mühe und Anstrengung, das