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Die Wahrheit · 1925-01-07 · Heft 1 (7.1.1925) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 1 (7.1.1925)
Date
1925-01-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 52 PfE WAHRHEIT Soll man da noch etwas von der Stadt sagen? Ist sie doch voll von Spinoza und von sonstigen jüdisch-historischen Erinnerungen, führt doch eine ihrer 'Schönsten Straßen den Namen Dr. Samuel Z a r f a t i und ist doch ihr herrliches Museum voll von Josef Israels Bildern, die hier gleichsam wie ein König im eigenen Palast zu thronen scheint. Und es ist auch in schönster Weise für die Erhaltung des Judentums gesorgt worden, besteht doch hier ein altrenommiertes Rabbinerseminar, dessen Zöglinge im ganzen Lande segensreich wirken. Es wurde mir gesagt, daß Rabbiner zumeist auch Gymnasialprofessoren sind, die Griechisch und Latein tradieren, ein nachahmenswertes Beispiel, weil auf diese Weise nicht nur die Rabbiner in größerem Ansehen, sondern ihre Schüler auch mehr im Bann des Judentums stehen. In der Tat haben wir es in Holland mit einem lebenskräftigen, konservativen Judentum zu tun. Goethes jüdische Anekdoten. Von E. Luman. In der Frankfurter Zeitung veröffentlichte vor einigen Jahren — im Zusammenhang mit dem Streit um das zu Altona aufgefundene Joseph-Epos — der Hamburger Privatdozent Dr. Walter A. Berendsohn eine kleine Studie „Judendeutsch bei Goethes" (oder ähnlichen Titels). Darin war neben allerlei Possierlichkeiten erzählt von dem Stadtsergeanten Christfreund — in dem lateinisch geführten Haushaltungsbuch des Herrn Rats „Christamicus" genannt, — der, allem Anschein nach ein getaufter Jude 1761 dem zwölfjährigen Wolfgang das damalige Judendeutsch Frankfurtschen Gepräges beibrachte. Und so gründlich lernte der Knabe diese Mundart im Lesen und Sprechen, daß er kurze Zeit hernach imstande war, sie auch mit der Feder — wohlgemerkt, in jüdischen Schriftzeichen — zu gebrauchen: „ . . . indem ich mir das barocke Judendeutsch zuzueignen und es ebensogut zu schreiben suchte, als ich es lesen konnte." Dessen tut Goethe bekanntlich selber in „Dichtung und Wahrheit" mehrfach Erwähnung — besonders dort, wo er über seinen „Roman von sechs bis sieben Geschwistern" berichtet (die von dem Knaben erfundene Uebung in den bis dahin erlernten Sprachen), die, voneinander entfernt und in der Welt zerstreut, sich wechselseitig und in verschiedenen Sprachen „Nachricht von ihren Zuständen und Empfindungen mitteilen", wobei „der Jüngste, eine Art von naseweisem Nestquackelchen", sich des Judendeutsch bedient und „durch seine schrecklichen Chiffern die übrigen in Verzweiflung und die Eltern über den guten Einfall zum Lachen bringt." Daß der wunderliche Stadtsergeant mit seinem Schüler u. a. auch das „Purim" (Fastnacht)-Spiel „Mekirath Joseph" gelesen hat, „die Verkaufung Josephs", schließt Berendsohn aus der merkwürdigen Tatsache, dafl die Altonaer Joseph-Handschrift, die, wie allgemein bekannt ist, dem jungen Ooethe zugeschrieben wird, dies Purimspiel ebenso als Quelle benutzt, wie andere in „Dichtung und Wahrheit" erwähnte Werke; überdies führt er den Nachweis, daß die „Jüdischen Merkwürdigkeiten" des Rektors Schudt, die „Mekirath Joseph" in den hebräischen Lettern das Judendeutsch enthalten, sich in der Bibliothek des Rats Goethe befanden und heute noch im Weimarer Goethemuseum aufbewahrt werden. Berendsohns Aufsatz kam mir in lebhafteste Erinnerung beim Lesen einer sehr interessanten Schrift des Prager Lustspielautors und Publizisten Heinrich Teweles, betitelt „Goethe und die Juden", die ich dank dem Entgegenkommen des Verlages W. G e n t e, Hamburg, in den Aushängebogen kennen lernen durfte. Das Buch kritisch zu werten, das in seiner überaus klaren, von starker Liebe zu dem behandelten Thema, zu Goethe wie zum Judentum getragenen, auf Wahrheit gerichteten Darstellung einer großen Lesergemeinde sicher sein darf, möchte ich Berufenem überlassen; hier soll nur wiedergegeben werden, was Teweles aus den Schriften des Olympiers, des Größten unter Deutschlands Dichtern, an jüdischen Anekdoten anzuführen weiß. Goethe und — jüdische Anekdoten? So grotesk es manch einem auch klingen mag — die Zusammenstellung ist nicht ganz unberechtigt. Daß Wolfgang Goethe, geb. zu Frankfurt a. Main, sich dergleichen Geschichten gern erzählen ließ, ist durch seine Karlsbader Tagebücher bezeugt, die in die große Weimarer Ausgabe seiner Werke aufgenommen wurden. Bezeugt und beglaubigt nicht durch irgendwelche mehr oder minder feierliche Erklärung zu der ebenso feierlichen Frage: „Und was halten der Herr Geheime Rat von den Judenwitzen?", sondern durch die Tatsache, daß Goethe von solchen Aniekdoten gehört! ,#n' gemütlich harmloser Unterhaltung", etliche des Aufzeichnens wert gehalten hat. Um sie gelegentlich in einer Dichtung zu verwerten? Dies ist nicht anzunehmen. Zwar hatte er wiederholt die Absicht, die Gestalt eines Der Herr wollte die für ihn wie geschaffene Situation ausnützen und fuhr, in der Absicht, Recha zu necken, fort: „Der Herr Gemahl amüsiert sich anscheinend sehr gut. Ist ja auch eine amüsante Frau, das Fräulein Jovanovic, sehr schick und charmant/' „Was ist das für eine Frau?" fragte Recha nunmehr im erregten Tone, wobei ihr Gesicht eine tiefe Röte überzog. „Sie ist halt eine, wie nennt man das, eine Lebedame," antwortete der Herr, im Innern über den Fortschritt seiner Pläne und Hoffnungen Mut fassend. „Was versteht man darunter?" war die naive Frage Rechas. „Jedenfalls etwas gesellschaftlich nicht ganz Einwandfreies", erwiderte er in belehrendem Tone. Recha wurde heiß und schwül zu Mute. Sie rang nach Atem, wobei sie mit ihrem Elfen>beinfacher sich Luft und Abkühlung verschaffte. „Ist Ihnen hier zu heiß, Gnädigste" sagte er, anscheinend um das Wohl Rechas besorgt. „Es wäre für Sie besser, ein bißchen in den Garten hinauszugehen, um sich Erfrischung zu holen. Wenn Sie nichts dagegen haben, führe ich Sie hinaus. Der Herr Gemahl ist mit seiner Unterhaltung ja noch nicht iertig", wobei er zu Iwan und seiner Dame, wie um seine Behauptung zu bestätigen, hinschaute. Recha wußte »nicht recht, was sie tun sollte. In gedrückter, verwirrter Stimmung ließ sie sich von dem Herrn hinausführen. Als er ihr den Arm geben wollte, lehnte sie zwar höflich, aber äußerst entschieden ab. Sie erreichten den Garten. Er wies auf eine Bank hin, setzte sich neben sie und sagte: „Eigentlich habe ich mich noch gar nicht vorgestellt." Stand auf und stellte sich als Kamillo Rosini, italienischer Kon sul, vor. Recha nickte stumm und geistesabwesend. „Es tut mir sehr leid. Gnädigste," fing Kamillo wieder an, daß Sie heute nicht in der richtigen Stimmung sind. Eine solche Frau, ein solches Meisterwerk der Schöpfung, ein solches Wunder der Natur sollte nie von Kummer und Trübsal überschattet sein. Sie ist da, um das Leben zu verschönen, um dem leeren Dasein Inhalt und Fülle zu geben, ach wie bewundere ich Sie, gnädigste Frau!" Recha ging jene angebliche Lebedame nicht aus dem Sinn. Und sie genierte sich nicht, in kindlich-unerfahrenem Tone zu fragen: „Wissen Sie was über jene Dame? In welchem Verhältnisse steht sie zu meinem Mann?" Kamillo sah, daß er hier einen Charakter vor sich habe. Obschon es ihm besser paßte, Recha möglichst die Augen zu öffnen, kämpfte er eine

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