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Die Wahrheit · 1925-01-07 · Heft 1 (7.1.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 1 (7.1.1925)
Date
1925-01-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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5»if 4 Offi WAHRHEIT Nr. 52 Juden in einem seiner Romane auftreten zu lassen, aber das sollte kein Spaßvogel sein, wie er sich in den Karlsbader Notizen hören läßt, sondern eine bedeutsame Figur, eine wichtige Erscheinung. Der fürchterliche Verdacht scheint vielmehr berechtigt, daß Goethe von den ihm zugetragenen Anekdoten jene in seiner Erinnerung festhalten wollte, die ihm des Weitererzählens wert schienen und die er bis dahin nicht gekannt hatte. Man hörte dergleichen auch in Weimar nicht ungern. Und der Herr Staatsminister wußte Scherze dieser Art ganz ausgezeichnet vorzubringen. Die Aufzeichnungen nun ^im Karlsbader Tagebuch sind offensichtlich nur Gedächtnisstützen. Sie geben die Anekdoten nicht so wieder, wie man sie vorträgt, sondern in Stichworten, die „Pointe" besonders betonend. In dieser Weise: „Ein Jude wünscht, daß Gott die Waden vorn hingesetzt hätte, weil man sich so oft an die Schienbeine stoße und hinten keine Gefahr sei." An sich ist der Scherz keine Judenanekdote, sondern eine richtige Eulenspiegelei. Jüdisch wäre er erst durch ein dem eigentlichen Witzwort vorangehendes, einen jüdischen Schalksnarren charakterisierendes Geschichtchen und durch den — Ton, der bei mündlichem Vortrag die Musik macht. Die zweite Notiz: „Spaßige Judengeschichten, besonders die von dem aus Potsdam nach Berlin reisen wollenden und nach den Meilen sich erkundigenden: „Ich bezahle auch 12 Pferde und bin schon da." Diese Anekdote ist heute noch lebendig und wird in etwa folgender Fassung erzählt: Ein Jude will von Potsdam nach Berlin fahren und erkundigt sich beim Postverwalter nach der Zeitdauer solcher Reise. Der Postmann sagt: „Wenn Ihr ein Pferd nehmt, schafft Ihr die vier Meilen in drei Stunden." — „Und mit zwei Pferden?" — „Mit zweien in zwei Stunden." — „Und mit vieren?" — „In einer Stunde." — „So laßt zwölf Pferde anspannen, dann bin ich schon da." Bei dieser durchaus echten Judengeschichte kommt es auf das Erzeugen einer gewissen Spannung an, damit das Schlußwort überraschend wirke. — Die dritte Notiz: Anekdote von einem Juden, der mit offenen Beinkleidern vorübergeht und reprochiert antwortet: „Was geht's den Herrn an? Ich schöpfe Luft" In dem Worte „reprochiert" liegt die Andeutung des „jüdischen Drehs": ein berechtigter Vorwurf wird durch einen scheinbar berechtigteren, jedoch den Sinn umkehrenden, abzulenken gesucht. Die vierte Notiz: „Geschichte von einem höchst unwissenden Juden, der reich geworden, sich in allerlei Kenntnissen unterrichten ließ, von denen er die Namen hörte. Er fragte den Lehrer einstmals, wie denn der Tisch auf Geographie heiße." Zeitlang mit sich ... Er sah diese Perle einer Frau, welche vom Unrat des Lebens noch gar nicht verunreinigt war, er wußte, daß er diesen Engel in die Kloake menschlicher Gelüste und Schwächen einführte, er ahnte, daß er ihren Seelenfrieden, ihr Qföick zerstörte und dennoch sagte er es, dennoch legte er Hand an dieses zarte Gewebe, um es für immer zu vernichten. „Diese Dame sucht Amüsement, von welcher Seite es auch komme. Sie scheint es heute auf Ihren Herrn Gemahl angesehen zu haben, ob sie darin Glück hat, das kann ich, Gnädigste, leider nicht beurteilen." Recha wurde aschfahl, sie senkte tief bestürzt und plötzlich aus allen Himmeln gefallen den Kopf, Tränen drangen in ihre Augen. Sie raffte ihre Kräfte zusammen und huschte davon, ohne Gruß, ohne Abschied, über den Korridor <zmm Portier, von dem sie die Zimmerschlüssel verlangte. Der Portier übergab ihr den Schlüssel und und einen an sie persönlich adressierten Brief, welcher erst knapp vorher mittelst Eilboten zugestellt worden war. Sie nahm den Brie* ohne Gedanken und lief wie eine Katze über die Stiegen hinauf ins Zimmer, warf ihre Ballkleider von sich und fiel aufs Sofa, wie eine Verzweifelte weinend. ... (Schluß folgt.) Allerdeutlichst wird bei dieser Anekdote, die auch heute noch zur Verhöhnung von Emporkömmlingen erzählt wird, der Charakter einer Gedächtnisstütze. Wem das Geschichtchen unbekannt ist, versteht die Pointe nur mangelhaft. Es muß ihm erst gesagt werden, daß der Unwissende Geographie für eine fremde Sprache hält. Die fünfte Aufzeichnung Goethes macht mir die ihr zugrundeliegende Anekdote nicht deutlich genug. Es scheint sich um einen betrügerischen Schelmenstreich zu. handeln, bei dem es auf ein Witzwort nicht ankommt. Dies die Notiz: „Geschichten von den Juden, die für eine Gefälligkeit 1500 Dukaten bieten. Das Geld wird von dem Protektor abgelehnt, der sich schließlich bereit erklärt, 4 Pfund Tee anzunehmen, die jedoch die Juden bis auf ein Pfund vermindern und auch dies nicht abgeben." Wer weiß mehr von den hier skizzierten Anekdoten, die ich, wie die andern auch, nach Teweles' Schrift wiedergebe? Mir ist sie nicht bekannt. 12 Jahre Wiener Gemeindetätigkeit, (Fortsetzung.) Seit dem Jahre 1900 entfaltet der unter dem Präsidium der Frau Charlotte Königswarter und unter der Patronanz der Kultusgemeinde stehende „Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen" eine überaus segensreiche Wirksamkeit durch die Verabreichung von Geldunterstützungen, von Bett-, Leib- und Kinderwäsche, von geburtshilflichen Utensilien, sowie die Honorierung von Aerzten, Hebammen und Wartepersonen. Entsprechend dem Geburtenrückgänge ist wohl die Zahl der Petenten geringer geworden, doch hat die Steigerung der Preise einen sich jährlich stetig erhöhenden Geldaufwand zur Folge. Fast viertausend Wöchnerinnen sind in der Berichtsperiode der Fürsorge dieses Verbandes teilhaftig geworden. In der Zeit vom Jahre 1919 bis zum Jahre 1923 hat das unter dem Ehrenpräsidium Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d und dem Präsidium des Kultusvorstehers Herrn Isidor Schwarz s. A. gestandene „Sanierungskomitee für die notleidenden israelitischen Wohlfahrtsanstalten Wiens" eine ungemein segensreiche Wirksamkeit entfaltet, indem es während seiner Tätigkeitsperiode den Betrag von K 532,476.000 aufbrachte und den verschiedenen Anstalten und Institutionen zuführte. Bei seiner im Oktober 1923 erfolgten Liquidation ergab sich noch ein Barbestand von K 120,000.000, von welchen K 50,000.000 der Versorgungsanstalt, K 30,000.000 für die wissenschaftlichen Institute des Spitals der israelitischen Kultusgemeinde, K 25,000,000 dem israelitischen Taubstummeninstitute und K 15,000.000 dem israelitischen Blindeninstitute zugeführt wurden. Diese imposante Leistung kann erst richtig eingeschätzt werden, wenn der Geldwert in den Jahren 1919 bis 1922 in Betracht gezogen wird. Durch die Anbringung einer Gedenktafel in der Vorhalle der israelitischen Versorgungsanstalt hat der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde die verdienstvolle Tätigkeit dieses Komitees dauernd festgehalten. Das Spital der israelitischen Kultiisgemeinde. Im Jahre 1913 und im ersten Halbjahre 1914 erreichte das Spital der israelitischen Kultusgemeinde den Höhepunkt seiner ärztlichen und wissenschaftlichen Entwicklung. Aus allen Teilen der alten österreichisch-ungarischen Monarchie, insbesondere aus Galizien und aus den Balkanländern strömten zahlreiche Kranke dem Spitale zu, um hier Hellung zu suchen und vielfach zu finden. Im Jahre 1914 wurde eine gründliche Renovierung aller Räume des Spitales vorgenommen. Die finanziiejilen Verhältnisse der Gemeinde in der Kriegs- und Nachkriegszeit haben die Führung des Spitals ungeheuer erschwert. Die Bedachtnahme auf die obwaltenden Verhältnisse hinsichtlich der Kohlenbeschaffung bedingte die teilweise Einstellung der Dampfheizung und die Aufstellung von Oefen in den Krankenzimmern. Die Verteuerung der Lebensführung brachte Lohnbewegungen des Personals, wodurch die Generalunkosten und somit auch die Durchschnittskosten für den einzelnen Patienten eine stete Steigerung erfahren haben. Es mußte nach der Evakuierung der kranken Soldaten, angesichts des Mangels an vielen Behelfen ärztlicher Tätigkeit und der großen Not an Nahrungsmitteln, schließlich auch aus finanziellen Gründen, die Zahl der Spitalsbetten auf die Hälfte herabgesetzt werden. In dieser trostlosen Lage erfreute sich das Spital der werktätigen Hilfe ausländischer Missionen, unter denen ganz besonders die

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