Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-01-07 · Heft 1 (7.1.1925) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 1 (7.1.1925)
Date
1925-01-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064023--13357-3080857
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite S nm w*mim Josef und seine Brüder. „Nimm mich als Sklaven, nimm mich hin" — Verzweiflungsschrei, dem tiefsten Schmerz entliehen. „Ich. bürgte für den Knaben Benjamin, Laß ihn zur Heimat mit den Brüdern ziehen. Er ist des Vaters letzter Sonnenstrahl, Dem schon der Tod einst einen Sohn entrissen; Mißt er den Jüngsten, wird zur höchsten Qual Sein Alter ihm, erfüllt von Bittemissen." Stumm Josef hört Jehudas heißes Fleh'n, Des greisen Jakob muß er still gedenken. Er fühlt der Heimat weiche Lüfte weh'n. Von Tränen feucht sich seine Blicke senken. „Nicht trag4 ich das Geheimnis mehr allein, Kann meines Herzens Pochen nimmer wehren, Josef bin ich, den Qott aus Kerkers Pein Emporgeführt zu königlichen Ehren. Preist, Brüder, mit mir, preist den* Herrn, Der heilte uns von Schicksalsschlägen. Hans Jakob, hell erglänzt dein Stern Und es erfüllt sich Isaaks Segen." Beate Baumgarten. Hanptmomente ans der Geschichte der Juden in Wien. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Eine fast exterritoriale Stellung innerhalb der Wiener Judenschaft nahm vom ersten Augenblick dias Haus Rothschild ein. Die Wiener Juden empfanden sofort, welche gewaltige Stärkung ihrer Stellung aus dem hohen Einfluß, namentlich aus der besonderen Wertschätzung erwuchs^ deren sich Freiherr Salomon Mayer v. Rothschild bei Hofe, aber auch in den weitesten Schichten der Bevölkerung erfreute. Christian Wilhelm Berghöffer, der Historiograph des Bankhauses Rothschild und seines Begründers Meyer Am sehe 1 Rothschild hebt in seinem Werke hervor, daß das Frankfurter Haus Rothschild lange vor dem Jahre 1800 in Beziehung zum kaiserlichen Hofe in Wien getreten sei In einem Patent des Kaisers Franz II. vom 29. Jänner 1800 wurde darauf hingewiesen, daß Meyer Amschel Rothschild während des damaligen Krieges mit Frankreich „seine patriotischen Gesinnungen für das deutsche Vaterland und seine Ergebenheit für den kaiserlichen und des Reiches Dienst werktätig an den Tag gelegt habe", sowie daß dieser „die Geldgeschäfte, die beim kaiserlichen Reichsoberpostamte zu Frankfurt und' bei der fürstlich Thun und Taxischen Generalkasse vorkamen, stets mit gründlicher Sachkenntnis, Sorgfalt und wahrer Rechtlichkeit besorgt habe". Die Niederlassung des Hauses Rothschild in Wien erfolgte allerdings erst viel später, im Jahre 1816. Das Bindeglied zwischen den „Tolerierten" Wiens und dem Hause Rothschild war der Prokurist desselben, der feüisinnige Leopold Ritter von W e r t h e i m s t e i n. Andere Männer von wohl geringerer finanzieller Bedeutung, die aber trotzdem schwer "genug wog, waren Bernhard Freiherr von E s k e 1 e s und Nathan Edler von Arnstein. Ersterer, der in Wien im Jahre 1772 sich niederließ, wurde vom Hofe und der Regierung während der Kriege mit Napoleon zu finanziellen und politischen Aktionen verwendet, nahm später an der Begründung der v Wiener Sparkassa sowie der österf. reichischen Nationbank (1816) teil, deren Gouverneurstellvertreter er gewesen ist und galt vor allem als der erprobte, verläßliche j Berater des Staates in seinen mannigfachen wirt- | schaftlichen Nöten. Sein Schwager Nathan Edler von j Arnstein ergänzte ihn in jeder Weise, wobei | allerdings diese beiden» auch sozial einflußreichen 1 Finanzmagnaten nur lose mit dem Wiener Judentum f zusammenhingen. Ihre Salons, in denen Fanny Arnt steimund Cäcilie Eskeles, neide Töchter des Bankiers Daniel Itzig in Berlin, die Blüte des schöngeistigen Wiens sowie die Vertreter des Adels und der Diplomatie um sich versammelten'. ließen kaum j einen jüdischen Hauch eindringen; im Gegenteil, sie bildeten die Brücke zum Uebergang ins — andere lager. « i Der Wiener Kongreß, über den mit Be- ] zug auf die Judenfrage Dr. S. B a r o n ein gediegenes xBuch geschiiebn hat, berührte kaum erheblich die weitere Entwicklung des Wiener Judentums. Weit mehr machten sich auf ihm Einflüsse zweier Richtungen geltend, die beide merkwürdigerweise von Berlin ausgingen und doch entgegengesetzter Natur waren. Die eine Richtung war die der „Maskllian" (Aufgeklärten), zumeist durch die „Hauslehr e r" vertreten, welche auf die Pflege des H ebräischen hinarbeiteten. Meier I. Le11eris war einer der Führer dieser Kreise, die schließlich in einem Jahrbuche „Bikkure Haitthn" ihr Organ sich schufen. Die andere Richtung bezweckte die Modernisierung oder, genau gesagt, die Germanisierung des Kultus und demgemäß die weitestgehende Ausschaltung der hebräischen Gebete und1 Ersetzung d e rs e Lb e n durch deutsche. Da aber hinter den letzten Bestrebungen als mächtiger Antrieb sich die Hoffnung befand^ durch Angleiohung an die christliche Bevölkerung „in Sprache, Kenntnissen, Sitten und Betragen", wie es in eine Memorandum der Wiener Juden heißt, auch d i e g 1 e■ i c h e n R e c h t e zu erlangen, konnte es nicht zweifelhaft sein, welche von den beiden Richtungen den Sieg davontragen werde. Die Reformideen begannen allmählich die Gemüter zu erfüllen. Gerson Wolf schildert in seiner bereits erwähnten „Geschichte der israelitischen Kultusgemeinde in Wien" recht anschaulich, wie die ersten Versuche in dieser Beziehung unternommen! wurden und mißlungen sind. Im ersten Anlaufe schien man mit dem Hebräischen konsequent mach und nach, aufräumen oder mindestens einen rein deutschen Gottesdienst neben dem hebräischen einführen zu wollen, und zwar ersteren für die „alten Religionsgenossenschaften", letzteren für die „neumodischen", namentlich für die Jugend. Ein Riß in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.