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Die Wahrheit · 1925-01-07 · Heft 1 (7.1.1925) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 1 (7.1.1925)
Date
1925-01-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Nr. 1 DIE WAHRHEIT Seite 9 der Wiener Judenheit wäre unvermeidlich gewesen; Kämpfe, wie in Berlin und Hamburg, mit ihren näß liehen Begleiterscheinungen hätten zur Bildung von zwei Lagern geführt, wenn nicht zur richtigen Zeit ein Mann segensreich eingegriffen hätte: Isak Noa Mannheimer. (Fortsetzung folgt.) An die Adresse des Hern Werner Sombart Lange haben Sie geschwiegen, Herr Doktor. Mit Aus nähme einiger Fachkreise hat man durch geraume Zeit vor* Ihnen nichts gehört. Und das war gut, für Sie und für andere. Nun traten Sie wieder vor die Oeffentlichkeit. In einem Wiener Blatte bringen Sie einen Artikel über die „finstere Zeit". Das hätten Sie bleiben lassen sollen. So hätten Sie sich eine Blamage und uns die Mühe erspart, mit Ihren extravaganten Ausführungen uns befassen zu müssen. Was ist Ihnen eingefallen, hochgelahrter Herr, das Mittelalter, das doch mit Recht als die finstere Zeit bezeichnet wird, derart zu glorifizieren, daß Sie es als helles Zeitalter bezeichnen? Vielleicht haben Sie doch recht: Damals, im Mittelalter brannten unzählige Scheiterhaufen, in deren Flammen hunderttausende - von Ketzern ihr Leben lassen mußten. Gewiß ist Ihnen deshalb das Mittelalter so hell erschienen. Sie nennen den Zeitpunkt hell im Gegensatz zu unseren Tagen, wo man nicht allein Gott, sondern auch die Naturkräfte als Mächte anerkennt. Ihre plötzliche Frömmigkeit, die aus Ihren Judenbüchern keineswegs hervorleuchtet, macht uns erstaunen und gibt uns wahrhaftig zu denken über Ihre Wandlung und Geistesrichtung. Uns kommen da jene Frauen in Erinnerung, die in ihren jungen Jahren einen nichts weniger als frommen Lebenswandel führten, in ihren alten Tagen jedoch überaus bigott wurden. Damit sei beileibe nicht gesagt, daß Sie, Herr Professor, das Pendant zu solchen Frauen darstellen. Aber auffallend ist Ihre Denkungsweise auf jeden Fall. Was Sie über den Wert des Marxismus sagen, darüber mögen sich kompetentere Stellen mit Ihnen auseinandersetzen. Bei uns erzeugt es nur ein bedenkliches Kopfschütteln, wie Sie sich über die modernen Wissenschaften und die Technik so geistvoll zü äußern belieben. In der modernen Technik ist Ihrer Ansicht nach ein Werk sinnloser als das andere! Sinnlos ist also die Erfindung des Telephons, das Radio, und die Ueberfliegung des Ozeans. Sonderbar, höchst sonderbar. Auch das Pflegen des Körpersports ist Ihnen ein Greuel. Das können Sie halten, wie Sie wollen. Wenn Sie aber von „Störung und Auflösung der Kultur" sprechen, so haben Sie in Ihrem famosen Auslassungen ein wichtiges Moment entweder vergessen oder mit Absicht nicht hervorgehoben. Warum, sehr geehrter Herr, haben Sie jener kulturwidrigen Bewegung nicht erwähnt, die sich in unqualifizierbarer Weise unter verschiedenen Bezeichnungen gegen eine ganze Klasse der Bevölkerung, gegen die Juden, richtet? Jene ,Rassenschützler\ und ihre Helfershelfer, deren Treiben zweifellos eine Kulturschande bedeutet? Nun, wir wissen schon warum, Herr Dr. Sombart, weil diese Bewegung Ihrer Meinung nach nicht sinnlos ist. sondern ins Mittelalter gehört, wo es doch so hell war und wo man Mordtaten beging, zur „größeren Ehre Gottes". Wenn Sie wegen solcher Zustände jene Epoche eine finstere genannt hätten, würde Ihnen die ganze Welt zugestimmt haben. So aber haben Sie sich — im Sinne Ihrer geistigen Produkte über die Juden — auf ein anderes Terrain begeben, wo Sie mit Ihren mittelalterlichen Anschauungen allein dastehen. Mit Anschauungen, für die es nur ein Lächeln gibt. Schließlich, was ist der Zweck Ihrer gegenwärtigen eben veröffentlichten Arbeit? Sie schimpfen über die Reklame, verfallen aber selbst in diesen Fehler. Sie haben mit Ihrer Arbeit doch nichts anderes bezweckt, als für Inre neuesten Werke Reklame zu machen. Si taeuisses ... Ph. L. Der Jüdische Gewerbetreibende. „Handwerk hat einen goldenen Boden!" Dieses schöne Sprichwort hat jeder von uns, der aus einer gewerbetreibenden Familie stammt, in der Schule vom Lehrer, zu Hause von den Kunden gehört. Gesehen haben aber die meisten ehrlich arbeitenden Handwerker sehr selten etwas von diesem berühmten „goldenen" Boden. Es muß einmal ausdrücklich gesagt werden, daß der jüdische Gewerbetreibende gerade von seinen Glaubensgenossen s-ehr wenig mit Arbeit unterstützt wird. Sie kaufen Heber bei einem christlichen Meister, der wohl fest auf die „Herren Juden" schimpft, aber die eben zu seinen Kunden zählenden gnädigst davon ausnimmt. Das macht gar nichts. Man läßt neune gerade sein, ist zufrieden und läßt weiter bei ihm arbeiten. Man ist doch freisinnig! Ob sich aber die „Herren Juden" nicht doch manchmal fragen sollten, ob ein jüdischer Meister sein Fach nicht mindestens ebenso gut versteht, wie sein ehemaliger christlicher Lehrkamerad? Ob man sich in gewissen Kreisen eine Vorstellung davon machen kann, wie viele Kunden dem jüdischen Kleinmeister verloren gehen, eben weil er Jude ist, trotzdem er mindestens so gut und preiswert arbeitet Und nach dreißig- bis vierzigjähriger „meisterlicher Herrlichkeit" winkt ihm das „Bäckenhäusl" in Lainz als Altersversorgung! Durch den Lehrlingsverein in der Stadt, Schultergasse, haben so viele jüdische Burschen fein Handwerk erlernt, die gewiß ein besseres Los verdient 'hätten. Schon aus dem einfachen Grunde, weil gerade die jüdischen Arbeiter und Hand Werkmeister das Gefasel der Antisemiten, daß „der J ud" nicht arbeitet Lügenstrafen. M.A. IlLWJij Eingesendet Ilpl| Für diese Rubrik übernimmt die Redaktion keine Verantwortung. Zur Wiedereröffnung der Wojä- Mittelstandskuclie,Grie chengasse 3 Eine Aufklärung. Der in schwerer Nachkriegszeit 1921 gegründete Verein „Woja" (Wirtschaftliche Organisation jüdischer Angestellter), dessen Präsidium aus Gemeinderabbiner Dr. Rosen mann, Oberrevident Karl Blume und dem bereits gottseligen Schulrat Professor Dr. Weiß bestand, übernahm mit Ende Juni 1921 die beiden „J o i n t" - K ü c h e n Rossauerkaserne und Griechengasse, mit der Bestimmung, die Küchen für die Dauer eines Jahres zu führen. Der Leitung der „Woja" gelang es, Subventionen zu erhalten sowie billige Lebensmittel zu erstehen, so daß die Küchen über die bestimmte Zeit hinaus ihre segensreiche Tätigkeit entfalten Konnten und zum Beispiel im ersten Halbjahre 1924 allein an Ermäßigungen für Minderbemittelte ein Betrag .von zirka 70 Millionen gewährt wurde. Auf Grund der festfundierten finanziellen Lage durfte der Vorstand der „Woja" im Jahre 1923 daran schreiten, den „unentgeltlichen Arbeitsnachweis" kooperativ zu übernehmen. Noch im Mai 1924 konnte ein bedeutender Vermögensstand konstatiert werden. Als Präsident Rabbiner Dr. Rosenmann sowie viele Vorstandsmitglieder im September 1924 von ihrem Urlaub zurückkehrten, wurde ein gewaltiger Verlust festgestellt, über welchen der verantwortliche Sekretär und Büroleiter vor der Untersuchungskommission keine Aufklärung geben konnte, weshalb er über einstinrmigen Beschluß des Vorstandes entlassen wurde. Der Umstand, daß der entlassene Sekretär im Verein mit anderen eine provisorische Pfändung zur Sicherung ihrer vermeintlichen Ansprüche der beiden Küchen bei Gericht erwirkten, veranlaßten den Vorstand, einstweilen die Küchen zu sperren, hierauf die provisorische Pfändung aufheben zu lassen und schließlich an die Sanierung der „Woja" zu schreiten. Der Sammeltätigkeit des Rabbiners Dr. Rosenmann gelang es in kürzester Zeit, von privater Seite vierzig Millionen, ebenso beim amerikanischen Komitee fünfzehn Millionen zu erwirken, wozu noch die Kultusgemeinde nach erfolgter Einsichtnahme in die Verhältnisse; fünfundzwanzig Millionen als Subvention gewährte. Die „Woja"- Mittelstandsküche in der Griechengasse wurde nun eröffnet Nachdem Herr Rabbiner Dr. Rosenmann die „Woja" in hingebungsvoller Arbeit saniert und vor dem Zusammenbruch gerettet hatte, erklärte er Ende November seine Aufgabe für erfüllt und legte sein Präsidium zurück und, obschon er vom Vorstande einstimmig ersucht wurde, die Leitung des Vereines weiter zu behalten, beharrte er auf seinem Entschluß. Für den Vorstand der „Woja" Direktor Pisek m. p. Wien, 2. Jänner 1925.

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