Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 1 (7.1.1925)
- Date
- 1925-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr 52 mußten. Man sagte mir, die Einrichtung habe einen fiskalischen Hintergrund, weil nämlich " die Portugiesen weit weniger Steuer erheben als die Deutschen; sie müßten gewissermaßen den Zustrom der Deutschen abwehren, um nicht die deutschen Brüder zu schädigen. Ich glaube nicht, daß dieser Grund auch für Wien vorhält und dennoch hörte ich, daß auch hier die „türkischen" Juden die Fremden zurückgedrängt hatten, bis sie einsahen, daß sie so vermindert seien, daß der Zuspruch der Fremden ihnen nur erwünscht sein könne. Hier im „Maamad" lernte ich auch den Oberrabbiner der Portugiesen und seinen Sohn kennen. Letzterer, Herr Lion P a 1 a a c h e, ein relativ noch junger Mann, ist in letzterer Zeit zu einer gewissen Berühmtheit gelangt, weil er, der fromme und rabbinisch gebildete Jude, zum Universitätsprofessor ernannt wurde, in welcher Eigenschaft er nun auch christlichen Theologen, zum Beispiel Unitariern, Hebräisch und Aehnliehes vorträgt; die Sache ist eben deshalb in der Presse sehr stark diskutiert worden. Das Ereignis selbst ist ein schöner Beweis von dem freien und gerechten Geiste, der in Holland herrscht und der den Juden so sehr zustatten kommt. So sind die Juden auch sehr stolz auf den Besuch der anmutigen Königin Wilhelmine, den diese ihrer Synagoge — der aschkenasischen Hauptsynagoge — anläßlich der Feier ihrer 25jährigen Regierung abgestattet hat. Und auch darauf können sie stolz sein, daß eine ausschließlich hebräischjüdische Bibliothek, die berühmte Rosenthalia n a, der Universitätsbibliothek angegliedert ist und auf Staatskosten erhalten und vermehrt hat. Und welche Schätze birgt diese Bibliothek! Unter kundiger Führung der Herren J. M. Hillesum und L. H i r s c h e l durfte ich sie sehen, diese Schätze, Handschriften, alte Drucke, Seltenheiten. Spinoza- und Sabbatai Zebi-Erinnerungen, Dinge, an denen sich das Auge nicht satt sehen kann. Bekanntlich birgt aber die Stadt noch eine andere großartige Sammlung von hebräischen und jüdischen Büchern, die des Herrn S. S e 1 i g m a n n, und es ist eine Lust zu wissen, daß ganze Reihen von viel gesuchten Dingen sicher und wohlgeordnet sich in der Hand eines verständigen Sammlers befinden. Die große „l.ivraria de Montezinos" Bücherei und Museum der Portugiesen — konnte ich leider, weil sie noch geschlossen war, nicht sehen, dafür aber wurden mir durch den Sekretär der deutschen Gemeinde, Herrn Dr. S1 u i s, alle Räume und Schätze dieser sehr reichen Kultusgemeinde in lehrreicher Weise gezeigt. Nicht die heutige Verwaltung, die freilich an und für sich den Besucher höchlichst interessieren und erfreuen kann, will ich rühmen, sondern das Verständnis und den Kunstsinn dieser Gemeindeführer, die für das Alte und Historische so weitherzig sorgen, die die Kunstschätze, die frommer Sinn in ihre Hände niedergelegt hat, mit solcher Liebe und zugleich in praktisch nützlicher Weise bewahren und verwalten. Da kommt man in einen hellen, großen Raum, wo Thorarollen, Mäntelchen und Verhänge in grosser Zahl aufbewahrt werden, jedes ein Schatz und eine Kostbarkeit für sich, jedes von eigenem Werte und jedes mit eigener Geschichte. Einen Gang weiter — und es öffnet sich der Schrank der „heiligen" Geräte, Silber und Gold, Meisterwerke der Kunst und beredte Zeugen der Opferwilligkeit vergangener Zeiten. Und es frappiert, wie gesagt, nicht nur der Reichtum dieser Gemeinde, sondern auch die vortreffliche Art der Anordnung, wie alle diese Dinge nicht nur aufbewahrt, sondern zu gewissen Zeiten in bestimmter Reihenfolge auch verwendet werden. Feuilleton ibbI Der Triumph der Sinne. Von Bernhard H o r o w i t z. (Fortsetzung.) Plötzlich ging eine junge, sehr elegante und sehr geschminkte Dame auf Iwan zu, und als er sie erblickte, löste er seinen Arm von Recha los und ging ihr entgegen. Recha blieb etwas betroffen im Gewühl stehen und es dauerte eine Weile, bis sie sich entschloß, sich zuriickzuziehen und an der Seite Platz zu nehmen. Sie saß noch keine fünf Minuten, als sich ihr jener Herr näherte, der sie gleich zu Beginn des Abends zum Tanze aufgefordert hatte. In weltmännischer Haltung sagte er: „Es tut mir herzlich leid, daß Sie, gnädige Frau, nicht tanzen. Oder war das eine spezielle Abfertiguinig für mich?" „Aber durchaus nicht" antwortete Redha in iersem, schüchternen Tone. „Also Nichttänzerin", fuhr er fort. „Auch darin wollen Sie, Gnädigste, eine Ausnahme von den anderen Frauen bilden?" „Wieso?" fragte Recha verwundert. „Daß Ihnen keine einzige Dame hier im Saale auch nur annähernd gleichwertig ist, ist ja sicher. Nicht eine einzige kann hier das Feld gegen Sie behaupten, ich habe mir alle genau und gründlich angeschaut. Seit dem Moment, als ich Sie erblickte, war es mir klar, daß ein Licht hier aufgegangen sei, ein neues Morgenrot, ein hellglänzender Stern, der in das Dunkel meines Lebens hineinleuchten wird." — Diese pathetische Rede, aus der ein starker leidenschaftlicher Ton klang, verwirrte Recha. „Was wünschen Sie denn von mir?" fragte sie. Sie stand bei diesen Worten auf und machte Anstalten, sich wieder unter das Menschengewühl zu begeben, da fiel ihr plötzlich ein, daß sie Iwan ganz unvermutet verlassen hatte und noch immer nicht zurückgekehrt sei. Der Herr bemerkte ihre zögernde Haltung und in aufmerksam-maliziöser Art sagte er: „Aber, Gnädigste, der Herr Gemahl unterhält sich prachtvoll mit dem Fräulein Jovanovic. Dort vor dem Büfett sitzen sie", und er zeigte ihr den Ort, wo beide sich niedergelassen hatten, und sich Wein und Sandwiches servieren ließen. Recha entfärbte sich. Wie starr schaute sie hin und zum ersten Male seit ihrer Flucht spürte sie eine starke Beklemmung.